Das zwiespältige Verhältnis Großbritanniens zu Europa

Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2005
Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2005

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Im Juli übernimmt Großbritannien mit der EU-Ratspräsidentschaft auch die Aufgabe, die Glaubwürdigkeit der EU wiederherzustellen. Es stellt sich die Frage, ob das Land jemals ein zentraler Bestandteil Europas sein wird.

Mit seinen vier Nationen und einer beträchtlichen Anzahl an Immigranten zeichnet sich das Vereinigte Königreich durch eine besondere Vielfalt aus. Doch trotz der Bruchlinien innerhalb der Bevölkerung und zwischen den Regionen lässt sich der schwer zu greifende Begriff des "Britischseins" an einer Reihe gemeinsamer Vorstellungen verständlich machen. Der Reichtum britischer Geschichte hat sich tief ins kollektive Bewusstsein der Bürger gegraben. Junge Briten wachsen mit dem Gedanken auf, ihr Land sei die erste Demokratie der Moderne gewesen, das erste industrialisierte Land, Herrscher über ein weitreichendes Imperium, Sieger in zwei Weltkriegen. Wenn auch unausgesprochen, schreibt der renommierte Journalist Will Hutton, so halten sie sich als Briten doch für etwas besonderes.

Inselmentalität

Auch die Geographie des Landes spielt eine wichtige Rolle in der Prägung der britischen Identität. Die Trennung vom europäischen Kontinent hat bei den Briten zur Entwicklung einer Art Inselmentalität geführt, die zum Gefühl der Besonderheit beiträgt. Auch die Tatsache, dass das Land in den zwei Weltkriegen von keiner ausländischen Macht besetzt wurde, stellt einen wichtigen Unterschied zu großen Teilen des Kontinents dar. Doch am wichtigsten ist womöglich, dass die meisten Briten einzig ihre eigene Muttersprache beherrschen, was ihr Verständnis für andere europäische Länder stark einschränkt. Angetrieben durch Jahrhunderte lange Konflikte mit dem europäischen Festland sowie durch jene Überlegenheitsgefühle zeichnete sich die britische Haltung Europa gegenüber meist durch Skepsis aus.

Als mittelgroßer Staat mit illustrer Geschichte versucht Großbritannien daher, sich mit seiner schwächer werdenden Rolle im 21. Jahrhundert abzufinden. Das Dilemma besteht darin, Großbritanniens ruhmreiche Vergangenheit in Einklang zu bringen mit der bescheidenen Realität, die seit 1945 an seinen Bürgern nagt. Das zwiespältige Verhältnis zu Europa verdeutlicht diese postimperiale Identitätskrise. Während sich das Land nicht vollständig der europäischen Idee verschrieben hat (und daher weder zur Eurozone noch zum Schengener Abkommen gehört), so will - oder kann - es ebenfalls nicht vollkommen außen vor stehen.

Tief verwurzelte Europaskepsis

Das Problem besteht darin, dass Bedenken hinsichtlich der EU-Mitgliedschaft des Landes zu jedem Zeitpunkt an beiden Enden des politischen Spektrums existiert haben. So stellt die EU für die Linke einen kapitalistischen Verein dar, während die Rechte sowohl einen Souveränitätsverlust als auch die französisch-deutsche Achse fürchtet. Eine berühmte Folge der politischen Satiresendung Yes, Minister aus dem Jahre 1980 beschreibt die Auflösung Europas als Ziel der britischen Außenpolitik der letzten 500 Jahre. Die Lektüre der weitestgehend europaskeptischen britischen Presse gestattet nach wie vor, dieser boshaften Beobachtung Glauben zu schenken. Tatsächlich spielt letztere eine äußerst zentrale Rolle in der Behandlung europäischer Themen sowie in der Entstehung des suspekten Eindrucks, den die Öffentlichkeit von der EU gewonnen hat.

Seit nunmehr einer Generation zeichnet sich die britische EU-Berichterstattung durch überwältigende Negativität und häufig vorkommenden Chauvinismus aus. Dies hat zur Folge, dass die Briten in Bezug auf die EU ständig falsch informiert sind, da der Großteil der Presse an den nationalistischen Instinkt des Landes appelliert und jegliche informative, rationale Diskussion ausschließt. Selbst wenn die Regierung Blair weitgehend pro-europäisch gestimmt ist, hat sie es vorgezogen, die Presse nicht mit der EU zu konfrontieren. Tatsächlich lag der Hauptgrund für die Entschluss Blairs für eine Volksabstimmung über die Verfassung darin, dass Europa ein schädliches Wahlkampfthema zu werden drohte. Darüber hinaus hat die Labour Partei zu kämpferischer Rhetorik gegriffen, wenn es um die Eingrenzung der Brüsseler Bürokratie und die "Verteidigung nationaler Interessen" ging - einzig um jenen europaskeptischen Aufruhr zu besänftigen, der als Begleiterscheinung jede große Europaentscheidung einläutet.

In der nahen Zukunft stehen der britischen Ratspräsidentschaft mit dem Kampf über den britischen Haushaltsrabatt und die zukünftige wirtschaftliche und soziale Ausrichtung der EU stürmische Zeiten bevor. Andererseits zeichnen sich die Briten im Vergleich zu vielen anderen EU-Bürgern durch große Zuversicht hinsichtlich der Zukunft der europäischen Beziehungen aus und gehen die Herausforderungen der Globalisierung in typisch pragmatischer Manier an. Darüber hinaus hat Großbritannien das Stigma des ewig 'Kränkelnden' abgelegt und zeigt sich heute als dynamische, multikulturelle Gesellschaft mit wachsender Wirtschaftskraft, niedriger Arbeitslosigkeit und verbesserten öffentlichen Leistungen. Nach der EU-Erweiterung, den Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden und angesichts der erwarteten Regierungswechsel in Frankreich und Deutschland steht uns ein neues Zeitalter europäischer Politik bevor. Womöglich könnte diese sich wandelnde politische Landschaft dazu beitragen, dass die Briten die EU früher akzeptieren, als viele das für möglich gehalten haben.