David Bowie: Ziggy ist zurück

Artikel veröffentlicht am 1. März 2013
Artikel veröffentlicht am 1. März 2013
David Bowie lebt! Der in Vergessenheit geratene Megastar meldete sich, pünktlich zu seinem 66. Geburtstag, mit seinem neuen Album The Next Day zurück, das seit heute komplett online zu hören ist. Als Vorgeschmack erschien am 8. Januar 2013 die erste Single-Auskopplung Where are we now? im Internet. Die perfekte Gelegenheit, sich zu fragen: „Where are we now“ mit dem Idol der 80er Jahre.

Zu behaupten, David Bowie hätte sich in den letzten zehn Jahren rar gemacht, ist fast untertrieben. Seine öffentlichen Auftritte waren äußerst selten. Mehrmals machten alarmierende Geschichten über seinen Gesundheitszustand die Runde, und ein paar Witzbolde wollten uns sogar glauben lassen, er weile nicht mehr auf dieser Welt.

Jetzt zeigt sich: nichts als Gerüchte! Nachdem allerdings die erste Euphorie über seine neue Single und die Erleichterung über den „Nicht-Tod“ David Bowies verklungen sind, macht sich Sorge breit. Wie wird sie wohl klingen, diese Platte? Die letzten Alben waren für viele Fans eher eine Enttäuschung, zum Beispiel das etwas langweilige „Reality“. Wie bei den meisten alternden Popstars ist das Risiko groß, dass sie es sich bequem machen oder sich (unfreiwillig) selbst parodieren (Stimmt’s, Mick? Paul?). Wäre der Weg des friedlichen und würdevollen Ruhestands, wie Bowie ihn gewählt zu haben schien, nicht die bessere Lösung gewesen? Oh, ohhh…

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Hört man zum ersten Mal in den Song rein, scheint es aber, dass die Jahre keinen Einfluss auf Bowie hatten. Die retro-futuristische Ballade Where are we now? katapultiert uns mit ihrem Text und dem Videoclip in die Berliner Zeit des Sängers und nimmt uns auf eine Reise durch die Straßen der deutschen Hauptstadt mit. Eine gewisse Melancholie ist da, gewinnt aber nicht überhand. Bowie präsentiert uns keine aufgewärmte Kurzfassung jenes Stils, der ihm in der Vergangenheit zu Durchbruch und Ruhm verholfen hatte, sondern ein durch und durch modernes Stück. Neben seinem riesigen musikalischen Talent macht eben auch das Bowies Genialität aus: ein scharfes Bewusstsein seiner Umwelt, gepaart mit einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe. Where are we now? wurde abseits des klassischen Showbiz veröffentlicht. Stattdessen ging David Bowie mit der Zeit und setzte auf moderne Medien - typisch für sein Gespür für den richtigen Zeitpunkt, das aus ihm das Idol gemacht hat, das wir kennen.

Bowie, schon immer Ziggy?

David Bowie ist der Künstlername von David Robert Jones, geboren 1947 in Brixton. Nach ersten musikalischen Gehversuchen in den 1960er Jahren, erscheint 1967 das erste Solo-Album des Londoner Künstlers, das er ganz einfach „David Bowie“ nennt. Das Album findet allerdings keine große Beachtung, und auch Bowie selbst ist nicht sonderlich stolz auf die Platte. Zwei Jahre später, am 11. Juli 1969 (fünf Tage bevor Apollo ins All startete), kommt Bowies Nummer „Space Oddity“ auf den Markt; kurz darauf erscheint das gleichnamige Album. Die Single schafft es in die Top 5 der britischen Charts.

1970 bringt David Bowie das Album The Man Who Sold The World heraus. Mit ihrer ausgeprägt rockigen Seite unterscheidet sich die Scheibe von Bowies jungem Stil – Folk und akkustische Gitarre - aus „Space Oddity“. Zeitgleich beginnt Bowie, einen androgynen Look zu pflegen. Er bringt seine schillernde Haarpracht zum Glänzen und kauft mehrere Kleider für Männer, kreiert vom Londoner Designer Mr Fish. Für das Cover von The Man Who Sold The World lässt er sich in einem dieser Kleider ablichten. Seine laszive Pose und sein provokantes Dekolletee lösen einen Skandal aus, der soweit führt, dass das Label Mercury das originale Cover in den USA durch eine Zeichnung ersetzt. Für Bowie jedoch ist das ein gelungener Coup. Mit diesem Cover schafft er es, seine Vorliebe für Skandale und sexuelle Tabubrüche mit einer brillanten Vermarktungsstrategie zu verbinden und knüpft damit an die Lesben- und Schwulenbewegung an. Kurz gesagt, er hat geschafft, was er wollte: alle reden über ihn. Und das gefällt Ziggy.

Von da an entwickelt sich Bowies Vorliebe für Verkleidungen und Theater. Während seiner USA-Tournee nach dem Album The Man Who Sold The World, kreiert er das ultimative Pop-Idol: Ziggy Stardust. Bowies bekanntestes Alter ego, eine androgyn-außerirdische Figur. Sie tritt das erste Mal 1972 in Erscheinung, zusammen mit dem exzellenten The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars, eine Art Konzeptalbum, das eine dekadente und apokalyptische Zukunft herauf beschwört. Die Geschichte des Pops sollte sich in diesem Jahr gewaltig verändern: Nachdem er ein Jahrzehnt am perfekten Konzept gefeilt hatte, findet der mysteriöse Außerirdische Bowie alias Stardust eine Stimme und wird zur Ikone des 20. Jahrhunderts. Bowie denkt sich im Anschluss noch weitere Figuren aus, unter anderem Aladdin Sane und Thin White Duke. Letzterer symbolisiert Bowies Wende zu Soul und Funk, die er 1974 einschlägt, nachdem er sich in Los Angeles niedergelassen hatte.

Bowie im Jahr 1976.

Mit David Bowies Ruhm wächst auch sein Konsum aller möglichen Drogen. 1976 zieht er nach Berlin und gründet eine Wohngemeinschaft mit Iggy Pop - um ein gesundes und geordnetes Leben zu führen, wohl gemerkt. Die ersten Alben aus Bowies Berlin-Zeit („Low“, „Heroes“ und „Lodger“) werden als „Berliner Trilogie“ bekannt. In den 80er Jahren ist Bowie ein Megastar. Er arbeitet mit Queen, Mick Jagger und Tina Turner zusammen, beteiligt sich am Live-Aid Konzert und spielt Kino-Rollen. Ab den 1990er Jahren wird es ruhiger um David Bowie. Seine Alben werden seltener, aber experimenteller. Im Jahr 2003 beendet ein Herzinfarkt vorzeitig Bowies "Reality“-Welttournee. Seither, Stille. Bis zu jenem Morgen im Januar 2013.

Illustrationen: Teaserbild (cc)boyskeleton/flickr; Im Text: Album @amazon.com,  Thin White Duke (cc)gifake/flickr ; Videos: Where Are We Know? (cc)DavidBowieVEVO/YouTube, Space Oddity (cc)cutelisha/YouTube