'Das Wunder von St. Anna' im Kino: Spike Lee krempelt die italienische Erinnerung um

Artikel veröffentlicht am 21. November 2008
Artikel veröffentlicht am 21. November 2008
Das letzte Werk des amerikanischen Filmemachers Spike Lee sorgt für angeregte Debatten. Wollte Lee eigentlich auf die Tatsache hinweisen, dass die amerikanischen Truppen, die 1944 in Italien landeten hauptsächlich buffalo soldiers, Soldaten schwarzer Hautfarbe waren, entfacht sich die Debatte inzwischen vor allem an seiner Darstellung des italienischen Widerstandes.

Santa Anna di Stazzema, 14. August 1944. In dem kleinen toskanischen Dorf massakrieren deutsche Soldaten 457-560 Zivilisten. Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später urteilt das Militärtribunal der Spezia, dass die Truppen der Nazis „ohne Notwendigkeit oder erkennbares Motiv“ gehandelt hätten. Ihr Ziel sei „eine großangelegte, geplante Säuberungsaktion gegen Widerstandskämpfer aus der Zivilbevölkerung“ gewesen.

Das Wunder von St. Anna von Spike Lee greift eine andere Version der Ereignisse auf, so wie sie James McBride in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat: Das Massaker sei auf den Verrat eines Widerstandskämpfers befohlen worden. Seit Erscheinen des Films ist die geschichtliche Debatte um die Ereignisse in Santa Anna di Stazzema voll entbrannt. Eine derartige Diskussion ist in Europa kein Einzelfall. In Frankreich erzielte Rachid Bouchareb 2006 mit seinem Film Indigènes ähnliche Aufmerksamkeit.

Worum dreht sich der Streit?

Durch die Darstellung des Massakers von Santa Anna di Stazzema ist Lees Hauptanliegen, die Unterstreichung der Bedeutung afroamerikanischer Soldaten bei der Bekämpfung der deutschen Invasoren weitestgehend in den Hintergrund gerückt. Angesichts der unklaren historischen Umstände des italienischen Widerstandes, gerät Lee nun vor allem von Seiten der Veteranenverbände, allen voran der Vereinigung der Widerstandskämpfer Italiens (ANPI) unter Beschuss. Ihre Mitglieder äußerten bereits während der Produktion und kurz nach Erscheinen des Films scharfe Kritik.

Während McBride in einer Pressekonferenz zur Vermarktung des Filmes versöhnliche Töne anschlägt, gibt sich Lee weniger diplomatisch „Ich glaube nicht, dass ich mich bei irgendwem entschuldigen muss. Denn diese Debatte zeigt, dass es noch viele offene Fragen im Zusammenhang mit diesem Ereignis gibt, das offensichtlich ein Kapitel italienischer Geschichte ist, das noch nicht geschlossen wurde. Und seien wir ehrlich. Heute sind alle auf der Seite der Widerstandskämpfer. Aber damals sah die Lage ganz anders aus, in Italien wie in Frankreich. Wenn sie mit ihren Aktionen fertig waren, zogen sie sich in die Berge zurück und überließen die Zivilisten den Vergeltungsmaßnahmen.“

Bouchareb war mit seinem politischen Anliegen in Frankreich erfolgreicher. In Folge der Debatte um seinen Streifen Indigènes, der die Rolle der französischen Kolonialarmee bei der Befreiung Frankreichs hervorhebt, wurden die Veteranenrenten der Soldaten aus den ehemaligen Kolonien erhöht.

Treffen mit dem Drehbuchautor des Filmes, Francesco Bruni.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Spike Lee gekommen?

Der Produzent, Roberto Cicutto, fragte mich, ob ich die Dialoge übersetzen könne, die McBride ja in Englisch geschrieben hatte. Als ich das Drehbuch las, fielen mir einige Mängel auf. Das habe ich dann Cicutto gesagt, und der sagte es Lee. Danach wollte Lee mich treffen.

Was für Mängel haben Sie denn entdeckt?

Hauptsächlich ging es um Unwissen über italienische Sitten, ein etwas folkloristisches Italienbild der Zeit. Das erklärt übrigens die Komplikationen, die bei der Adaption aufgetreten sind.

Spielen Sie hier auf den geschichtlichen Fehler des Widerstandskämpfers und seines angeblichen Verrats an?

Das ist kein Fehler, sondern eine Zuspitzung, die im literarischen Genre üblich und auch in jedem anderen Zusammenhang verzeihlich ist. Aber sie ruft eben Erinnerungen hervor, die bei uns noch sehr lebendig sind. Wir leben in einem Land, in dem der Präsident des Staatsrates Schwierigkeiten hat, eine klar antifaschistische Position zu beziehen, während der Verteidigungsminister anmahnt, dass wir den Opfern von Salo genauso gedenken müssen wie den Widerstandskämpfern. Ich denke das Problem ist eher das der Italiener, als das von Mc Bride und Lee, die vielleicht etwas unvorsichtig waren.

Haben Sie es also bemerkt?

Ja, ich habe aber nicht direkt mit Lee, sondern mit Cicutto gesprochen. Wenn man den Film sieht, wird einem klar, dass das Massaker von Santa Anna di Stazzema eine untergeordnete Rolle spielt. Es wäre wohl einfacher gewesen, dem Dorf einen Fantasienamen zu geben und die historische Realität zu umschiffen. Die beiden wollten aber wohl die Romanerzählung intakt halten: McBride ist in den USA ein Erfolgsautor.

Wie hat sich McBride sein Geschichtswissen zum Vorfall angeeignet?

Er hat Freunde, die in Ligurien und der Toskana leben, die ihm die Geschichte erzählt haben. Und er hatte einen engen Freund, der Teil der buffalo soldiers war, die in Italien stationiert wurden. Er hat die Ereignisse recht unbedacht verknüpft. Die Geschichte schwarzer US-Soldaten in Italien und die Geschichte Santa Anna di Stazzemas, weil sie ihn stark berührte. Er hat eben nicht genau aufgepasst, wie brisant das Thema ist.

Letztendlich geht es im Film ja um die buffalo soldiers.

Das ist das eigentliche Herzstück des Filmes, darum ging es Spike Lee: ein unbekanntes Kapitel afroamerikanischer Geschichte zu beleuchten. Diese betrogenen Männer, die wie das Letzte behandelt wurden und denen man ein besseres Leben versprochen hatte.

Was ist Ihre Sicht auf Lees kritische Darstellung der Widerstandskämpfer?

Er kritisiert den Widerstand in keiner Weise. In Wirklichkeit ist die Darstellung des Widerstandes positiv und an der Grenze der Idealisierung. Ein Kämpfer hat einen persönlichen Konflikt und entschließt sich zum Verrat. Ich möchte, als Erzähler, in einem Land sein, in dem die Widerstandsfrage im kollektiven Gedächtnis so positiv behaftet ist, dass Kritik möglich ist. Leider bietet das gleichzeitig denen eine Angriffsfläche, die im Film etwas Schlechtes sehen wollen. Die Amerikaner haben so viele Filme über den Vietnamkrieg, ein heldenhaftes und schmerzhaftes Kapitel ihrer Geschichte, dass es auch Militärs geben musste, die sich daneben benehmen. Wir können das kaum machen, aus Angst vor der Kritik, wir wollten sie als Banditen darstellen. Für denjenigen, der die Filme schreibt, ist das schlecht: Es bleiben nur noch flache Charaktere.

Kinostart in Deutschland: voraussichtlich Ende 2008