Dem spanischen Immobilienmarkt geht die Puste aus

Artikel veröffentlicht am 25. September 2006
Artikel veröffentlicht am 25. September 2006

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Das Wachstum des Immobilienmarktes in Spanien verlangsamt sich deutlich. Nun fürchten viele, dass die Blase platzen könnte – mit erheblichen Folgen für die Wirtschaft des Landes.

Ana Cebrian ist glücklich: Gerade 26, sind sie und ihr Freund schon Eigentümer einer komplett renovierten Wohnung im Zentrum von Valencia. „Ich habe ein Geschäft gemacht“, sagt sie stolz. „Ich habe für die Wohnung nur die Hälfte ihres Wertes bezahlt, denn wir haben sie von meiner Schwiegermutter gekauft. Und trotzdem haben wir noch 65 000 Euro an Renovierungskosten bezahlt.“

Genauso zufrieden sind Pedro und Yolanda Collado: Sie sind seit zwei Jahren verheiratet und nun Besitzer einer Wohnung – noch vor Baubeginn. „Meine Mutter hat uns zu dieser Investition geraten“, erklärt Pedro. „Sie hat die Anzeige für das Wohnungsprojekt auf einem Plakat gesehen und mich dazu überredet. Ein Glück: Zwei Tage später waren alle Wohnungen verkauft.“

So wie Ana, Pedro und Yolanda schwärmen viele Spanier für El ladrillo, den „Stein“, wie die Spanier das Immobiliengeschäft gerne nennen. Nicht wenige halten es für die weitaus beste Art, sein Geld anzulegen. Doch der Trend auf dem Immobilienmarkt kehrt sich gerade um, das Wachstum verlangsamt sich – trotz der Dynamik der spanischen Wirtschaft, die sich zu einem Großteil dem Bauboom verdankt.

Gefahr für den Tourismus

Angesichts der damit verbundenen Gefahren läutete die Tageszeitung El Mundo im September letzten Jahres die Alarmglocken. Sie erinnerte an die Stornierung der großen Immobilienprojekte und den Rückgang der Verkäufe um satte 40 Prozent.

Bautista Soler, einer der mächtigsten Baulöwen Spaniens bestreitet diese Stagnation nicht, verweist jedoch darauf, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöht habe. So sieht das auch Cruz Sierra, Herausgeber einer Wirtschaftszeitschrift mit Sitz in Valencia. „Schon seit einiger Zeit ist sich die Baubranche einig, dass sich das Tempo des Wachstums verlangsamt, von über 15 Prozent pro Jahr zu weniger als sieben Prozent“. Auch er glaubt, dass das Anheben der Zinsen eine geringere Nachfrage verursache.

Sierra bleibt skeptisch, was die Folgen des Baubooms für die Wirtschaft des Landes angeht: „Für die Gemeinde Valencia war das 1994 verabschiedete und 2005 überarbeitete Gesetz zur Regulierung des Städtebaus kontraproduktiv. Damals fehlte es an Baugrund und das Gesetz war dazu bestimmt, die Abtretung von Bauland zu vereinfachen, um auf die Nachfrage zu reagieren“, argumentiert er. „Aber die Verordnung verschärfte die Probleme und machte den Weg erst frei für eine ungebremste Bebauung. Die Mittelmeerküste wurde denaturiert und jetzt ist der Tourismus, der zweite Pfeiler unserer Wirtschaft, gefährdet.“

Kredite bis zu 50 Jahren

Dennoch wird versucht, die Nachfrage auf dem Immobilienmarkt zu stärken, um das Zusammenbrechen der spanischen Wirtschaft zu vermeiden. Die Banken vergeben seit Kurzem neue Kredite mit extrem langer Laufzeit. Die Frist bis zur Rückzahlung beträgt dabei bis zu 50 Jahre. Diese Kredite sind für Käufer reserviert, die unter 35 sind und werden von diesen oft als Kette wahrgenommen, durch die sie auf Lebenszeit an die Bank gebunden bleiben. Dennoch ermöglichen sie vor allem jungen Leuten, deren Einkommen unter tausend Euro liegt – den sogenannten „Mileuristas“ – eine Wohnung zu kaufen.

Ein anderer Rettungsanker für das spanische Immobiliengeschäft sind die Ausländer. Es gibt zahlreiche Europäer oder Menschen anderer Kontinente, die gerne in eine Wohnung oder ein Haus in Spanien investieren. Für Cruz Sierra ist ihre Rolle nicht zu unterschätzen. „Diese ausländischen Käufer haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, die Nachfrage zu steigern, Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen.“

Ob der Staat das Platzen der Immobilienblase verhindern kann, ist umstritten. Viele werfen ihm vor, dass er nicht genug Präsenz zeige. „Es gibt zu viele Immobiliengesellschaften“, beklagt Cruz Sierra. Und Ana Cebrian, die frischgebackene Wohnugseigentümerin, fügt hinzu: „Die Zugangsbedingungen sind zu hart und man braucht viel Glück, um auch nur ein klein wenig Unterstützung zu bekommen.“

Spanien protestiert gegen den Immobilienwucher

„Eine Wohnung zu haben ist ein Recht – kein Geschäft!“ Dieses Motto zierte in den letzten Monaten die Transparente diverser Demonstrationen in Spanien. Die Bürger organisieren sich, um gegen den „Immobilienmissbrauch“ zu protestieren.

Die Bewegung „Für eine würdige Wohnung“ begann im Internet. Zuerst tauschten sie Mails und SMS aus, dann trafen sich tausende junger Leute am 14. Mai dieses Jahres in verschiedenen Städten Spaniens. Nach sechs nicht genehmigten „Sit-ins“ und 17 Festnahmen rief die Bewegung zu einer Großdemonstration am zweiten Juli auf.

Die Bewegung fordert von der Regierung „strukturelle Reformen“, um die hohen Wohnungspreise in den Griff zu bekommen. Diese hinderten die jungen Spanier daran, „mit ihrem eigenen Geld zu günstigen Bedingungen an eine Wohnung zu kommen“. Laut Daniel Jiménez, dem Sprecher der Bewegung, werden die geplanten Kundgebungen am 30. September in Barcelona und am 21. Oktober in Madrid weitergehen. „Du wirst in deinem verdammten Leben keine eigenen vier Wände haben“ soll dann das Motto lauten.

Das Ziel bleibt natürlich daselbe: Die Behörden sollen ihnen zuhören und reagieren – damit der „Immobilienwucher“ endlich gebremst wird.

Sergio Rodriguez Sanchez - Übersetzung: Sevim Lewig