Dear Reader: "Letztendlich sind wir doch alle nur Geeks"

Artikel veröffentlicht am 25. September 2009
Artikel veröffentlicht am 25. September 2009
Cherilyn MacNeil (24), die charismatische Sängerin und Pianistin des südafrikanischen Indie-Trios Dear Reader, spricht am Rande des Berlin-Festivals über ihr Heimatland zwischen Gefahr und Aufbruch, Glauben und Spiritualität, gebrochene Herzen - und darüber, wie sie ihren Sommer in Berlin verbracht hat.

Cheri ist ein Teamplayer. Deshalb hat sie auch ihre beiden Bandkollegen, Bassist Darryl Torr und Drummer Michael Wright um sich geschart, als sie zum Interviewtermin kommt. Es ist unfassbar heiß an diesem Tag auf dem kürzlich stillgelegten Flughafen Tempelhof, in dessen Hangars das Berlin-Festival stattfindet. Während sich an der Bar eine lange Schlange nach Wasser lechzender Konzertbesucher bildet, sieht die Sängerin aus wie aus dem Ei gepellt und strahlt mit elfengleichem Teint und einem umwerfenden Lächeln die totale Ruhe aus inmitten dieser Hektik. Das mag zum einen an dem Naturell dieser durch und durch positiven Person liegen, aber es wurde auch ein bisschen nachgeholfen: „Wir haben ein paar großartige Tage in Berlin verbracht. Wir sind im See baden gegangen, wir haben im Park gepicknickt, bei einem Musikquiz teilgenommen - und gewonnen! - und ich war Rad fahren. In Südafrika ist ja gerade Winter, deshalb war es wie Sommerferien für uns!“

Man nimmt Cheri diese Berlin-Begeisterung ab, zudem scheinen sie gute Connections zu haben, denn sie logieren im derzeit trendigsten Teil der Stadt, der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, kurz „Neukölln“ genannt. Eine Ecke, die noch nicht schick genug ist, um Galerien oder Investoren anzulocken, aber nicht mehr so heruntergekommen, dass sich mittlerweile coole Bars und Läden hier ansiedeln.

Johannesburg zwischen Kriminalität und kultureller Diversität

Ein ganz anderes Flair herrscht in Johannesburg, der Heimatstadt der Band. Mit über drei Millionen Einwohnern ist es vor allem der Ruf als eine der gefährlichsten Städte der Welt, die „Jo’burg“, wie es die Einwohner nennen, anhaftet wie der Klebstoff, der in den Elendsvierteln geschnüffelt wird. Ein Leben hinter Gittern aus Angst vor Einbruch und Gewalt, wie sieht sie das? „Für uns bedeutet das Normalität, weil es eben immer schon so war. Natürlich muss man vorsichtig sein, aber das macht man automatisch. Natürlich laufe ich nachts nicht herum, sondern fahre Auto, ich achte darauf, dass ich immer in einer Gruppe ausgehe. Es wirkt für Außenstehende wahrscheinlich schlimmer, als es ist...ich habe mich einfach daran gewöhnt.“

Darryl mischt sich ins Gespräch. Geboren und aufgewachsen in Johannesburg sieht er seine Stadt als Ort unendlicher Möglichkeiten, die noch längst nicht ausgeschöpft seien und erwartet aufregende Dinge in nicht allzu ferner Zukunft. Cheri stimmt ihm verhalten zu: „Es ist einfach die kosmopolitischste Stadt in unserem Land, mit einer schwierigen Geschichte, aber es leben hier viele verschiedene Kulturen - leider oft noch zu sehr getrennt voneinander, als miteinander.“

Losing my religion

©City SlangSüdafrikas Musikszene aber ist vielseitig und bunt: neben traditioneller afrikanischer Musik belegen jedoch momentan hauptsächlich Hip Hop, Dance und Musik nach US-amerikanischem Vorbild die oberen Plätze der Charts. Ganz Südafrika scheint vom musikalischen Mainstream besetzt. Ganz Südafrika? Nein! Seit einiger Zeit kristallisiert sich eine kleine, aber feine Independent-Musikszene heraus. Die Band Dear Reader gibt es eigentlich bereits seit 2006, damals allerdings noch unter dem Namen Harris Tweed, den die Indie-Gruppe 2008 aufgrund des gleichnamigen Klamottenlabels aufgeben musste.

Wenn ich auf mein früheres Ich zurückblicke, denke ich, wow, wer ist diese Person? Ich war wirklich ein Freak!

„If Jesus was my friend, tell me where he went,“ heißt es in einem Song, den Cheri geschrieben hat. Tatsächlich war die Sängerin früher sehr gläubig: „Ich wurde religiös erzogen und habe es sogar noch weiter getrieben. Ich war eine recht schwierige Person in dieser Zeit. Irgendwann habe ich meinen Glauben verloren, nicht etwa durch ein dramatisches Erlebnis, sondern einfach so. Und das war das erste Mal, dass mein Herz gebrochen wurde - lange vor dem Typen, über den ich in meinen Liedern singe. Es ist irgendwie merkwürdig für mich, darüber zu sprechen. Wenn ich auf mein früheres Ich zurückblicke, denke ich, wow, wer ist diese Person? Ich war wirklich ein Freak!“ Mittlerweile hat sie diesen Pfad verlassen, doch das Interesse für Spiritualität, Philosophie und das große „warum?“ des Lebens ist ihr geblieben.

Liebeskummer und Coolness

Wir sollten einfach mehr miteinander reden, statt immerzu Zeit damit zu verschwenden, hip und cool zu sein.

Cheri hat viele Lieder über ihr Liebesleid geschrieben und gibt freimütig zu, dass die Inhalte autobiografisch sind. Wer so umwerfend aussieht wie diese Traumfrau, deren innere Schönheit nach Sekunden des Kennenlernens deutlich wird - ist so jemand nicht eher selbst eine Herzensbrecherin? „Ach weißt Du, damals in der Schule waren immer diese angesehen Kids, für die man irgendwie nie cool genug war und vor denen man einen Riesenrespekt hatte. Und eines Tages findet man raus, dass man für andere genau diese Person war. Manchmal bemerkt man erst Jahre später, was andere früher über dich gedacht haben, und das kann ein ganz schöner Schock sein! Letztendlich sind wir doch alle nur Geeks. Wir sollten einfach mehr miteinander reden, statt immerzu Zeit damit zu verschwenden, hip und cool zu sein. Ich mag es, wenn man jemanden trifft und rausfindet, dass man eigentlich doch gleich ist. Das ist das Tolle an der Musik, weil man dadurch zu Teilen seiner Persönlichkeit findet, die sonst tief vergraben sind.“

Dass Musik Grenzen und Gräben überwinden kann, wurde schon oft bewiesen. Cherilyn MacNeil macht in „The Same“ die Unterschiede deutlich, die sich immer noch durch die südafrikanische Gesellschaft ziehen. Bei allen Differenzen, verschiedener Religion, Hautfarbe, Sitten und Gebräuchen gibt es jedoch eine große Gemeinsamkeit, für die es sich zu kämpfen lohnt: „Same, we're both the same/ We share the same heart/ We're made of the same parts.“ Und das gilt für alle, ob sie nun Freaks sind oder nicht.