Der afghanische Springer

Artikel veröffentlicht am 27. September 2005
Artikel veröffentlicht am 27. September 2005

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Zwischen Ben Laden, der noch immer von Höhle zu Höhle wandert, den Warlords auf der Flucht und der umstrittenen internationalen Präsenz bleibt Afghanistan ein Pulverfass, an das die rivalisierenden Nachbarn lüstern die Lunte legen.

Rudyard Kipling würde sich im Grabe umdrehen. Mangels Konzept berufen sich die Medien im 21. Jahrhundert immer noch auf das „Große Spiel“, das er in seinem Roman Kim so brillant beschrieben hat. In dem Text treten das britische Empire und Russland in den zentralasiatischen Steppen gegeneinander an. Afghanistan war damals die Pufferzone zwischen den beiden Großmächten, die ihre Figuren auf dem kaukasischen Schachbrett in Stellung brachten und gegenseitige Angriffe lancierten. Drei britisch-afghanische Kriege und später zwei Invasionen sowjetischen und amerikanischen Ursprungs hat die Metapher überlebt, aber sie kann die Komplexität der Situation nicht wiedergeben. Zwar ist die Regierung von Hamid Karzai rechtlich souverän, aber die ausländischen Truppenkontingente auf afghanischem Boden erreichen heute beinahe die Stärke der sowjetischen in den 80er Jahren: annähernd 30000 Mann.

Psychologische Kriegsführung

Als Herz der sagenumwobenen Seidenstraße und Treffpunkt verschiedener Zivilisationen bezaubert die Heimat des anti-Taliban Kommandanten Massoud immer noch den Westen. Während die Klischees kultiviert werden, setzen die Westmächte gleichzeitig auf das geopolitische Gewicht Afghanistans und glauben, so etliche internationale Begehrlichkeiten erklären zu können. Dabei wird jedoch vergessen, dass Afghanistan abgesehen vom Mohn in Wirklichkeit arm an Rohstoffen ist. Seine zentralasiatischen Nachbarn oder der Iran sind deutlich besser versorgt mit natürlichen Ressourcen. Falls es ein strategisches Potential gibt, so ist es wohl eher psychologischer Natur. „Die Vereinigten Staaten haben die politische Absicht, in Afghanistan einen starken Zentralstaat einzurichten“, hebt der französische Experte Olivier Roy vom nationalen Forschungszentrum CNRS hervor. „Über dieses Ziel hinaus, gibt es keine langfristige Strategie.“ Im Gegensatz zu den Spekulationen auf Energievorkommen, die manche Experten den Vereinigten Staaten zuschrieben, wollen diese vor allem beweisen, dass sie in Afghanistan ihren Zusagen nachgekommen sind, um so ihren militärischen Einsatz im Krieg gegen den Terrorismus zu rechtfertigen. Auf Seiten der Europäer, die mit Soldaten unter UN-Mandat vertreten sind, ist das Ziel ebenfalls psychologischer Natur. Nach Olivier Roy will der Alte Kontinent beweisen, dass er in internationalen Sicherheitsfragen mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten kann. Und im Übrigen demonstrieren, dass die Gemeinschaft der 25 in der Außenpolitik hin und wieder harmonisiert. Afghanistan dient also als Gegenbeispiel zu den üblichen transatlantischen Rivalitäten wie zu den gewöhnlichen Streitereien in der EU. Die militärische Intervention ist allerdings auch völlig legal und in einem ungewöhnlichen Konsens von statten gegangen. Man muss zugeben, dass die Zeit nach dem 11. September für Streitigkeiten kaum geeignet war.

Regionale Rivalitäten und Stammeskonflikte

Die geopolitische Bedeutung Afghanistans beruht darauf, dass es zwischen hochstrategischen Regionen eingebettet ist. Professor Gilles Doronsoro von der Universität Paris I bestätigt dies: „Die wahren strategischen Fragen befinden sich an den Grenzen.“ Das Kaspische Meer ist nicht nur selbst reich an Mineralöl- und Gasvorkommen, sondern spielt auch für die Weiterleitung der Brennstoffe eine zentrale Rolle. In diesem Ringen könnte sich Afghanistan auf der Trasse einer neuen Gas-Pipeline befinden, die Pakistan und Indien versorgen soll. Delhi hat gerade ein Abkommen mit Kabul unterzeichnet, das vielleicht eher dazu dient, seinen Rivalen Pakistan zu sticheln, als Energieinteressen zu befriedigen. Die Ziele des Iran wiederum finden sich eher im religiösen Bereich, da man mit dem sunnitischen Islam der Paschtunen rivalisiert. Berücksichtigt man neben den eifernden Nachbarn auch die ethno-linguistische Wirklichkeit Afghanistans, sieht man sich mit einem echten Pulverfass konfrontiert. Das ethnische Mosaik (Tadschiken, Usbeken, Paschtunen und Turkmenen) dehnt sich weit über die Grenzen des Landes aus und jedes Grummeln in den Nachbarländern greift sofort auf Afghanistan über. Paschtunen, die größte Ethnie Pakistans, sind seit der willkürlichen Grenzziehung der Briten von 1893 auf Pakistan und Afghanistan verteilt. Auf beiden Seiten träumt man noch von einem „Groß-Paschtunien“ und in Kabul zögern die fundamentalistischen Aktivisten nicht die Massen zu manipulieren, um die Zentralregierung zu schwächen und das Land zu destabilisieren. So sollen die amerikafeindlichen Aufstände im letzten Mai durch die Partei Hezb-el-Islami von Islamabad aus koordiniert worden sein. Die Partei wird von Gulbuddin Hekmatyar angeführt, einem der der berühmtesten Warlords des Afghanistankrieges und mittlerweile in Pakistan im Exil. Die 2500 Kilometer lange Grenzregion soll ein Tummelbecken für afghanische Flüchtlinge, aber vor allem für flüchtige Talibankrieger und Mitglieder von Al Kaida sein. Und zwar in einem Ausmaß, dass der Präsident Pakistans Musharraf gerade den Bau einer Mauer vorgeschlagen hat, um dem zunehmenden Einsickern von Rebellen gegen das Karzai-Regime zu begegnen.

Erhöhte Temperatur

Zwar gelingt es Afghanistan nicht, mit einer Stimme zu sprechen, aber man kann bei ihm doch die Fieberkurve messen, die ganz Zentralasien betrifft. Luca Moracci, Mitarbeiter des UN Wahlprojekts in Afghanistan, bestätigt, dass die Sorgen der Bevölkerung weit von den geopolitischen Annahmen entfernt sind, die man dem Land zugeschrieben hat. „Die Mehrheit der Afghanen lebt mit weniger als einem Dollar pro Tag und der Analphabetismus betrifft mehr als 70% der Bevölkerung. Fragen der internationalen Politik sind Luxus. Vorrang hat der Wiederaufbau des Landes und jedem einen Arbeitsplatz anzubieten.“

Die Parlamentswahlen vom 18. September richten die Debatte wieder auf die wichtigen örtlichen Bedürfnisse aus und erinnern uns daran, dass die Afghanen nach 25 Jahren Krieg ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen wollen. Es ist Zeit, das „Große Spiel“ zu beenden.