„Den klassischen Filmemacher gibt es nicht mehr.” Interview mit Bernd Buder, Filmkurator FilmFestival Cottbus

Artikel veröffentlicht am 12. November 2010
Artikel veröffentlicht am 12. November 2010
Bernd Buder hat viel zu tun. Es ist erst 10 Uhr morgens, doch die erste Vorstellung des Tages ist fast ausverkauft und das Publikum wartet auf die Einführung.
Seit 1996 arbeitet der ausgebildete Politikwissenschaftler für das FilmFestival Cottbus; seine Teammitglieder und er suchen auf den Filmfestivals in Sofia, Karlovy Vary Sarajevo, Talinn, Moskau, Budapest und Warschau nach den Highlights der jeweiligen nationalen Filmlandschaft. Mit cafebabel.com sprach er über die Themen und die Bedeutung des Festivals und die sich ändernden Arbeitsbedingungen für junge Filmemacher aus Osteuropa.

Herr Buder, in Europa finden jährlich sehr viele Filmfestivals statt. Was macht das FilmFestival Cottbus besonders?

Es hat ein ganz eindeutiges Profil – Filme aus Osteuropa – und hat sich zu einem wichtigen Treffpunkt entwickelt, auf dem osteuropäische Filmemacher und interessierte Produzenten aus dem “westlichen” Europa zusammenkommen können. Hier sind schon interessante Kooperationen entstanden.

Welches Anliegen hatte das Festival, als es 1991 gegründet wurde?

Damals ging es darum zu zeigen, wie die junge Generation der Filmemacher, die mit der Wende aufgewachsen ist, mit den Veränderungen langfristig zurechtkommen würde. Immerhin mussten sie sich mit der EU-Erweiterung, komplexen sozialen Umwälzungen und mehreren Kriegen auseinandersetzen, wie zum Beispiel der Film „Chico” (2001) der ungarischen Regisseurin Ibolya Fekete sehr gut zeigt.

Welche Geschichten wurden damals erzählt?

Das waren meistens sehr persönliche Geschichten darüber, wie sich das Individuum in der sich verändernden Gesellschaft zurechtfindet. Überspitzt gesagt ging es in den Filmen um den „Überlebenskampf” in einer neuen Welt. Manche Filme erzählen aber auch sehr „pragmatisch“, mit einer angenehmen Beiläufigkeit vom Alltag nach dem Systemkollaps, zum Beispiel der rumänische Film „Koks und Kohle” („Marfa si Banii“, 2001), in dem drei junge Leute in einem Kleinbus durch Rumänien reisen, um ein ominöses Päckchen in Bukarest abzuliefern. Hinter den „kleinen“ Beobachtungen stehen dann die „großen“ Geschichten.

Und welche Geschichten werden heute erzählt?

Heute geht es eher um allgemein gültige Gesellschaftsbeobachtungen. Ein naiver Fabrikmanager, der sich moralisch korrekt verhalten will, mit seiner Unbedarftheit aber alles nur schlimmer macht („Die Versuchung des Heiligen Tony”, Estland 2009), eine zerrüttete Familie, in der Mutter und Tochter den gleichen gewalttätigen Mann lieben (“White, white World”, Serbien 2010) oder der unter zweifelhafter Beweislage verurteilte Jiri “Krajinek” (Tschechische Republik 2010) – ein wahrer Fall.

Die Frauenfiguren kommen oft nicht gut weg, obwohl sie einen starken Charakter haben.

Ja, die Filme spiegeln die kulturellen Unterschiede wieder - das Geschlechterverhältnis in Osteuropa und auf dem Balkan ist meiner Meinung nach noch stärker patriarchalisch geprägt. Ganz selten wird eine Geschichte aus der weiblichen Perspektive erzählt. Es gibt leider wenig weibliche Regisseurinnen, dafür interessanterweise eine Vielzahl von Produzentinnen. Vielleicht ist das aber auch eine Generationsfrage. Es scheint mir, dass in dem Film „Tilva Roš (2010)“ die Geschlechterfrage schon ganz anders behandelt wird.

Welche Bedeutung hat das FilmFestival Cottbus in der Region?

Unsere Besucherzahlen sind stark gestiegen (Besucherzahlen zum Vergleich: 2009: 19.000, 2007: 16.800, 2004: 15.000, 2001: 11.000, Quelle www.filmfestivalcottbus.de), dieses Jahr soll die 20.000 Marke überschritten werden. In den Vorführungen sitzen vermehrt auch ältere Menschen, für die so ein Festival eine besondere Atmosphäre ausstrahlt, die sie in Cottbus nicht so häufig erleben. Der Zuspruch erklärt sich auch historisch und durch die emotionale Verbindung, die Cottbusser und die Menschen aus der Region mit den osteuropäischen Ländern haben. Die Leute fahren ganz gezielt zum Festival und stellen auch sehr dezidierte Fragen an die Filmemacher nach den Vorführungen. Sie kennen sich aus mit Osteuropa.

Gibt es auch einen europäischen Effekt?

Die Initiative „Connecting Cottbus”, die 1999 von Gabriele Brunnenmeyer ins Leben gerufen wurde, bringt Vertreter der internationalen Filmszene nach Cottbus, organisiert Pitchings und Treffen zwischen Regisseuren aus osteuropäischen Ländern und Produzenten, Förderern und Fernsehsendern. So sind schon eine Menge internationaler Kooperationen angeschoben worden. Hier werden Synergien geschaffen und Impulse gesetzt.

Wo liegt Ihrer Meinung nach das Hollywood des Ostens?

Die Filme von den Schulen in Moskau, Prag und Łódź konnten sich bisher immer gut durchsetzen. Vor der Wirtschaftskrise hatte sich der Filmmarkt in Russland sehr entwickelt, es wurden richtige Blockbuster produziert, die zum Teil eine Million Besucher hatten. Die regionale Förderung in Polen ist sehr stark und viele Kooperationen mit dem Fernsehen unterstützen die Filmlandschaft. Hinzu kommt, dass die Umbruchsphase in den neuen EU-Ländern und den Beitrittskandidaten fast abgeschlossen ist. Manchmal tauchen aber doch Probleme auf, wie zum Beispiel in Slowenien vor zwei Jahren, wo wegen interner Rangeleien der Leitungsposten im Filmministerium nicht besetzt wurde und daher keine staatlichen Fördergelder ausgeschüttet werden konnten.

Wie kommen junge osteuropäische Filmemacher in einer globalisierten Welt zurecht?

Die Situation ist unübersichtlicher geworden. Früher hat man Lobbyismus hinter verschlossenen Türen für seinen Film betrieben. Wenn das Kulturministerium zugestimmt hatte, wurden die Filme voll ausfinanziert. Viele konnten sich dann in der Post-Wendezeit nicht mehr in das neue System einfinden. Heute ist die junge Generation der Filmemacher daran gewöhnt, Finanzierung aus unterschiedlichen Quellen zu beantragen. Oft arbeiten sie auch nebenher für das Fernsehen, machen Werbefilme oder ähnliches, um ihr Geld zu verdienen. Dieser Wettbewerb bietet aber auch mehr Chancen, ungewöhnliche Stoffe zu finanzieren. Wenn man an einer Stelle nicht weiterkommt, probiert man es eben an einer anderen.