Der europäische Fußball: Zeit für eine Erweiterung?

Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2008
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Artikel veröffentlicht am 8. Juni 2008
Von Babelstrasbourg, Mittwoch, 21. Mai 2008 Von Jean-Baptiste Mathieu Übersetzung : Monika Schreiber Mittwoch der 21.Mai im Stadion Loujniki. Das Finale geht schon vor dem Anstoß in die Geschichte ein.

lujnicki.jpgAm Mittwoch, den 21. Mai fand das Finale der Champions League im Stadion Loujniki in Moskau statt. Während für die meisten europäischen Fußballfans dieses Finale schon deshalb äußerst spannend war, weil zum ersten Mal zwei englische Vereine – Chelsea FC und Manchester United FC auf diesem Niveau gegeneinander antraten, liegt der historische Stellenwert dieses Spiels ganz woanders. Zum ersten Mal fand das Endspiel des wichtigsten Turniers zwischen europäischen Fußballclubs in einem osteuropäischen Land statt. Mit Ausnahme Belgrads im Jahr 1973, gab es tatsächlich nie zuvor ein Finale des Europapokals der Landesmeister oder der Champions League, das östlicher als in Wien abgehalten wurde (1).

In diesem Wettbewerb, in dem die italienischen, englischen und spanischen Clubs im alleinigen Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, haben sich die europäischen Fußballfans daran gewöhnt, dass die europäischen Länder Osteuropas – mit Ausnahme der Saison 1998/1999 - seit einigen Jahren geradezu systematisch zu fehlen scheinen. Das Image des osteuropäischen Fußballs hat aufgrund dieser über 15 Jahre langen Abwesenheit Schaden genommen. Osteuropa ist in diesem Umfeld, in dem nur der Sieger in die Geschichte eingeht, nach und nach in Vergessenheit geraten. Jedoch waren es die Länder Osteuropas, die den Europapokal zur Legende gemacht haben. Denken wir nur an das Rückspiel des Viertelfinales am 17. März 1976, als St.-Etienne gegen Dynamo Kiew antrat. St.-Etienne, das in Kiew 2:0 verloren hatte, konnte seinen Rückstand in der regulären Spielzeit aufholen. Dann sicherte Dominique Rochetau den Stéphanois trotz seiner Verletzung am Unterschenkel in der 112. Minute die Qualifizierung.

In der Zeit zwischen den 60er und 90er Jahren können die Vereine auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs stetig wachsende Erfolge aufweisen. Schon 1955 nehmen zwei Vereine aus Osteuropa – Gwardia Warschau und Voros Lobogo - die Initiative der französischen Sportzeitschrift L’Equipe (2) positiv auf. Die ersten Jahre gestalten sich schwierig: Real Madrid hat eine Art Vormachtstellung, bei den Endspielen gibt es über 100 000 Zuschauer und kein osteuropäischer Verein kommt über das Viertelfinale hinaus. Erst in der Saison 1964-1965 kann der ungarische Club Gyor Eto FC sich bis ins Halbfinale spielen. Von nun an geht es aufwärts. Während der Saisons 1966/1967, 1968/1969 und 1969/1970 kommen die Vereine FK CSKA Sofia, Marila Pribram, Spartak Tinava, Legia Warschau nacheinander unter die besten vier Teams. Im folgenden Jahrzehnt schaffen es die beiden Vereine Ujpest FC und Dynamo Kiew ihrerseits ins Halbfinale.

Die 80er Jahre sind dann das goldene Zeitalter für den osteuropäischen Fußball. Mit Ausnahme der Saisons 1980/1981,1984/1985 und 1989/1990 erreichen die osteuropäischen Klubs so gut wie immer das Halbfinale und als absoluter Höhepunkt sind sie im Jahr 1986 sogar Finalisten im Stadion Sanchez Pizjuan in Sevilla. Ein Jahr nach der Heysel-Katastrophe sind die englischen Klubs von allen europäischen Wettkämpfen ausgeschlossen. Der FC Barcelona wird als Favorit gehandelt, um Juventus gegen Steaua Bukarest abzulösen. Aber nach 120 Minuten ohne Tor hält der rumänische Torhüter Helmuth Duckadem die fünf Elfmeter aus Barcelona. Vor dem katalanischen Tor hingegen können Marius Lacatus und Gavril Balint ihr Können beweisen. Der Pokal geht an Rumänien. In der Saison 1988/1989 erreicht das Team aus Bukarest noch einmal das Finale und spielt im Camp Nou in Barcelona gegen den AC Mailand. Die Rossoneri sprengen den rumänischen Abwehrriegel : Ruud Gullit und Marco Van Basten schießen jeweils zwei Tore. Mailand siegt mit 4 : 0. Ende der 80er Jahre hat es Steaua Bukarest dreimal ins Halbfinale geschafft, Dinamo Bukarest, FK CSKA Sofia, Widzew Lodz und Dynamo Kiew einmal.

Die 90er Jahre markieren dann einen Wendepunkt. Mit Ausnahme der Saison 1998/1999, finden die Halbfinalspiele des wichtigsten europäischen Wettkampfs ohne ein einziges osteuropäisches Land statt. Spartak Moskau scheitert in jenem Jahr kurz vor dem Finale gegen Olympic Marseille, der von Experten damals als bestes europäisches Team gehandelt wird. Olympic besiegt Spartak, muss allerdings beim Finale in Bari vor den Elfmeterschüssen von Red Star Belgrad einknicken.

1993 ändert der Wettbewerb seine Ausrichtung. Aus dem Europapokal wird die Champions League und nun macht sich diese zur Aufgabe, die osteuropäischen Klubs wieder mehr zu fördern. Aber die Abschaffung der Direktausscheidung zugunsten von Gruppenqualifikationsturnieren, in denen jede Mannschaft, die jenseits der ersten Plätze der UEFA-Rangliste ist, mehrere Vorrundenspiele bestehen muss, erschwert den osteuropäischen Klubs den Zugang an die Spitze des Turniers. Heute hat einzig der Sieger der russischen Meisterschaft die Gewissheit, an der abschließenden Phase der Champions League teilnehmen zu dürfen. Die anderen Vereine der osteuropäischen Länder müssen erst ein, zwei oder sogar drei Vorrundenspiele bestehen, bevor sie sich der drittgrößten europäischen Meisterschaft stellen dürfen. In der Zeit zwischen 1991 und 2008 schafft es nur ein Verein bis ins Halbfinale: Der Dynamo Kiew, geführt von Andrei Chevchenko, wird vom FC Bayern München besiegt, der seinerseits in einer aufregenden Nacht in Barcelona ein verheißungsvolles Finale gegen Manchester United verliert.

Heute gibt es zwei mögliche Lösungen für ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen ost- und westeuropäischen Vereinen im europäischen Fußball: erstens die Umwandlung eines oder zwei osteuropäischer Klubs in Elitemannschaften wie Chelsea. Der russische Fußball mit seinem wichtigsten Verein, dem aktuellen Sieger des UEFA-Cups : Zenith St. Petersburg scheint zu dieser Lösung zu tendieren. Zweitens eine Reform der Champions League durch eine Neubearbeitung der Teilnahmebedingungen der Champions aus den Ländern, die Ränge jenseits von Platz 9 der UEFA-Rangliste einnehmen: Michel Platini, der UEFA-Präsident möchte dieses Projekt – das sich schwer umsetzen lassen wird - vorantreiben.

In der Zwischenzeit kann man die Tatsache, dass in Osteuropa Endspiele von Europapokal-Turnieren oder Spiele der Endrunde der Europa-Meisterschaften ausgerichtet werden (wie 2012 in Polen und der Ukraine), als Gelegenheit nutzen, sich in Erinnerung zu rufen, das man auch östlich von Wien fußballbegeistert ist.

Die Rückkehr von Didier Drogba, Cristiano Ronaldo und all den anderen auf das Spielfeld des Stadions Loujniki am Abend des 21. Mai hat schon jetzt ein historisches Zeichen gesetzt.

(1) Allerdings ist die Fußballgeschichte und der Fußballstil auf dem Balkan nicht derselbe wie in Russlands, Polens, Ungarns, der Ukraine oder Rumänien. Es ist außerdem wichtig, die Länder Ex-Jugoslawiens sowie deren Nachbarn nicht mit den osteuropäischen Ländern über einen Kamm zu scheren. (2) Die französische Sportzeitschrift Equipe hat die erste Champions League organisiert.

(Foto: flickr/lordah)