Der Fall Meredith: Schluss mit der Anti-Erasmus-Propaganda!

Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2007
Artikel veröffentlicht am 8. Dezember 2007
Eine Warnung an alle Surfer: Erasmus ist gefährlich, kann zu Depressionen und in Einzelfällen auch zu Selbstmord führen. Zu diesem Urteil kommt Ilvo Diamanti in der italienischen Tageszeitung La Repubblica; er wird darin von Eugenio Scalfari in der Zeitschrift L‘Espresso unterstützt.
Die Subkultur der „staatenlosen Jugend“ sei für den Mord an der englischen Austauschstudentin Meredith verantwortlich, der Anfang November in Perugia geschehen ist.

Für Diamanti ist die umbrische Provinzhauptstadt ein herausragendes Beispiel dafür, wie italienische Städte durch Erasmushorden entstellt werden und sich zu Un-Orten ohne „Recht, Ordnung und Autorität“ entwickeln. „In den Universitätsstädten [...] sind die Studenten nur auf der Durchreise. Sie haben keinen Bezug zur Stadt. Und sie haben auch nicht vor, dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Sie zahlen hohe Mieten für ein WG-Zimmer, das ihnen kein Zuhause sein kann.“

Ob sich Diamanti im Klaren darüber ist, wie viele Studenten nach ihrem Erasmusaufenthalt wieder dorthin zurückkehren, wo sie das schönste Jahr ihres Lebens verbracht haben? Die oft sogar, wie ich, dort Arbeit finden, heiraten und sich eine Zukunft aufbauen, die ihnen Italien – wo die Zukunftsaussichten deprimierend sind – nicht bieten kann?

Aber Diamanti geht noch weiter: Die „staatenlosen“ Studenten verfügen über „keinerlei soziale Bindungen. Weder sind sie als Gesellschaft noch als Gemeinschaft zu betrachten. Sie bewegen sich in einem Netz oberflächlicher und meist nur kurzzeitiger Beziehungen. Eng aber unverbindlich.“

Das ist nun wirklich die Höhe, lieber, verehrter Herr Diamanti! Als ob Sie nicht wüssten, dass dank des Erasmusprogramms – 1,5 Millionen Studenten seit 1987 – eine Vielzahl dauerhafter Freundschaften, echter Liebesbeziehungen und sogar Familienplanungen entstanden sind (Fragen Sie meine Frau, eine Französin, die ich an der Luiss in Rom kennengelernt habe). Durch Erasmus haben die Studenten endlich eine Chance, über den Tellerrand zu schauen, zu lernen, sich in anderen Sprachen zu verständigen und – auch wenn Sie das Gegenteil behaupten – sich in einem fremden Land zuhause zu fühlen.

Wenn unter 1,5 Millionen Menschen eine Person einem Mord zum Opfer fällt, muss man nicht gleich die größte Bereicherung des heutigen Studentenlebens mit dem Bann belegen. Das zeigt uns nur, dass Erasmus mittlerweile eine weit verbreitete Erfahrung ist, die – und das ist eigentlich gut so – immer mehr Menschen teilen können. Von nationalen Eigenbrötlern und den schönen Zeiten, „als alle immer nur unter sich waren“ will ich nichts mehr hören. Die Welt entwickelt sich weiter et tant mieux.

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