Degrowth: Budapest auf der Suche nach dem Postwachstum

Artikel veröffentlicht am 26. April 2016
Artikel veröffentlicht am 26. April 2016

In Budapest wird vom 30. August bis zum 3. September 2016 die nächste Internationale Degrowth-Konferenz stattfinden. Bereits jetzt ist der Einfluss dieser aufkeimenden sozialen Bewegung, die sich der Wachstumskritik verschrieben hat, in Budapest spürbar.

Jeden Sonntagmorgen, nur wenige Stunden nachdem die letzten Partygänger über die Straßen huschen, wird Budapests berühmteste Bar, das Szimpla Kert, zu einem Wochenmarkt. Ungefähr 40 Verkäufer und fast 1000 Besucher beleben das Projekt. Hier werden ausschließlich regionale Produkte verkauft, die von den Händlern selbst und vor allem lokal produziert wurden. Nicht mehr als 50 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Hinzu kommen eine Gruppe von Freiwilligen, die für einen guten Zweck selbst zubereitetes Essen verkaufen und ein Musiktrio, das die Menge unterhält. Damit ist das Ambiente komplett, das Vincent Liegey als „degrowthist“ - also als wachstumskritisch - beschreibt. „Degrowth“ (deutsch manchmal Postwachstum, Entwachstum oder Wachstumsrücknahme) bezeichnet eine Gesellschaftsordnung, die sich von der aktuellen Wachstumsgesellschaft abwendet. Liegey engagiert sich für diese Bewegung.

„Die Menschen hier sind freundlich und glücklich, jeder kennt jeden und sie kaufen gesunde, regionale Biolebensmittel“, sagt Liegey, der Co-Autor des Buches Projekt Degrowth ist. Der französische Ingenieur stellt fest, dass Menschen zunehmend die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückhaben wollen, weil sie mit dem derzeitigen Wirtschaftsmodell nicht zufrieden sind.

Was ist Degroth? (Degrowth-Konferenz in Leipzig 2014)

Auf der Suche nach einem konkreten Beispiel für diese Philosophie spreche ich mit Logan Strenchock. Er verantwortet umweltbewusstes und nachhaltiges Handeln an der Zentraleuropäischen Universität in Budapest - auf Neudeutsch Environmental and Sustainability Officer - und verkauft außerdem Gemüse von der Biofarm Zsámboki Biokert. Während er meine Fragen beantwortet, begrüßt er die Kunden, die an seinem Stand vorbeikommen. Was man mir gesagt hat, scheint wahr zu sein: auf diesem Markt kennt jeder jeden.

Levente Erős ist ein weiterer Besucher des Markts. Er ist der Schöpfer von Kantaa, einer Firma für nachhaltige Fahrradboten-Dienstleistungen mit neun Angestellten. Zusammen mit Liegey und Strenchock arbeitet er an einem Projekt namens Cargonomia, das Biolebensmittel per Fahrrad in Budapest ausliefern will. Dem Projekt liegt die Degrowth-zugrunde, aber Erős zweifelt, ob er sich selbst als Degrowthist bezeichnen würde: „Die Leute nennen mich einen „Degrowth-Aktivisten“, aber ich weiß nicht genau, ob das stimmt“, erklärt der Elektroingenieur. „Ich hatte nie vor, einer zu werden. Ich zeige den Leuten nur, wie sie anders leben können.“ Er weicht Fragen über Politik aus, sagt, das wäre mehr Vincent Liegeys Domäne. Er sei nur der Fahrradexperte.

Liegey selbst gibt auch Vorlesungen über Degrowth in ganz Europa. Er erklärt seine Ansichten zum derzeitigen Stand der internationalen Angelegenheiten: „Es gibt keine neue Umweltkrise, neue Wirtschaftskrise, neue soziale Krise … alle diese Krisen sind miteinander verbunden. Man kann nicht versuchen, nur eins dieser Probleme zu lösen, ohne über den ganzen Rest nachzudenken. Degrowth hilft, die verschiedenen Disziplinen zu verbinden, um diese Probleme global zu verstehen und eine Lösung an der Wurzel von allem zu finden.“

Seine Lösung basiert darauf, den unerschütterlichen Glauben an Fortschritt, Entwicklung, Wissenschaft und Wirtschaft zu „dekonstruieren“ und zu beginnen, zu neuen Modellen für eine nachhaltige, freundliche, unabhängige, demokratische und gerechte Gesellschaft überzugehen.

Liegey ist Teil des Organisationsteams für die kommende Internationale Degrowth Konferenz, die vom 30. August bis zum 3. September 2016 in Budapest stattfinden wird. Für ihn ist Budapest ein großartiger Ort für die Veranstaltung, weil hier schon die Atmosphäre herrscht, in der Degrowth gepflegt werden kann. Die niedrige Bevölkerungsdichte im Stadtzentrum, die kreative Problemlöse-Tradition und die vielen unabhängigen und dezentralen Initiativen helfen nur, die Bewegung weiter zu verstärken.

Eine der interessantesten Initiativen ist Wekerle Estate, das am Ende der U-Bahnlinie 3 liegt. Das Viertel wurde Anfang des 20. Jahrhunderts für Arbeiter aus dem Boden gestampft, die vom Land nach Budapest zogen, um ihnen die Anpassung an das Leben in einer Stadt zu erleichtern. Nach Wekerle zu kommen fühlt sich ein bisschen so an, als würde man die Stadt verlassen und auf ein ländliches Dorf zurückkehren. Die Gestalt des Viertels wird vor allem durch niedrige Einfamilienhäuser mit Gemüsegärten definiert.

In dieser speziellen Umgebung, die jetzt zu einem Netzwerk kooperativer Vereine gehört, haben sie in den letzten Jahren ökologische und soziale Initiativen gefördert. Dazu gehören ihr eigener regionaler Wochenmarkt, kostenlose Fensterdämmung für die Ärmsten, Kompost in den Gärten, regionales Essen in den Schulkantinen und Kurse zu ökologischem Anbau. „Es gibt viele Leute, die sich teurere Wohnungen in anderen Stadtteilen leisten könnten, aber lieber in Wekerle wohnen, weil ihnen unsere Lebensart hier gefällt“, sagt Krisztian Kertesz, ein leitendes Mitglied des Vorstandes einer Nachbarschaftsvereinigung.

Auch die wissenschaftliche Seite von Degrowth wird in Budapest untersucht. Miklós Antal ist Forscher an der Eötvös Loránd University. Obwohl er sich selbst nicht als Degrowthist sieht, studiert er, wie man das derzeitige wirtschaftliche Paradigma hinter sich lassen und weniger von Wachstumsfaktoren abhängen kann. Zusätzlich zur wissenschaftlichen Grundlage für viele Ideen der Bewegung, wendet Antal diesen Ethos auch auf sein tägliches Leben an. Er fliegt nicht - das hält er für Verschwendung. Er fährt Fahrrad - und verzichtet auf verschmutzende Verkehrsmittel. Er ist Vegetarier und isst keine Produkte von Firmen, die er nicht unterstützt. Er kauft keine Produkte, die an Tieren getestet werden oder unnötige Chemikalien enthalten und versucht seinen Konsum einzuschränken. Antal verteidigt seine Position, indem er erklärt, dass in Enwicklungsländern das gleiche Nivau an Glück mit der Hälfte des BIPs erreicht werden könnte, weil „erhöhter Konsum uns nicht glücklich macht.“

„Ich mache viele Dinge anders als andere Menschen“, erklärt er, „aber im Grunde führe ich ein normales Leben. Es ist einfach eine Art, zu zeigen, dass man nachhaltig leben und gleichzeitig eine normale Existenz führen kann.“ Er deutet auf sich selbst, um zu zeigen, dass er genauso aussieht wie jeder andere an der Universität. Es gibt auch ein ganz normales Restaurant neben der Uni, wo er essen geht. Allerdings gibt er zu, dass er vor einer Weile die Köche überzeugt hat, jeden Tag ein vegetarisches Menü anzubieten. Er nimmt sogar die Saftflaschen mit, die zu dem Menü gehören, weil er weiß, dass das Restaurant nicht recycelt.

Antal ist sich sicher, dass das System sich in der Zukunft ändern wird. Seine Eltern glaubten, sie würden ihr gesamtes Leben in einem sozialistischen Staat leben, und das stimmt auch nicht mehr. Dinge können sich ändern.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.