Der feine Gaumen des europäischen Publikums

Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2004
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Artikel veröffentlicht am 17. Mai 2004

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Europa ist die intellektuelle und kulturelle Reserve der Welt. Ist das wirklich so? Man glaubt es natürlich. Haben die Europäer einen besseren "Geschmack"? Wir finden ja.

Wenn wir uns an den Bereich Kino halten, verdichten sich diese Klischeebehauptungen, um zu akzeptierten Wahrheiten zu werden. Akzeptiert auf dieser Seite des Atlantiks natürlich. In Europa wird Kino weder angeschaut noch genossen, sondern man lässt es sich auf der Zunge zergehen. Genauso wie ein Weinspezialist einen französischen Cru kostet oder ein Feinschmecker eine Scheibe Serrano-Schinken. In Amerika (wir weisen hier darauf hin, dass die Bipolarisierung unvermeidlich aber verwirrend ist - der europäische und der amerikanische Zuschauer, mehr gibt es nicht) beschränkt sich der Zuschauer darauf, seinen Heißhunger auf visuelle Fette mit enormen Film-BigMacs zu stillen, die voller Zutaten sind, die direkt das intellektuelle Cholesterin angreifen. Sie lieben die neueste Hollywood-Schießerei wie das Prickeln von Coca-Cola im Gaumen. Wir dagegen bevorzugen die langsame Verdauung einer Gourmetküche in Form eines emotionsgeladenen Gesellschaftsmelodrams.

Liegen die Dinge wirklich so? Natürlich nicht. Nicht immer. Da ist ein Funken Wahrheit, den man ausschlachten müsste, damit es so wäre. Aber das (Panorama) ist weit davon entfernt, so zu sein, wie es das Klischee beschreibt. Wo sind die, die dieses kultivierte und sensible Publikum zufriedenstellen, das in die europäischen Kinos geht? Es handelt sich in Wirklichkeit um eine statistisch missachtete Minderheit (durchschnittlich etwa 15 %), dieselbe wie in den USA. Wie viele Leute zahlen, um die Filme wahrhaft großer europäischer Regisseure zu sehen? Wie viele Sitze besetzt Oliveira in Schweden? Und Kaurismäki in Griechenland? Und Angelopoulos im Vereinigten Königreich?

Medienphänomene

Es gibt selbstverständlich Ausnahmen. Medienphänomene, die das Klischee, von dem wir ausgehen, glaubhaft machen. Wir sprechen hier von "Amélie", Almodóvar oder Benigni. Drei Bespiele dafür, was in Europa mit dem "Autorenkino" passiert.

Das erste Beispiel, der Film von Jean-Pierre Jeunet, unterstreicht das interessante Thema unseres kulturellen Elitismus. Die allgemeinen Lobgesänge der anspruchsvollen Kritik gingen immer mehr zurück, umso mehr Kinosäle das Phänomen "Amélie" füllte (so ähnlich ging es auch Benigni). Je populärer der Verlauf, desto schlechter die Einschätzung der Experten. Eine Art kultivierter Narzissmus zwingt dazu, das schlecht zu machen, was den "Leuten von der Straße" gefällt. Und wenn die, die den Geschmack orientieren sollen, von dem abraten, was gefällt, dann führen sie in die Irre. Was selbstverständlich nicht das ist, was europäische Kino braucht, um in unseren Sälen Fuß zu fassen.

Der zweite Fall (Almodóvar) ist jenseits der Pyrenäen, in Frankreich, von jeher gut aufgenommen worden. Seine Fähigkeit, auf der Leinwand das Versteckte der Conditio humana mit witzigen Transsexuellengeschichten zu kombinieren, zieht zweifellos das Publikum an. Nicht so wie James Cameron oder Peter Jackson, obwohl er dieselbe Zuschauerschaft hat. Er hat allerdings erst Cannes eröffnet, nachdem er zwei Oscars gewonnen hat und dafür weltweit berühmt geworden ist. Dasselbe passierte mit "Das Leben ist schön" von Benigni.

Es sind die USA, die unsere Kinosäle füllen

Der italienische Spaßvogel, (einmal sein Spektakel auf die Beine gestellt), sprang bei der Oscar-Gala über die Sitze.

Van Trier hatte seinen größten Erfolg, als die ultrabekannte Sängerin Björk ihm ihre Melancholie vorsang. In Cannes, Berlin oder Venedig (die letzten wirklich großen Kinobastionen) schlagen sich die Journalisten auf den jeweiligen roten Teppichen eher um Tom Cruise als um Moretti. Und einer der besten Dokumentarfilme über das italienische Kino musste von Martin Scorsese gedreht werden.

Zuvor lobten wir einige der wichtigsten europäischen Kinoerfolge der letzten Jahre. Aber es mussten anscheinend die Liebhaber alles Explosiven, die Amerikaner, sein, die uns sagen, dass europäisches Kino sehenswert ist. Die "kulturelle Ausnahme" entsteht genau auf umgekehrte Weise, und in Beispielen wie diesen scheint sich der Spieß umzudrehen. Europäisches Kino schaut fast niemand und wenn doch, dann zur "Amerikanisierung" des Produkts (entweder zur eigenen Empfehlung oder weil der Film "auf amerikanische Art" gedreht wurde).

Europäisches Kino - langweiliges Kino

Kino ist von allen Künsten zweifelsohne die, die man am wenigsten genießt, als ob es sich um eine Kunst handeln würde. Für die meisten Leute ist es eine Form der Zerstreuung und eine Freizeitgestaltung der geselligen Art (es ist eher mit einem Zoobesuch als mit einer Buchlektüre vergleichbar). Wenn es nun das ist, eine Form der Zerstreuung, warum hat sich in uns die Idee festgesetzt, hiesiges Kino sei langweilig? Könnte man es als solches empfinden? Sind die Zuschauer des europäischen Kinos sich darüber bewusst, dass sie ihr Eintrittsgeld und zwei Stunden ihrer Zeit verschwenden?

Der Mythos des eigentlichen Kinos von "Qualität" gegenüber dem kommerziellen Kino - gehen wir davon aus, dass es eine klare Trennlinie zwischen beiden gibt, obwohl die zuvor aufgezeigten Beispiele zeigen, dass diese Linie, wenn es sie gibt, sehr verschwommen ist. Es handelt sich natürlich um ein weiteres Klischee, das direkt gegen die Möglichkeit vorgeht, eine europäische Filmkultur zu schaffen, einen "europäischen Geschmack" von populärem Charakter, der über die Eliten hinausgeht. Und es ist dieser Funke, von dem wir zuvor gesprochen haben (jene "Almodóvars"), den es anzufachen gilt.