Den Versuchungen widerstehen

Artikel veröffentlicht am 30. September 2008
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Artikel veröffentlicht am 30. September 2008
Mit dem Ramadan geht auch für die deutschen Muslime eine Zeit des Festes und des Fastens zu Ende. Nicht immer fällt es einfach, die Fastenregeln einzuhalten. Denn auch wenn die Deutschen Verständnis für den Ramadan haben, nehmen sie doch keine Rücksicht. Ein Besuch zum Fastenbrechen in einer Moschee. München, Mittwoch 3.
September 2008

Mezze zum Ramadan Credit to: Vit Hassan/FlickrDie letzten Minuten wollen nicht enden. Während die Sonne langsam hinter den Dächern verschwindet, sind die langen Tische im Gemeindesaal der Münchener Mehmet-Akif-Moschee bereits gedeckt - Salat, Wasser, Besteck. Eine Schale Linsensuppe steht dampfend an den Plätzen bereit, und aus der Küche weht der Geruch von gebratenem Fleisch durch den Kellerraum. Die jungen Männer, die sich an diesem Abend in dem schlichten Gebäude im Norden von München eingefunden haben, um das Fasten zu brechen, warten ungeduldig auf das Signal des Imams. 19.59 Uhr. Am Ende des Tisches erhebt sich Hüdaverdi Ögüt, der Imam der Moschee, und stimmt den Gebetsruf an. 15 Stunden und 25 Minuten Fasten sind vorüber.

Hungrig stürzen sich die einen auf die Suppe, andere nehmen erst einen Schluck Wasser. Die Gespräche sind verstummt, ein jeder ist über das Essen gebeugt. Nach wenigen Minuten stehen die Ersten auf, sich ihre Schale ein zweites Mal füllen zu lassen, andere essen langsam - nach einem Tag Fasten ist der Magen klein. "Beim Fasten geht es darum, den Körper zu beherrschen. Wer wirklich glaubt, dem fällt das nicht schwer", sagt Ömer Koyuncu und wischt mit einem Stück Brot die Schale aus. Die langen, lockigen Haare unter einer grünen Wollmütze versteckt, ein dunkler Viertagebart um das Kinn, fällt der 27-Jährige unter den korrekt frisierten Männern auf.

Mehr Versuchungen, weniger Rücksicht

Mit einigen anderen jungen Muslimen teilt er sich eine Wohnung in der Nachbarschaft, im Ramadan kommt er fast jeden Abend in die Moschee. "Natürlich ist Fasten für körperlich arbeitende Menschen nicht leicht. Sonst aber gewöhnt man sich rasch daran", meint der junge Informatiker. An diesem Tag hat das Fasten mit dem Sonnenaufgang um 4.34 Uhr begonnen. Bis die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, darf ein gläubiger Muslim weder Wasser noch Essen zu sich nehmen, auch Rauchen und Sex sind verboten. Allein für Kinder, Kranke, Schwangere und Reisende gibt es Ausnahmen. "Fasten ist gesund", meint Koyuncu mit einem Lächeln. "Entschlackungskuren sind doch derzeit in Mode."

Nicht allen fällt der Ramadan so leicht wie Koyuncu. "Das Fasten schärft den Geruchssinn", sagt Cengiz Kelic. "Tagsüber nimmt man ständig Düfte wahr, die einem neue Ideen geben, was man essen könnte." Der 36-jährige IT-Fachmann hat lange in der Türkei gelebt. Dort sei das Fasten einfacher, sagt er. Dort sei der ganze Tagesablauf auf den Ramadan ausgerichtet. Da niemand in der Öffentlichkeit esse, gebe es weniger Versuchungen. In den Wintermonaten, wenn die Sonne früher untergeht, erlaube man den Angestellten sogar, zum Fastenbrechen nach Hause zu gehen. "In Deutschland haben die Leute zwar Verständnis, doch wirklich Rücksicht wird nicht genommen."

Niemand weiß, wieviele das Fasten einhalten

Das Fasten ist eine der fünf Säulen des Islams, gehört also ebenso wie das tägliche Gebet zu den Grundpflichten der Muslime. Wie viele der deutschen Muslime den Ramadan einhalten, ist aber schwer zu sagen. Niemand könne von außen beurteilen, wer sich ans Fasten halte, sagt Kelic. Er schätzt, dass die meisten türkischen Migranten es beachten, schließlich stamme die Mehrheit aus dem konservativen Anatolien. Ein Mann bringt Teller mit Fleisch, Reis und Tomaten aus der Küche. Bezahlt wird das Essen von Spenden, zubereitet wird es von einem Koch, den die Moschee extra aus der Türkei geholt hat. Nachdem der erste Hunger gestillt ist, sind die Männer gelöst und scherzen.

Koyuncu schiebt seinen Stuhl zurück. Rasch sind die Teller abgeräumt, die Flaschen entsorgt, die Tischdecken zusammengefaltet. Es geht hoch in die Moschee zum letzten Gebet des Tages. Koyuncu und seine Freunde lassen sich auf dem leuchtend roten Teppich des Gebetssaals nieder, die Beine untergeschlagen, den Rücken an die türkisblauen Wandkacheln gelehnt. Blumenmuster schmücken die Wand, Goldstuck schimmert an der Decke. In der Ecke zur Straße hin zeigt die Gebetsnische die Richtung nach Mekka an. Der Vorhang am offenen Fenster weht im Regen, auf der Straße rauscht der Verkehr.

Allein eine Frage zwischen dem Gläubigen und Gott

"Wenn jemand fastet, sollte man Achtung vor seinem Fasten haben. Und auch wenn er nicht fastet, sollte man dies respektieren." Hüdaverdi Ögüt sitzt auf der Kanzel der Moschee. "Das Fasten ist allein eine Frage zwischen dem Gläubigen und Gott, niemand muss sich vor den anderen rechtfertigen." Der cremefarbene Mantel und die runde Mütze zeichnen Ögüt als Imam aus, vermitteln Respekt, aber auch Distanz. Wie alle Imame der Ditib, des vom türkischen Staat kontrollierten Dachverbands, zu dem die Moschee gehört, ist auch Ögüt in der Türkei ausgebildet, Deutsch spricht er kaum.

Die Reihen der Betenden ziehen sich diagonal durch den Raum. Den Kopf geneigt, die Hände verschränkt, hat sich auch Koyuncu eingereiht. Die Männer beugen sich, knien nieder, neigen den Kopf zu Boden. "Allahimme salli ala seyyidina muhammedin . . .", stimmen sie am Ende des Gebetszyklus in den Ruf des Vorbeters ein. Ein Gruß an den Prophet, wie Koyuncu später erklärt. Dreizehnmal wiederholen sie die Bewegungen, dreizehnmal grüßen sie den Propheten. Als sie schließlich die Moschee verlassen, ist es bereits spät. "Um vier stehen wir auf, frühstücken ein wenig, nach dem Sonnenaufgang verrichten wir das Morgengebet", sagt Koyuncu. Und dann? "Und dann", meint der junge Mann mit einem Lächeln, "gehen wir erst einmal wieder ins Bett."

Abdruck mit Genehmigung der Stuttgarter Zeitung. Erschienen am Samstag, 20. September 2008. Alle Rechte vorbehalten