Das weiße Lächeln der Ukraine

Artikel veröffentlicht am 29. April 2005
Artikel veröffentlicht am 29. April 2005

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Schwarzarbeit in der Europäischen Union ist für viele Ukrainer der einzige Ausweg aus der Misere. Putzen in Italien oder Zigarettenschmuggel nach Polen kann bescheidenen Wohlstand bescheren. Doch die Wirtschaftsmigration zerreißt die Familien.

Lubas herzliches Lachen erfüllt die Marschroutka (Sammeltaxi), die sich über die unebene, ukrainische Asphaltpiste kurz hinter dem Grenzübergang Przemysl im Südosten Polens quält. Mit dem Kopf nickt sie in Richtung Beifahrersitz, auf dem ihre Tochter Maria traurig aus dem Fenster starrt. „Sie hat sich während des Arbeitsaufenthaltes in Polen verliebt. Das ist ihre Art der Ost-West Annäherung!“ Ihre Töchter sollen es Zukunft besser haben als sie, wünscht sich die Mutter. „Bei uns findet man nur schlecht bezahlte Jobs. Deshalb sollen sie sich schon jetzt an die Arbeit im Ausland gewöhnen.“

In Vykoty, einem kleinen Dorf in der Westukraine, haben die Menschen gemischte Erfahrungen mit der Arbeit im Ausland gemacht. Die Männer arbeiten meist auf dem Bau in Tschechien oder Portugal, während die Frauen für Pflege- oder Haushaltsarbeiten nach Italien gehen. Auch wenn der Lohn mit bis zu sechs Euro weit unter den dort üblichen Stundensätzen liegt, können sie ihre Familien in der Heimat davon ernähren. Die Früchte ihrer Arbeit sind auch an den neuen Häusern zu erkennen, die in ganz Vykoty wie Pilze aus dem Boden schießen.

Häulse bauen auf ukrainisch

„Drei Jahre haben wir an unserem Haus gebaut und etappenweise 20.000 Dollar hineingesteckt.“ Nadja, 44 Jahre alt, sitzt in ihrer Küche, deren Möbel mit Marmorfurnieren überklebt sind und dadurch eine seltsame Kühle ausstrahlen. Sogar ein Bidet hat sie sich in das Badezimmer einbauen lassen. „Manchen Freunden muss ich erstmal erklären, was das ist und wie man es benutzt“, lacht sie verschmitzt und stolz zugleich. Der Weg zum eigenen Haus war für Nadja und ihren Mann Wlodymir nicht einfach. Anfang der neunziger Jahre, mit der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine von Russland, verloren sie ihre gesamten Ersparnisse durch eine Bankkrise. „Seitdem traue ich keiner Bank mehr und behalte das Geld lieber bei mir“, flüstert sie und in ihren Augen ist der Schock von damals noch erkennbar. Als die wirtschaftliche Situation immer schlechter wurde, fuhr sie 1996 das erste Mal nach Polen. Dort fand sie zunächst Arbeit bei der Kirschernte, anschließend auf dem Bau und letztendlich in einer Wannenfabrik. Als die Fabrik schließen musste, begann sie mit dem Alkohol- und Zigarettenhandel. Dabei ist sie geblieben und verdient seit sechs Jahren an jeder verkauften Stange drei Dollar und an jeder Flasche Wodka einen Dollar. „Die Hauptsache ist, dass ich jedes Wochenende nach Hause kann und meine Kinder und Enkel sehe“, sagt Nadja. „In Italien könnte ich nie arbeiten. Es sind schon viele Familien nur daran zerbrochen, dass einer weit weg gegangen ist.“

Einsamkeit und Wodka

Die Ehe von Vitali hält noch. Zumindest auf dem Papier. Er sitzt in seinem Wohnzimmer vor einem Glas Wodka und die zugezogenen Vorhänge erhellen den kleinen Raum nur spärlich. In sein Gesicht sind tiefe Furchen eingegraben. Die blauen, schon etwas glasigen Augen sind von einer tiefen Melancholie erfüllt. „Ich bin 50 Jahre alt, so was kann doch keiner da drüben brauchen.“ Er zeigt auf seine dünnen Arme und man spürt, dass er sich auch in Vykoty nicht besonders nützlich fühlt. „Meine Frau ist seit fünf Jahren in Italien, seitdem bin ich die meiste Zeit allein.“ Dass die beiden noch verheiratet sind, ist ungewöhnlich. Viele Frauen treffen im Ausland Männer, die ihnen den Einstieg in eine neue Welt ermöglichen. Der nächste Schritt ist dann oft die Scheidung.

Halina hat ihren neuen Mann in Italien kennen gelernt. „Ich habe Roman schon nach fünf Tagen getroffen.“ Sie putzt ihrer einjährigen Tochter die Nase. „Vor zwei Jahren haben wir geheiratet – orthodox, denn er ist Ukrainer.“ Nach der Heirat hat er ihr erzählt, dass sie Glück hatte, erst so kurz in Italien gewesen zu sein. Die ukrainischen Frauen sind dort unter den Männern schnell als Huren verschrien. „Ich habe mir inzwischen auch die Haare schwarz gefärbt. Die Italiener sind verrückt nach uns blonden Mädchen.“

Tränen für die Mütter

Die Kinder tragen am schwersten an der Zerrissenheit der Familien. „Ich kenne Kinder, die wachsen bei ihren Großeltern auf, da beide Eltern im Ausland arbeiten.“ Die Bibliothekarin der kleinen Grundschule in Vykoty kennt den Kummer der allein gelassenen Kinder. „Als ein Gedicht über die Liebe zur Mutter im Unterricht gelesen wurde haben alle Kinder plötzlich angefangen zu weinen.“ Auch der Schuldirektor weiß um die Probleme und bemüht sich redlich: „Wir versuchen, durch Angebote wie Nachhilfe oder Kunstunterricht außerhalb der Schulzeiten die Probleme in den Familien etwas abzumildern“. Er könne die Eltern aber auch verstehen, die in diesen Zeiten ihr Glück im Ausland versuchen. „Noch vor ein paar Jahren musste ich meine Lehrer mit Wodka bezahlen, da ich kein Geld von der Stadt bekam. Jetzt bekommen sie wenigstens 20 Dollar Monatsgehalt ausbezahlt.“

An der Arbeitsmigration wird sich so schnell nichts ändern. Allerdings ist in letzter Zeit ein neuer Trend aus Westen herübergekommen. Nachdem sie ihre Häuser gebaut haben, lassen sich Frauen und Männer seit kurzem ihre Goldzähne durch Porzellanbrücken ersetzten. Sie wollen sich im Ausland nicht so offensichtlich von den Einheimischen unterscheiden. Und so kann man in Zukunft schon von weitem am weißen Lächeln erkennen, wer im Ausland arbeitet.