'Debtocracy'-Regisseur Aris Chatzistefanou: "Griechenland muss aus der Eurozone austreten"

Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2011
Während die Proteste in Athen andauern und Griechenland das Wasser finanziell weiterhin bis zum Halse steht, präsentiert der Grieche Aris Chatzistefanou seine Doku Debtocracy (2011). Bereits im ersten Monat nach Erscheinen hatten eine Million Menschen seinen Dokumentarfilm gesehen. Viele Griechen haben darin erfahren, dass die Verschuldung "illegal" sei und sie dafür nicht zu bezahlen brauchen.
Nachdem er den konservativen Sender Skai verlassen hat, ist der griechische TV-Moderator Mentor der Jugendbewegung auf dem Athener Syntagmaplatz geworden. Der Filmemacher träumt von einer "magischen Nacht", in welcher der Premierminister im Helikopter flieht, während der hellenische Staat die Insolvenz verkündet.

Cafebabel.com: Aris, die Jugend vom Syntagmaplatz trifft sich weiterhin jeden Abend vor dem Parlament in Athen. Man fordert eine neue Demokratie, die von den Werten des antiken Griechenlands inspiriert ist. Glauben Sie, dass die Bewegung Zukunft hat?

Aris Chatzistefanou: Die griechische Bewegung der „Empörten“ ist wahrscheinlich eine der vielversprechendsten Ereignisse in der modernen griechischen Geschichte. Es ist das Ende einer politischen Atmosphäre, die die griechische Politik in den letzten vier Jahrzehnten dominiert hat. Leider sind es charakteristische Merkmale der Bewegung - wie beispielsweise die Tatsache, dass sie nicht mit politischen Parteien zusammenarbeitet -  die auch dazu führen, dass die Empörten nicht auf politische und organisatorische Erfahrungen früherer Bewegungen zurückgreifen können. Meiner Meinung nach ist der Geist der antiken griechischen Demokratie die einzige Lösung für das marode politische System. Trotzdem bin ich nicht gegen Parteien oder Gewerkschaften als Träger der politischen Mobilisierung.

Cafebabel.com: Hat die Bewegung nach den Krawallen und Zusammenstößen Ende Juni an Glaubwürdigkeit verloren?

Aris Chatzistefanou: Ganz im Gegenteil. Zum ersten Mal konnten Menschen aus der Mittelklasse, die in der Regel nicht an großen Demonstrationen teilnehmen, die Brutalität der griechischen Polizei mit eigenen Augen sehen. Während der letzten Demo hat die Polizei mehr als 2 800 Tränengaskanister verwendet (die nach der Genfer Konvention verboten sind). Auch Amnesty International hat die griechische Regierung für den exzessiven Gewalteinsatz kritisiert. Normalerweise verdrehen die Mainstream-Medien komplett die Realität und versuchen, die Schuld kleinen Gruppen von Anarchisten zu geben - was vor einigen Jahren der Fall war. Nun  hatten Tausende von Menschen zum ersten Mal die Möglichkeit, mit eigenen Augen zu sehen, dass es die Polizei ist, die in einigen Fällen zuerst Gewalt einsetzt.

Cafebabel.com: In der Dokumentation Debtocracy (2011) sagen Sie eine "magische Nacht" wie in Buenos Aires im Jahr 2002 voraus. Wie können Sie die wirtschaftliche Situation Griechenlands mit der Argentiniens vergleichen?

Aris Chatzistefanou:Argentinien hat bei dem Versuch die Krise zu bewältigen viele Fehler gemacht, trotzdem hat sich das Land in gewisser Hinsicht in die richtige Richtung bewegt, indem es die Schulden nicht zurückgezahlt hat und die Gleichstellung mit dem amerikanischen Dollar aufgegeben hat. Es ähnelt in gewisser Weise dem, was Griechenland zu tun hat: in Verzug geraten und aus der Eurozone austreten. In Argentinien konnte dies durch den unaufhörlichen Druck der argentinischen Bevölkerung auf die rechtsgerichtete neoperonistische Regierung stattfinden. Und genau in diesem Sinne braucht Griechenland eine "magische Nacht", in der die Bevölkerung von der Regierung verlangt, den ausländischen Kreditgebern und wirtschaftlichen Eliten Griechenlands den Rücken zu kehren.

Bilder: Aris Chatzistefanou (cc)FREDDIE F./blogspot