Der europäische Feminismus - zurück zu den Grabenkämpfen?

Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2004
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Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2004

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Ideologische Differenzen spalten die feministische Bewegung. Sie legen großen Wert auf kleinste Unterschiede, anstatt sich für mehr Toleranz einzusetzen.

Als europäische Debatte berührt die Rückkehr der Grabenkämpfe die große Umwälzung, die Francis Fukuyama in seinem letzten Buch beschreibt: Die dritte Revolution der unmittelbaren Information bringt Individualisierung und Fragmentierung der Gesellschaft mit sich. „Männer, ich hasse euch“, so könnte die Devise der neuen „Wachhündinnen“ (1) lauten. Aber muß man Forderungen nach mehr Gleichheit, mehr Toleranz, mehr Rechten verteidigen? Die Frage berührt eigentlich hauptsächlich die Verteidigung ihrer Rechte als Individuen und nicht als Gruppe. Um die Worte des französischen Liberalen Alain Minc aufzugreifen, der unseren neuen Herren (oder Herrinnen!?) zuruft, der Versuchung bestimmter Feministinnen, Unterschiede zu verabsolutieren, müsse entschlossen entgegengetreten werden. Nur so könne die Unterschiedslosigkeit zum Absolutum erhoben werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht zu ihrer endgültigen Trennung führt.

Sicher, meine Damen, die Tatsachen, die die neuen Suffragetten ins Feld führen, die ihrerseits ihren neuen Namen eher bellen, als dass sie ihm zur Ehre gereichten, können nur schockieren: Der Anteil der Frauen am Arbeitsleben bewegt sich in Irland, Italien, Frankreich, Belgien und anderen „entwickelten Ländern“ immer noch zwischen 5 und 10 Prozent, während ihr Anteil in den Beitrittsländern nur selten die Schwelle zum zweistelligen Bereich überspringt.

Die gute alte Zeit des Sozialismus

Indessen schließt die Marginalisierung der Frauen in Ländern wie Polen, der alten Tschechoslowakei oder Ungarn ein sozialistisches Kapitel der Geschichte ab, während dessen beeindruckende Beteiligungsraten erreicht wurden, nämlich 20, 30 und 26 Prozent im Jahr 1985. Ein Bericht des europäischen Parlaments hat des weiteren festgestellt, dass Frauen vor 1989 in den kommunistischen Ländern einen Zugang zur Bildung und eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt genossen, die gleich oder besser als die der Männer waren, wenngleich ihre Bezahlung und ihre Arbeitszeiten sie doch wiederum nicht ganz mit den Männern auf gleiche Stufe stellten. Der Bericht schließt daraus, dass der Liberalismus die Sozialpolitik ins Wanken gebracht hat, von der vor allem die Frauen profitierten. Der liberale Individualismus hat zu einer gewissen Rückkehr zu konservativen Werten oder zu Praktiken geführt, die der Gleichberechtigung der Frauen zuwiderlaufen. Die Debatten um die weltanschauliche Neutralität des Staates in Frankreich, in Deutschland und anderswo haben ebenfalls gezeigt, inwieweit die Frauen Opfer gewisser religiöser Praktiken sein können. Scham und Versuchung, langes Kleid oder Schleier, unzüchtige Gesichter oder unvorsichtige Seelen, so sehen die modernen und äußeren Erscheinungen der Gefühle aus, die in einer Moderne, der Barbarei dennoch nicht fremd ist, immer noch lebendig sind. Die Frauen bleiben auch in unserer Zeit isoliert, und es scheint, dass die Demokratie von ihrem Ahnherrn in Athen den Ausschluß der Frauen beibehält.

Doch die zunehmenden Grabenkämpfe, amerikanischen Ursprungs und mit starkem britischen Beigeschmack, müssen Angst machen, wenn sie Gesetze jedweden Schlages erzwingen. Wenn auch die Gesetze zur Gleichberechtigung, die in vielen europäischen Staaten verabschiedet wurden, als gerechtes Klopfen an die Tür der politisch Verantwortlichen angesehen werden können, so entspringt doch das jüngst vom europäischen Parlament verabschiedete Gesetz gegen sexuelle Belästigung einem radikalen und selbstgerechten Feminismus, der jede Diskussion von vornherein abwürgt.

Weibliches Volk

Doch die urspüngliche Forderung nach mehr Gleichberechtigung hat durchaus tolerante Wurzeln: Die Vollversammlung der Frauen, die das Europäische Sozialforum eröffnete, formulierte den Wunsch nach einer besseren Beteiligung der Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft. Im Sinne der französischen Intellektuellen Elisabeth Badinter ist es Zeit, ohne Furcht einen republikanischen Feminismus zu fordern, der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit preist. Für ihr Buch „Der falsche Weg“, in dem sie die Milieus der feministischen Grabenkämpfe kritisiert, die sich Forderungen nach Differenzierungen verschließen, wurde sie geschmäht. Die Debatte, die sich daran anschloss, hat versucht, diejenigen Ideen eines rigiden Feminismus auf den Index zu setzen, die in jedem Gewaltakt eine Vergewaltigung sehen und die die Statistiken verfälschen, um dadurch besser eine neue moralische Ordnung zu etablieren; die sich gegen jede Form von Prostitution, Pornografie oder optische Belästigung wendet, ohne dabei zu differenzieren. Wenn die Unterschiede in einem Rahmen der Angleichung gedacht werden müssen (in dem es notwendig ist, Akte der Ausgrenzung zu bestrafen), so entspringt es einem kommunitaristischen Reflex, ein System von sexuellen Verbotsnormen zu schaffen, die dem „weiblichen Volk“ eine fundamental andere Natur zuschreiben als dem Rest der Menschheit.

Den Geist Athenes fernhalten

So darf diese neue und dritte Welle des Feminismus, die im Buch „Europäischer Feminismus“ von Karen Offen beschrieben wird, nicht in der Sackgasse vergangener Fehler stecken bleiben. Der aus der feministischen Bewegung kriechende Suffragismus wie der von Bobigny (der der Kommunistischen Revolutionären Liga nahe steht), wo sich im vergangenen November 3000 Frauen aus ganz Europa trafen, versteckt den Hass gegen Männer nur sehr unvollständig hinter der Fassade der Liebe zu den Frauen, wenn Slogans gegen das „machistische, sexistische, patriarchale und diskriminierende Europa“ die Runde machen.

Wir sollten lieber den Gedanken Anna Karamanous folgen, der Vorsitzenden der Kommission der Rechte der Frauen und der Chancengleichheit des europäischen Parlaments, nach der die Frauen Fackelträger einer neuen Modernität sind. Sie sind notwendig, um diese Welt weniger kriegerisch zu gestalten. Halten wir also den Geist Athenes, der Göttin des Krieges, aus den heutigen kommunitaristischen Grabenkämpfen heraus.

(1) Name einer radikalen feministischen Gruppe