Der europäische Traum

Artikel veröffentlicht am 1. März 2005
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Artikel veröffentlicht am 1. März 2005

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Der Begriff des amerikanischen Traums ist uns allen vertraut. Glaubt man dem amerikanischen Intellektuellen Jeremy Rifkin, befindet dieser sich jedoch auf dem absteigenden Ast. Wodurch kann er ersetzt werden?

Bei einer Diskussion über sein neuestes Buch bezichtigte Rifkin Anfang des Monats in Brüssel sein Publikum mit den Worten: "Sie haben eine goldene Gans direkt vor sich und lassen sie verhungern! Was ist diese goldene Gans? Es ist die Integration der Infrastruktur des womöglich weltweit größten Marktes (…). Es ist die EU." Doch ist Europa für ihn jedoch wesentlich mehr als nur ein Markt - es ist ein Traum.

Ein Amerikaner spricht für Europa

Rifkin, Präsident des in Washington angesiedelten Think-Tanks Foundation on Economic Trends, hat mit seinem Buch 'The European Dream' eine kontroverse Debatte ins Rollen gebracht. Darin behauptet er, der amerikanische Traum sei im Begriff, von einem europäischen Traum abgelöst zu werden. Doch worum geht es in unserem Traum, und worin unterscheidet er sich von dem amerikanischen?

Während Freiheit und die Emanzipation des Individuums den Kern beider Träume ausmachen, unterscheiden sie sich ganz grundlegend in der Frage, wie diese Freiheit zu erlangen sei. Rifkin zufolge wird man in den USA von den Eltern zu "Freiheit durch Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Autonomie und Mobilität erzogen". Dieses durch die individualistischen Prinzipien der Reformation und der Aufklärung unterstützte Erbe der uramerikanischen Grenzmentalität haben die Pioniere bei der Eroberung des amerikanischen Westens entwickelt. Allein in der Wildnis, allein vor Gott, allein auf dem Markt kann man nicht auf die Unterstützung der anderen zählen.

Europäer teilen indes die Erfahrung Jahrhunderte langen Zusammenlebens auf engem Raum. Durch das Fehlen vergleichbar weiter, unbewohnter Landschaften haben die Europäer in ihren befestigten Städten gelernt, die Freiheit in der Kunst des Zusammenlebens zu verwirklichen. Somit erziehen "europäische Eltern ihre Kinder zu dem Bewusstsein, dass Freiheit ihren Ausdruck in der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen und in gemeinschaftlicher Verwurzelung findet. Die Aussichten auf ein erfülltes Leben steigen mit der Verwurzelung des Einzelnen in der Gemeinschaft und mit der Qualität seiner Beziehungen."

Der Glaube der Amerikaner an uneingeschränkte Weiterausbreitung, behauptet Rifkin, lässt sich auf diese Frontier-Mentalität zurückführen, während unsere 'Festungsmentalität' die Begrenztheit von Raum und Rohstoffen veranschaulicht. Dies könnte wiederum auch die deutlich größere Begeisterung der Europäer für Begriffe wie nachhaltige Entwicklung und den umsichtigeren Umgang sowohl mit Rohstoffen als auch in der Raumplanung erklären.

Geld spielt eine große Rolle

Aus sozioökonomischer Perspektive, behauptet Rifkin weiter, sehen Europäer Lebensqualität als eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für Freiheit und ein erfülltes Leben. Im Gegensatz dazu liegt der Schlüssel zum Glück in den Augen der Amerikaner vielmehr in der Anhäufung materiellen Reichtums. In der Neuen Welt, in der es praktisch keinen Adel gab, sei Geld die einzige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Aufstieg gewesen - was in einem von hierarchischen Gesellschaftsstrukturen gekennzeichneten Europa lange Zeit nicht möglich war, weshalb sich die Europäer mit ihrem ererbten Status zurechtfinden mussten. Daher neigen die Amerikaner dazu, "für die Arbeit zu leben", während die Europäer es vorziehen, so Rifkin, "für das Leben zu arbeiten." Folglich begrüßen die Europäer postmoderne Konzepte wie die universale Gültigkeit der Menschenrechte und sozialer Rechte als Grundwerte eines globalen Bewusstseins, während Amerika nach wie vor an den Werten der Moderne festhält, also beispielsweise an Besitztum, Bürgerrechten und einem ausgeprägten Patriotismus. Der europäische Traum dreht sich also um die Anerkennung kultureller Vielfalt nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen, während Amerikaner oftmals unilaterale Machtanwendung bevorzugen.

Hoffnung und Verantwortung

Der europäische Traum verspricht eine andere, eine bessere Welt. Es ist gar nicht so lange her, da verband man Europa in erster Linie mit Krieg und Völkermord. So gesehen kommt es einem Wunder gleich, dass in der EU Völker, die sich bislang in Abständen von etwa 30 Jahren die Köpfe einschlugen, nunmehr in Frieden miteinander leben und sich so eng aneinander binden, dass sie sich niemals wieder gegenseitig verletzen können. In der heutigen Situation könnte die EU die erste Supermacht der Geschichte werden, die keinerlei Machtanspruch auf andere Länder erhebt - eine Macht, die durch den Respekt von Vielfalt Frieden und Stabilität verbreiten könnte, anstatt durch Gewaltanwendung ihre Werte durchzusetzen. So gesehen ist es wenig überraschend, dass das europäische Experiment zum Traum vieler geworden ist. Die Menschen in der Türkei, der Ukraine, in Georgien und sogar in Marokko wollen der EU beitreten, während die Afrikanische Union und die erst kürzlich wieder belebte südamerikanische Union Mercosur versuchen, es ihr gleichzutun. Doch selbst angesichts dieser Versuche, das europäische Modell nachzuahmen, müssen wir uns fragen: Ist sich der Durchschnittseuropäer unseres gemeinsamen Traumes bewusst? Wir müssen begreifen, dass Europa eine besondere Verantwortung trägt für all jene, die an multikulturelle Vielfalt und an die Kunst friedfertigen Zusammenlebens glauben.