Das zweite Leben der Bewohner von Tschernobyl

Artikel veröffentlicht am 21. April 2006
Artikel veröffentlicht am 21. April 2006

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In 50km Entfernung vom ehemaligen Reaktor in Tschernobyl liegt Slavutych. In der Stadt haben die Menschen, die nach der Katastrophe von 1986 ihren Heimatort verlassen mussten, eine Zuflucht gefunden.

Auch 20 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl hat Ochsana Naumovitch nichts von dem vergessen, was an jenem Tag, dem 26. April 1986, geschah. Sie wohnt seit 10 Jahren in Pripiat, ein paar Kilometer vom Kraftwerk entfernt, als die Explosion der Reaktors Nr. 4 ihr Leben verändert: „Mein Mann, der im Kraftwerk gearbeitet hat, hatte sich an diesem Tag freigenommen, um die Küche zu reparieren,“ erinnert sich Ochsana. „Ich war in der Transistorfabrik. Wir haben von der Katastrophe erst erfahren, als man uns am 27. mitteilte, dass wir evakuiert werden sollten.“ Mit ihren 4 und 8 Jahre alten Kindern an der Hand steigt sie in den Bus und verlässt die Stadt für immer. Wie sie haben auch weitere 50 000 Menschen ihre Koffer packen müssen. Sie konnten niemals wieder nach Pripiat zurückkehren, in die Phantomstadt innerhalb der Sperrzone von Tschernobyl. „Ich bin am 26. April 2000 mit meiner Tochter nach Pripiat gefahren. Die ganze Stadt war geplündert worden, alles war zerstört, die Fensterscheiben eingeschlagen. Ochsana, die gekommen war, um ihrer Trauer Luft zu machen, weigert sich, noch einmal zurückzukehren. „Ich glaube, dass nichts diesen Schmerz jemals lindern wird.“

Pionierstadt

Slavutych wurde eigens für die vielen Heimatvertriebenen 50km östlich von Tschernobyl in einem Gebiet gebaut, das kaum von der „Wolke“ betroffen war. Im Oktober 1986 versuchte die UdSSR, das Ausmaß der Katastrophe und damit auch die Probleme im eigenen Staat zu vertuschen. Damals nahmen viele Anteil am Schicksal der Ukrainer, Handwerker und junge Leute kamen aus der ganzen UdSSR, um den Opfern ein neues Dach über dem Kopf zu geben.

Lidija Leonets ist eine jener Pioniere. Aus einem alten Metallschrank zieht sie ergriffen ein Album mit vergilbten Fotos, die die Geschichte der Stadt zeigen: „Acht Republiken kamen damals beim Aufbau zur Hilfe und man benannte unsere Viertel nach ihren Hauptstädten: Kiew, Tallin, Riga, Vilnius, Erewahn, Baku, Tiflis, Moskau. Auch die Architektur erinnert an sie.“ Am 23. März 1988 ziehen 500 Familien aus Pripiat neben den Handwerkern ein. „Für uns war dies die Stadt des 21. Jahrhunderts. In jedem Viertel ein Kindergarten, ein Schwimmbad und eine Turnhalle,“ erinnert sich Lidija.

Heute sind ein Viertel der 26 000 Einwohner der Stadt jünger als 16 Jahre. Die Stadt hat unter dem einschneidenden Wandel nach 1989 nicht gelitten: die sozialen Einrichtungen und die Stadt funktionierten gut. „Aufgrund der hohen Lebensqualität haben wir viele Unternehmen anziehen können. Für die Kinder ist es hier besser als überall sonst in der Ukraine. Alles ist in 10 Minuten erreichbar und der Wohnungsbau für die Beschäftigten unserer Unternehmen schreitet voran,“ betont Volodymyr Udovychenko, der Bürgermeister der Stadt.

GIs und Ärzte

Es ist die Ironie des Schicksals, dass das Unglück von Tschernobyl eine einmalige Gelegenheit eröffnet hat, die Risikominimierung bei Nuklearkatastrophen zu erforschen. Denn letzten Endes könnte jede Stadt einem Terrorangriff mit einer „schmutzigen“ Bombe zum Opfer fallen. In Pripiat trainieren daher Truppen, insbesondere amerikanische, und auch die Forschung kommt hier nicht zu kurz.

Nahe dem Platz in der Stadtmitte stehen die neuen Labors, die von der internationalen Gemeinschaft und der Ukraine finanziert werden, und um sie herum ein paar Tannen aus den Wäldern, die bis vor ein paar Jahren das ganze Gebiet bedeckten. Seit seiner Gründung ist das Tschernobyl-Zentrum für Nuklearsicherheit der Hauptmotor für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. „Wir haben unsere qualifiziertesten Arbeitskräfte im nuklearen Sektor eingesetzt, um andere Wirtschaftszweige zu schaffen,“ erklärt der Bürgermeister.

Obwohl die Arbeitslosigkeit in Slavutych gerade einmal 4,4 % beträgt, sehen sich die Pioniere von damals heute vor einer neuen Bedrohung: dem Niedergang des Kraftwerks. Seit seine Tätigkeit 2000 auf Druck aus Europa eingestellt wurde, sind nach wie vor viele Arbeiter mit seiner „Verhüllung“ beschäftigt. Der voraussichtlich ab 2006 beginnende Bau eines zweiten Sarkophags, der mit 710 Millionen Euro durch die BERD und die ukrainische Regierung finanziert wird, dürfte einige Arbeitsplätze schaffen. Aber Victor Tonkikh, ehemals Ingenieur in Tschernobyl und heute Chef eines Unternehmens für Reparaturen an Kernkraftwerken, weiß, dass das nicht ausreichen wird, um die Dynamik der Stadt wieder anzukurbeln. „Sobald der Bau des Sarkophags abgeschlossen ist, wird es in diesem Sektor keine Arbeit mehr geben. Im Werk arbeiten heute nur noch 3 800 von ehemals 12 500 Beschäftigten, ein Drittel aller Arbeitsplätze in Slavutych. Wir müssen unsere wirtschaftlichen Aktivitäten also weiter streuen, weil wir nur für die Auflösung des Kernkraftwerks finanzielle Hilfe erhalten.“

Ein heikles Thema

Lidija Leonets ist für die Sozialhilfe verantwortlich. Sie spricht vom Ende einer Epoche: „Seit das Werk geschlossen wurde, gibt es mehr und mehr Schwierigkeiten. Manche haben eine neue Beschäftigung gefunden, andere sind mit 45 Jahren in den Ruhestand gegangen. Sie erhalten eine monatliche Rente, genauso wie die ehemaligen Soldaten – aber wie soll man sie beschäftigen? Während sich ein paar von ihnen ihrem Hobby widmen, ertrinken andere ihren Frust im Alkohol.“

Im Büro nebenan versucht Ochsana Naumovitch, die im Rathaus angestellt ist, ihre Arbeit früh zu beenden. Ihr Mann, der früher einmal im Kernkraftwerk gearbeitet hat, wartet zu Hause auf sie. Ihre beiden Töchter sind weggezogen. Die eine studiert, die andere, eine professionelle Judo-Kämpferin, ist Anwältin in Kiew. „Die Ältere hat Probleme mit der Schilddrüse, aber wir versuchen, optimistisch zu sein,“ vertraut uns Ochsana ein wenig verschämt an.

Wie jedes Jahr wird am 26. April eine Delegation aus Slavutych nach Moskau fahren, um zum Grab der Feuerwehrmänner aus Pripiat zu gehen, deren Opfer es damals ermöglichte, den ersten Sarkophag zum Schutz der Gegend zu bauen. Auch die Naumovitchs gedenken an diesem Tag der 30 Opfer aus Pripiat, deren Gesichter für die Ewigkeit in den Granit der Gedenkstätte graviert sind. Hinter der Gedenkstätte erheben sich zwei große Sockelstatuen. Auf der einen stehen Männer mit Strahlenschutzkleidung, die die Hände zum Zeichen erheben, sich nicht zu nähern. Auf der anderen ein Elektriker mit einem Stromkabel in der Hand. Treu dem Mythos des kommunistischen Aufbaus folgend liest man die Worte „Bauen wir eine neue Welt auf der Asche der Vergangenheit!“. In Slavutych aber glimmt diese Asche auch 20 Jahre später noch.