'Democracy': Black Mirror in der Brüssel-Blase

Artikel veröffentlicht am 22. November 2016
Artikel veröffentlicht am 22. November 2016

Ein Schwarz-Weiß-Dokumentarfilm der den Gesetzgebungsverfahren der Europäischen Institutionen folgt? Klar, es gibt sicherlich geilere Pitches. Trotzdem gelingt dem Schweizer Filmregisseur David Bernet mit Democracy die Herausforderung eines spannenden Films über die Geheimnisse der europäischen Mächte.

Der Film Democracy ist eine Premiere in der Geschichte der Europäischen Union. Bereits vor einem Jahr erschien die Doku in Deutschland und konnte dort Erfolg verbuchen. Der Schweizer Regisseur David Bernet präsentierte seinen Film nun auch in Frankreich, wo er in Straßburg beim Filmfestival Augenblick Vorpremiere feierte.

Die Helden des Films heißen Viviane Reding, bis 2014 EU-Justizkommissarin, und Jan Philipp Albrecht, ein junger europäischer Abgeordneter der Grünen. 2012 führen sie einen langen Kampf mit dem Ziel, dass sich die europäische Gesetzgebung für den persönlichen Datenschutz der Internetnutzer interessiert. Sie sind von Beratern, politischen Gegnern, Lobbyisten und Bürgerrechtlern regelrecht umzingelt.

Die erschaffene 'Brüssel-Blase' wird zum Theater der Machtkämpfe und das Projekt gerät angesichts des Gewichts digitaler Großunternehmen ziemlich schnell ins Wanken. Laut der beiden Protagonisten hätten sich die Lobbys noch nie so entschlossen und mächtig gezeigt. Der Gesetzentwurf bricht daraufhin einen weiteren Rekord, nämlich den der eingereichten Änderungsvoschläge: es sind mehr als 4000.

Im Sommer 2013 deckt schließlich Edward Snowden einen Skandal der Massenüberwachung auf und gibt somit Jan Philipp Albrechts Projekt neuen Aufwind. Der Gesetzesentwurf wird dann im März 2014 vom europäischen Parlament verabschiedet - und an dieser Stelle endet der Film. Dennoch braucht es noch 2 weitere Verhandlungsjahre zwischen Parlament, dem Rat der EU und der Kommission bis die Datenschutz-Grundverordnung definitiv im März dieses Jahres umgesetzt wird.

Kurz nach dem Start der 3. Staffel der britischen Science-Fiction Serie Black Mirror und einem Biopic über die Snowden-Affäre stecken wir mitten in einer Data-Paranoia. Was vielleicht nicht ganz unbegründet ist. Dennoch sucht man in Bernets Dokumentarfilm vergeblich nach betont aktivistischen Elementen. Der Gesetzentwurf ist vor allem ein Vorwand, um die Kulissen der in Brüssel getroffenen Entscheidungen zu filmen und die heutige Demokratie zu hinterfragen, worauf übrigens der Titel des Films und der Überflug Athens in der ersten und letzten Szene hindeuten. „Mein Ziel ist es Türen zu öffnen. Zu Beginn der Dreharbeiten habe ich niemandem ablehnend gegenübergestanden. Ich wollte mich für die Kräfte, die Einfluss auf das Gesetzgebungsverfahren haben, interessieren“, erklärt der Filmemacher in Straßburg.

Im Rausch der Daten

Eigentlich hätte man von dem Dokumentarfilm eine gewisse Kälte in der Darstellung der EU-Institutionen erwarten können. Stattdessen überrascht Democracy mit einer gewissen Wärme. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik lockert die tristen Farben der Brüsseler Büroräume sogar irgendwie auf. Das ist aber vielleicht auch den paradoxerweise eher bunten Persönlichkeiten Reding und Albrecht zu verdanken, die sich weit entfernt von den üblichen Klischees der Bürokraten für ihre Überzeugungen einsetzen.

Da ist zum Beispiel der junge Albrecht als Meister der Situation und des Konsens' und dann wiederum EU-Kommissarin Reding, die sich sehr besonnen für ein Thema einsetzt, wo man sie nicht unbedingt erwartet hatte. Auch Pietro Balboni, ein junger Anwalt, der sich für Online-Handel interessiert und als realistischer Lobbyist agiert, ergänzt das Bild. Die beiden Bürgerrechtler Katarzyna Szymielewicz und Joe Mc Namee handeln aus tiefster Überzeugung. Was dem Film an manchen Stellen fehlt, ist der Input der Vertreter der Weltkonzerne, die in solchen Dokus nur ungern das Wort ergreifen. Am Ende des Films von Bernet steht da jedoch ein ziemlich menschlicher und rationaler Entscheidungsprozess. 

In einer Zeit, in der die Europäische Union ständig an den Pranger gestellt wird, weil sie eine Gesamtheit von komplexen, unnötigen und undurchsichtigen Institutionen aufweist, hat der Dokumentarfilm den Verdienst, mindestens zwei dieser Ideen in Frage zu stellen. Amüsiert filmt der Regisseur die europäische Komplexität und die echten Knacknüsse, vom Prozess, der mehr als 4 Jahre dauert, bis hin zu den Abgeordneten, die sich in den Gängen des Europäischen Parlaments verlaufen.

Auf der anderen Seite bringt David Bernet Licht ins Dunkel, er hebt den Vorhang über die Entscheidungsprozesse in Brüssel, ohne dem allgegenwärtigen Zynismus zu verfallen, der mittlerweile Standardprogramm ist. 

Laut Bernet sei es aber äußerst problematisch, dass die Bürger Europas „die Informationen nicht verdauen und auch nicht auf dortige Abläufe reagieren können“ weil Brüssel die „Avant-Garde“ sei.

Übersetzung: Isabelle Uribe