Der asiatische Animationsfilm ist mehr als nur Manga

Artikel veröffentlicht am 4. April 2008
Artikel veröffentlicht am 4. April 2008
John Chan und Pam Hung sind Postgal. Sie haben die Liebe zum Animationsfilm zum Beruf gemacht. Bei einem Workshop in Warschau erzählen sie ihren Alltag in Hongkong - einer Stadt in ständiger Metamorphose.

In Hongkong ist der Animationsfilm eine der populärsten Medienarten. Animationsfilme erreichen ein breites Publikum, werden häufig in Werbespots und Imagekampagnen verwendet: nicht nur im Fernsehen sondern auch auf den Straßen der Millionenstadt Hongkong. Diese Wirklichkeit wollten John Chan und Pam Hung während ihres Postgal-Workshops im Januar 2008 in Warschau und Gleiwitz polnischen Studenten näherbringen.

Beide haben sich in einem Unternehmen kennen gelernt. Sie im Marketing tätig, er als Zeichner. John hat sich die Kunst des Animationsfilms selbst beigebracht, indem er sich Filme Bild für Bild angesehen hat. "Wir begannen uns durch Zeichentrickfilme für den Animationsfilm zu begeistern. Indem wir unsere Lieblingsfiguren aus der Kindheit zu kopieren begannen, entwickelten wir bald unseren eigenen Stil und erfanden ungewöhnliche Figuren", erzählt John.

John Chan und Pam Hung haben Anfang 2008 einen Workshop in Warschau animiert (Foto: ©postgal blog)

Beide haben Hochschulabschlüsse, die mit dem Animationsfilm an sich nichts zu tun haben. Der 31-jährige John hat die Akademie der Künste besucht und erst später für verschiedene Comicproduktionen gearbeitet. Die 24-jährige Pam hat die Handelshochschule absolviert. Die beruflichen Erfahrungen der beiden ermöglichten die gemeinsame Firmengründung, wozu sie von Freunden und Verwandten ermutigt wurden: "Unsere ersten Probefilme haben wir unseren Freunden gezeigt, die uns ermutigt haben, unsere Arbeit fortzusetzen und an Talentwettbewerben teilzunehmen." Neben den Animationsfilmen lieben beide Reisen, Treffen mit Freunden sowie Filme. Natürlich! Einer ihrer Favoriten ist der Film Crash des kanadischen Regisseurs David Cronenberg.

"Gelder aus Werbespots garantieren uns die künstlerische Freiheit"

Gemeinsam haben John und Pam bereits für bekannte Marken, Musiksender oder internationale Organisationen gearbeitet. Ihren letzten Werbespot für einen nicht unbekannten Softdrink haben die beiden für die olympischen Spiele in Peking kreiert. Jeden Tag laufen in Hongkong tausende Menschen an ihrem Animationsfilm vorbei. "Wenn wir für große Unternehmen arbeiten, machen wir eine Menge Geld. Diese Gelder setzen wir dann ein, um die Produktion unabhängiger Animationsfilme zu unterstützen. Unsere Filme können wir dann einem breiten Publikum zeigen, nicht nur in Hongkong sondern auch in Europa", erläutert Pam Hung.

"Unsere Firma Postgal Workshop ist ziemlich klein. Wir wählen unsere Kunden gezielt aus, um auch originelle Projekte machen zu können. Deswegen sind auch unsere kommerziellen Spots gewissermaßen Kunststücke", erklärt John. Das war allerdings nicht der einzige Grund für die Gründung eines eigenen Unternehmens. "Wir hatten genug von der anstrengenden Arbeit und den Überstunden in den Agenturen. Unsere Freiheit besteht darin, dass wir unsere eigenen Chefs sind. In den großen Agenturen arbeiten die Künstler wie Roboter oft bis spät in die Nacht oder auch bis zum nächsten Morgen, hauptsächlich des Geldes willen. Ein guter Bekannter von uns, ein Kunstprofessor, arbeitet für eine dieser riesigen Agenturen. Seine Arbeit besteht einzig und allein darin, Hände zu zeichnen. Das ist kein künstlerischer Prozess mehr, sondern Fließbandarbeit!", fügt Pam Hung hinzu.

(Foto: ©postgal blog)

Brodelndes Hongkong als Inspirationsquelle

Das Leitthema ihrer eigenen, nicht-kommerziellen Filme ist die Stadt Hongkong, der Alltag seiner Bewohner und deren Probleme. "Ich mag es, die Menschen zu beobachten und ihnen zuzuhören, ihr Verhalten zu studieren. Hier in Hongkong habe ich dazu sehr oft Gelegenheit, denn die Bewohner dieser Stadt unterhalten sich wahnsinnig gerne und viel über Mobiltelefone. Dabei sprechen sie ziemlich laut. Wenn man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, kann man eine Menge über das Leben dieser Menschen erfahren. Ich höre sie pausenlos reden. Sie sind meine wichtigste Inpirationsquelle. Während einer dieser Busfahrten kam mir die Idee für Tired City" (Animationsfilm aus dem jahr 2007 zur Hektik in asiatischen Großstädten, A.d.R.), bestätigt John Chan.

Ein Stück Wirklichkeit

Die Animationen von John Chan und Pam Hung stellen immer ein Stück Wirklichkeit dar. Ihre Helden sind Menschen, die mit dem Alltag, dem Stress, der Arbeitswut, den Familienbeziehungen und mit dem Zusammenstoß der Gegenwart mit der Tradition ringen. Die aggressiven Striche und Rauchschwaden sollen Gefühle der Figuren unterstreichen und vertiefen. Freude und Trauer liefern sich einen Schlagabtausch. Die Animation Tired City ist eine filmische Warnung an alle gehetzten Bewohner der Welt.

Trotz der universellen künstlerischen Themen existieren bedeutende Unterschiede zwischen den europäischen und den asiatischen Städten, wo Wolkenkratzer und unvorstellbarer Lärm vorherrschen. Dies bemerkt auch das Künstlerpaar: "An Europa gefallen uns die vielen alten Bauwerke, dass die Geschichte im Alltag so präsent ist und die Gebäude davon zeugen, was die Menschen einst erlebt haben. In Hongkong wird alles Alte vernichtet. An Stelle des Alten werden Wolkenkratzer errichtet. Das ist traurig", stellt das kreative Duo fest.

Die Künstler suchen ständig nach neuen Inspirationen. Die Arbeitszeit an jeder der Figuren kann zwischen einigen Wochen und einigen Monaten betragen, abhängig von Animationstechnik und verfügbarer Mittel. Die Teilnehmer des Workshops in Polen seien sehr aufgeweckt und wissensdurstig gewesen, schreibt das Paar auf ihrem Weblog. "Sie fragten nach neuen Projekten, Vorbildern und Animationstechniken." Zurzeit arbeiten John Chan und Pam Hung an einer Animation für das Fernsehen in Hongkong. Thema ist ein alter Mann, der vergisst, dass er in der Vergangenheit Sankt Nikolaus gewesen ist.

Sehen Sie den Animationsfilm "Tired City" (2007)