Depression in Europa: 4 Psychologen unter dem Skalpell

Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Artikel veröffentlicht am 28. September 2011
Psychologen aus Polen, Spanien, Frankreich und Italien haben sich bereiterklärt, die alarmierenden Ergebnisse der neuesten Studie des European College of Neuropsychopharmacology zu psychischen Krankheiten in Europa zu kommentieren. Laut der Studie sind mehr als ein Drittel der Europäer psychisch krank. Eine Zahl, die cafebabel.com auseinandernehmen will … auf dem Sofa, mit 4 Psychologen.

Polen: Medikalisierung des täglichen Lebens

« Als Psychiater mit 25 Jahren Erfahrung denke ich, dass das Resultat dieser Studie stark übertrieben ist. Diese Studie hat das Phänomen der Medikalisierung des Alltags aufgezeigt. Die Menschen, die in modernen, reichen Gesellschaften leben, möchten ganz einfach Unannehmlichkeiten vermeiden. Die Konsequenz ist, dass normale emotionale Reaktionen für Krankheiten gehalten werden. Heute ist jemand der traurig ist gleich deprimiert, eine zu fröhliche Person ist manisch und Angst ist ein Symptom für Paranoia. Nur ein Beispiel: Eines Tages erhielt ich einen dringenden Anruf von der Onkologie, um eine kranke Frau zu treffen, die an einer schweren Depression leide. Ich habe gefragt, woher er wüsste, dass sie an einer Depression leide und es kam heraus, dass diese Frau gerade ihr Kind verloren hatte, welches an Krebs gestorben war. Natürlich saß die Mutter anschließend unter Tränen auf dem Krankenhausflur. Vor 20 Jahren, wenn man aufgrund des Verlusts eines Kindes trauerte, dann trauerte man ganz einfach um sein Kind. Heute leidet man unter einer schweren Depression.“

Professor Łukasz Święcicki, Vorsitzender des Bereichs Affektive Störungen am Institut für Psychiatrie und Neurologie in Warschau

Spanien: Die Akzeptanz von Ablehnung durch Andere ist wichtig

« Zu mir in die Praxis kommen die Leute mit Problemen wie Depression, Agoraphobie [die Angst vor Spinnen], Paartherapie, psychosomatischen oder Ernährungsstörungen. Einige der Patienten nehmen Medikamente, andere aber auch nicht, da sie grundsätzlich von Ärzten verschrieben werden. Was hier in Spanien häufig auftritt, ist das „was denken die Anderen“ Syndrom. Das führt zwar nicht zwangsläufig zu einer Störung, kann diese aber irgendwann verursachen. Die Akzeptanz der Ablehnung durch Andere ist sehr wichtig. Ich habe auch mit einigen ausländischen Patienten gearbeitet und habe keine großartigen Unterschiede entdecken können.“

Angel Marín Tejero: klinischer Psychologe, spezialisiert in Psychotherapie

Frankreich: Die Gesellschaft ist an den Hauptleiden schuld

« Ich habe nicht wirklich von dieser Studie gehört. Aber zu den mentalen Störungen im Allgemeinen und der Depression im Besonderen sind zwei Dinge zu nennen: Die auslösenden Elemente auf der einen Seite und die Ursachen auf der anderen. Auslösende Elemente können durch eine Trennung, Trauer, eine große Enttäuschung hervorgerufen werden. Im Grunde genommen zählt all das dazu, was eine Veränderung der narzisstischen Komponente nach sich zieht. Zweitens unterscheidet man zwischen drei Ursachen: die Psychose, die Neurose und die Perversion, die oftmals bis in die Kindheit zurückreicht. Aber dass eine Person neurotisch ist, muss nicht immer heißen, dass sie auch krank ist. Die Depression ist ein übergreifendes Symptom, das mit allen drei Ursachen auftreten kann. Das erklärt meines Erachtens die steigenden psychischen Störungen in Europa, die an das Bild unserer Gesellschaft gebunden sind, die mehr und mehr dazu neigt das Ego in den Vordergrund zu rücken und Individualismen hervorzubringen. Es ist allgemein schwierig Depression zu messen und es stimmt, dass diese Art von Studie dazu neigt, die Krankheit bewältigen zu wollen. Das ist zwar interessant, richtet sich aber kaum an uns Psychologen in der Praxis.“

Julien Faugeras, Psychologe Paris

Italien: Das Prekariat produziert ein kollektives Unwohlsein

« Ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Studie zu alarmistisch ist. Das Dokument erklärt nicht deutlich genug, wie methodisch vorgegangen wurde. Was heißt das schon, eine Person, die unter Schlaflosigkeit leidet. Sie schläft nicht gut, ok, aber seit einem oder seit sechs Monaten? Trotzdem glaube ich, dass Probleme wie Depression oder Angst in letzter Zeit sehr zugenommen haben; das wird auch am Verbrauch von Psychopharmaka deutlich. Die Probleme, die den Bereich der Sexualität - wie Perversionen, sexuelle Abhängigkeiten oder den Mangel an sexuellem Verlangen - angehen, häufen sich. Es gibt ein kollektives Unwohlsein, das auf eine allgemeine Prekarisierung zurückgeführt werden kann. In Italien kann sich diese Prekarisierung sowohl im Umfeld der Familie, der Arbeit, aber vor allem in den Werten und Ideen ausdrücken. Dies belastet vor allem jüngere Generationen, die sich mit dieser existentiellen Prekarität schwer tun und nicht auf ein solides Netz an Kontakten und Verbindungen zählen können.

Dottoressa Anna Zanon, Psychologin und Psychotherapeutin (Mailand), verantwortlich für die Webseite Il mio psicologo

Foto: (cc)drewleavy/flickr