Der Diktator nebenan: Weißrussische Opposition in Vilnius

Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 5. Januar 2012
Weißrussland ist die letzte Diktatur in Europa, die litauische Hauptstadt Vilnius nur 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Weißrussische Bürgerrechtler nutzen Vilnius als Zufluchtsort und Schaltzentrale – doch die litauische Präsidentin pflegt gute Kontakte zum weißrussischen Despoten.

Die Zentrale liegt so versteckt, dass selbst der KGB sie noch nicht gefunden hat: Wer ginge auch schon freiwillig die kilometerlange Reihe von Plattenbauten und Industriebaracken entlang? Und selbst, wer am Ziel ankäme, würde gleich wieder kehrt machen: Das Gebäude wirkt verlassen, das Türschild ist verwittert, eine Klingel fehlt. Nur Eingeweihte kommen über die Schwelle – und werden von hektischer Betriebsamkeit umfangen.

Gerade erklärt Olga Karatch, Leiterin der Menschenrechtsorganisation Nash Dom [Unser Haus], zwei aus Minsk angereisten Mitarbeiterinnen die Strategie für die kommenden Wochen. Zusammen mit 300 Freiwilligen verteilen sie die Zeitung der Organisation im ganzen Land, 150.000 Exemplare – diese Auflage erreichen sonst nur die Staatsmedien. Karatch klingt atemlos, als könne sich die Zukunft ihres Landes in den nächsten Wochen entscheiden – nach 17 Jahren der gefälschten Wahlen, Verfassungsänderungen und politischen Verfolgungen.

Nirgends wird das so deutlich wie in der "Nash Dom"-Zentrale von Olga Karatch.

Konspirativ heiraten

Interview mit Olga Karatch: „Die EU ist der Hauptsponsor der Diktatur in Weißrussland“

Ihre ganze Jugend hat die 33-Jährige dem Kampf gegen den weißrussischen Despoten geopfert. Bei ihrer Hochzeit war die Aktivistin schon so bekannt, dass KGB-Mitarbeiter die Party beschatteten: "Die hielten das für eine konspirative Versammlung." Ihr Büro in Minsk war lange Zeit ein beliebtes Ziel für Razzien des Geheimdienstes; während eines Workshops im vergangenen April wurden 18 Leiter der Organisation für mehrere Tage festgenommen und Olga Karatch geschlagen. "50 oder 100 Mal" sei sie bislang verhaftet worden, manchmal täglich, manchmal mit der Drohung ihren Hund zu erschießen oder sie zu vergewaltigen. Die junge Frau erzählt das so nüchtern als ginge es um eine Heizkostenrechung: "Das ist lästig für unsere Organisation; all die Solidaritätskampagnen und Anwälte können wir uns auf Dauer nicht leisten."

Seit sich die Proteste in Weißrussland zuspitzen – mit den Demonstrationen nach der Wahl am 19. Dezember 2010 und der "Stummen Revolution" im Sommer 2011 – gewinnt die EU-Nachbarstadt als Schaltzentrale des Widerstands an Bedeutung: Neben zahlreichen NGOs wurde hier auch die European Humanities University (EHU) nach ihrer Verbannung aus Minsk neu eröffnet. Die Wahl der Aktivisten fiel nicht zufällig auf die litauische Hauptstadt: Vilnius ist der erste Vorposten der EU, 40 Kilometer hinter der weißrussischen Grenze und von Minsk in drei Zugstunden zu erreichen. Und auch die emotionale Nähe ist groß: "Wilnja" war im 19. Jahrhundert das kulturelle Zentrum Weißrusslands, noch heute leben über 20.000 Weißrussen in der Stadt.

Eine Präsidentin auf Kuschelkurs

Während Vilnius die Gegner Alexander Lukaschenkos beherbergt, unterhält die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaitė rege wirtschaftliche und diplomatische Kontakte zum international weitgehend isolierten Diktator – die Litauer danken es ihr mit hohen Beliebtheitswerten. Weißrussland ist für das kleine, wirtschaftlich darbende Litauen ein wichtiger Handelspartner. Doch wozu die Kooperation mit dem Regime führen kann, zeigte sich im vergangenen August, als Litauen Kontodaten des weißrussischen Menschenrechtlers Ales Byalyatski freigab und so dazu beitrug, dass dieser zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Ein Jahr nach den hoffnungsvollen – und folgenlosen – Massenproteste in Minsk fühlen sich die Bürgerrechtler wie Sisyphos; nur ihr Galgenhumor rettet sie vor der Resignation. Karikaturen von Lukaschenko machen die Runde. Als einer jungen Übersetzerin das Wort für "Wahlen" nicht einfällt, witzelt sie: "Kein Wunder, ich habe ja auch noch keine erlebt." Sie wissen: So lange Russland Lukaschenko finanziell unterstützt, werden die Weißrussen ihr Schicksal tragen statt sich zu erheben.

Selbst die Exiluniversität EHU, einst Bastion des politischen Widerstands, scheint im Dornröschenschlaf zu liegen. Höchstens fünfzehn Prozent der Studenten seien noch politisch aktiv, schätzt Kasia Stsiapanava, die im vierten Jahr Journalismus studiert und sich nebenbei als Wahlbeobachterin und Sprecherin des Belarusian Human Rights House engagiert. Gerade jüngere Studenten, die schon zu Lukaschenkos Zeiten geboren sind, kämen oft nur noch wegen der besseren Karriereaussichten.

Heiligabend beim Geheimdienst

Kasia Stsiapanava bietet den KGB-Agenten die Stirn.Gerüchte machen die Runde. Der KGB heuere Studenten an, damit diese über ihre Kommilitonen berichten. Stsiapanava nickt: "Das halte ich durchaus für wahrscheinlich." Heiligabend vor einem Jahr wurde sie selbst an der Grenze festgenommen und in eine Verhörzelle des KGB gesteckt. "Die Beamten haben versucht mich auszufragen: Ob Oppositionskandidaten uns Studenten aufgefordert hätten, zur Demonstration in Minsk zu gehen. Ob ich eine 'schlechte' oder eine 'gute' Wahlbeobachterin sei." Auf den ersten Blick wirkt Stsiapanava zart und verletzlich, kindlich fast – ein leichtes Opfer, müssen die Grenzer gedacht haben.

Doch wie sie irrten! Als Tochter systemkritischer Journalisten war Kasia Stsiapanava auf eine mögliche Festnahme vorbereitet; schon auf dem Weg ins Verhör gab sie ihren Eltern ein Handyinterview, das live übertragen wurde. Im Nu kehrte sich die Situation um: Ihr Vater drohte den KGB-Agenten am Telefon; andere Journalisten berichteten über den Fall und stärkten der 21-Jährigen den Rücken. Nach vier Stunden kam Stsiapanava frei, um eine Erkenntnis reicher: "Der KGB besteht auch aus Menschen – und manche sind dümmer als man glaubt. Wenn ich jetzt über die Grenze fahre, sehe ich jedes Mal die Männer wieder, die mich letztes Jahr festgenommen haben. Ich sehe, wie sie etwas zu lange in meinem Pass blättern, sehe, wie sie mich wiedererkennen und wie ihnen die Schamesröte ins Gesicht steigt."

Es ist kalt geworden in der neuen Zentrale von Nash Dom, fröstelnd vor Übermüdung halten sich die Mitarbeiter an ihren Teetassen fest, wie zur Beruhigung fährt Olga Karatch sich immer wieder mit einem Kamm durch den gekämmten Pony. Hinter einem Chaos aus Zetteln, Teeschachteln und Flyern glitzert eine Plastiktanne im Neonlicht. Ob sie Weihnachten zu Hause verbringen kann, weiß Karatch noch nicht. Das Jahr des Arabischen Frühling endet mit einem Weißrussischen Winter.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe MULTIKULTI on the ground 2011/2012.

Illustrationen: Homepage ©mb7art/flickr; Im Text: ©Christina Felschen; Video (cc)DeutscheWelle/YouTube