Deformierte Ankläger im europäischen Horrorfilm

Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Jungen aus den Pariser Vorstädten mutieren zu Zombies und gehen auf die Polizei los, ein geistesgestörter Arzt erschafft aus drei „Patienten“ einen menschlichen Tausendfüßler und Serbien wird in einen Schmelztiegel von Gewalt, Blut und Sex verwandelt. Genau auf diese Art werden im Horrorfilm die „Schikanen der Regierung“ vorgeführt: Das Genre scheint sich in Europa bester Gesundheit zu erfreuen.

„Vergewaltigungen, Verstümmelungen - im Horrorfilm kann all dies gezeigt werden, weil es sich um ein subversiv geprägtes Genre handelt, welches die Grenzen des Erträglichen ergründet.“ Wenn Franco Calandrini über diese besondere Filmgattung spricht, dann weiß er genau, wovon er spricht - denn er ist der Direktor des Ravenna Nightmare Film Festivals, eines der wichtigsten seiner Art in Italien. Werfen wir alsoeinen Blick auf einige der jüngsten europäischen Produktionen, die Kinosäle und Festivals gefüllt haben.

Die Horde (2009) – Frankreich

Der Zusammenprall von Zombies, Polizisten und Gangstern greift eines der typischen Genreklischees auf: Die Ausgestoßenen in Gestalt der Untoten - in diesem Fall aus der Peripherie von Paris - begehren auf. Es handelt sich um ein Horrorfilm-Produkt, das ohne weiteres auch die großen Verleihzahlen erreicht und das als x-tes Beispiel von der Vitalität der französischen Szene und des Subgenres Torture-porn - mit Titeln wie Frontière(s) von Xavier Gens, Martyrs von Pascal Laugier und A l'intérieur (Inside) von Alexandre Bustillo und Julien Maury, zeugt. „Die besten Ergebnisse kommen aus Ländern wie Frankreich, Spanien und England“, erklärt Calandrini, „weil dort das Geld vorhanden ist.“ Mehr Geld ergibt qualitativ mehr Film und damit eine gehobene Mittelklasse. Das ist genau das Gegenteil von dem, was in Italien geschieht. „Um uns ist es schlecht bestellt, weil das Publikum Vorbehalte gegenüber dem italienischen Horrorfilm hat“, so berichtet er. „Die Produzenten investieren nicht, weil sie finanzielle Einbußen befürchten. Und das Resultat davon? Sehr wenige Filme von niedriger Qualität.“

The Human Centipede (2009) - Niederlande

Nachdem ihm bereits bei anderen Wettbewerben Aufmerksamkeit zuteil geworden war, gewann Tom Six, der niederländische Regisseur und Autor von The Human Centipede (First Sequence), beim letztjährigen Nightmare Film Festival den Premio L’annello d’oro für den besten Spielfilm. Um zu verstehen, warum man den Streifen schwerlich im Kino zu Gesicht bekommen wird, genügt ein Abriss der Handlung. Der pensionierte und wahnsinnige Chirurg Dr. Heiter - spezialisiert auf die Trennung von siamesischen Zwillingen - nimmt zwei junge Mädchen gefangen. Sein Ziel ist es, sie zusammenzunähen, sie mit einem einzigartigen Verdauungssystem auszustatten und damit einen humanoiden Tausendfüßler zu erschaffen. Nach einer Reportage über einen Kinderschänder war der Regisseur auf die Idee gekommen, dass „ausschließlich ein Annähen von dessen Gesicht an den Hintern eines fetten LKW-Fahrers eine angemessene Strafe darzustellen vermag.“ Daher auch die Inspiration für die Erschaffung des Tausendfüßlers und gar der Austausch mit einem Chirurgen, um die medizinische Durchführbarkeit abzustimmen.

In Person des verrückten und nazistischen Professors bildet auch dieser Streifen ein klassisches Klischee des Horrorfilms ab. Es reicht bis zu den Wurzeln des Nazisploitation-Films, einem Horror-Sub-Genre, das gegen Ende der 1970er-Jahre ziemlich en vogue gewesen ist. Der Film ist äußerst brutal. Darf der Horrorfilm wirklich alles zeigen? „Einmal hatte ich Bedenken, als ich einen Film für ein Festival auswählt habe und ein Hund auf brutalste Weise gepeinigt wurde“, sagt Calandrini. „Also sprach ich mit dem Regisseur, welcher mir erklärte, auf diese Weise aufzeigen zu wollen, bis zu welchem Punkt die menschliche Grausamkeit reichen kann. Dasbeschloss ich zu akzeptieren. Letztlich sollte sich das Publikum seine eigene Meinung bilden."

A Serbian Film (2010) - Serbien

Der erste Spielfilm von Srdjan Spasojevic lief bereits auf verschiedenen europäischen Festivals in Brüssel, London, Sitges und Wien, bevor er nach Ravenna kam. Es ist die Geschichte von Milos, einem früheren Pornodarsteller, der - um seine Familie zu retten - in einen Strudel von schockierender Gewalt gerät. Nach Aussage des Regisseurs handelt es sich hierbei um einen politischen Film, eine Metapher für das Leid, das die Staatsgewalt über das serbische Volk verhängt hat. „Das Werk überschreitet den Schwellenbereich der sichtbaren Dinge“, bemerkt Calendrini. Im vergangenen Jahr war es Mladen Djordjevic, der in The life and deathof a porn gang von einem Serbien als Alptraum berichtet hatte. Ist das Land etwa reich an Talenten? „Auch dieser Film war gut konstruiert“, erläutert Calendrini, „aber streng genommen handelt es sich um zwei Ausnahmen, das serbische Panorama bietet nur wenig. Und im Übrigen glaube ich nicht, dass es diese Snuff-Streifen, auf die sich beide Filme beziehen, wirklich gibt.“

Illustrationen: (cc)A Serbian Film; (cc)Youtube