Das Volk der Euro-Migranten

Artikel veröffentlicht am 26. August 2005
Artikel veröffentlicht am 26. August 2005

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Die Europäer werden immer beweglicher. Der Philosoph und Soziologe Bernard Girard erklärt warum, und einige Euro-Migranten geben Tipps für das Leben im Ausland.

Nach den im Januar 2003 vom Umfrageinstitut „Eurostat“ veröffentlichten Zahlen (pdf) sind 5,7% der 455 Millionen Europäer von Migrationsbewegungen betroffen. 21 Millionen Menschen leben in einem anderen als ihrem Ursprungsland, wovon sieben Millionen aus der Europäischen Gemeinschaft kommen. Was treibt nun einen Italiener dazu, sein Heimatland zu verlassen, um sein Glück in England zu suchen? Der Erfolg akademischer Austauschprogramme wie Erasmus (mehr als eine Million Studierende haben seit 1987 teilgenommen), die gestiegene berufliche Mobilität, der Fall der Grenzen im Raum des Schengener Abkommens, die Förderung des Fremdsprachenerwerbs oder die zarten Bande zwischen immer mehr Europäern sind einige Ursachen für diese noch nicht da gewesene Situation. Ohne „die Minderheit zu vergessen, die in der Hauptsache aus steuerlichen Gründen auswandert, in erster Linie Freiberufler“, bemerkt Bernard Girard, Philosoph, Soziologe und Spezialist für Migrationsfragen. Deren liebste Zufluchtsorte sind Brüssel und Luxemburg.

Die Komplexität und die Veränderungen in den Wanderungsbewegungen erschweren zunehmend ihre statistische Erfassung. Nach Bernard Girard „vernachlässigen die statistischen Untersuchungen die wahren Entwicklungstendenzen der letzten Jahre“, weil es ihnen an genügendem Abstand zu den neuen Bevölkerungsströmen fehlt. Abseits der Zahlen und Grafiken entsteht langsam aber sicher im Europa der 25 ein Völkchen – die Euro-Migranten. Freigeister, die in Deutschland studieren, in Budapest arbeiten und in der Toskana heiraten. Mit ausgeprägter Neugierde durchstreifen sie den Kontinent, und verlieren doch nicht ihre europäische Identität, obschon ihr Leben manchmal einem endlosen Überspringen der Grenzen ähnelt.

Vor 25 Jahren noch ein Randphänomen

Dieses neue innereuropäische Nomadentum kann drei verschiedene Formen annehmen, so Bernard Girard: „ Wir sehen, wie zum Beispiel in London kleine europäische Arbeitsmärkte entstehen. Die britische Hauptstadt entwickelt sich zu einem europäischen Finanzzentrum, das aus zahlreichen europäischen Ländern hoch qualifizierte Einwanderer anzieht, die eine lange und oft hervorragende akademische Ausbildung hinter sich haben.“ Ein Weltbürgertum, das man ebenfalls in Brüssel und in Luxemburg beobachten kann.

Der Soziologe weist anschließend hin auf die „Wanderungsbewegungen von Saisonarbeitskräften im Bausektor oder in der Landwirtschaft. Die polnischen, ungarischen oder rumänischen Arbeiter nehmen in diesen Branchen stark zu.“ Bereiche, die bis in die 80er Jahre den Portugiesen und Spaniern vorbehalten waren, deren Länder heute dank ihrer starken wirtschaftlichen Entwicklung Einwanderungsländer geworden sind.

„Schließlich zeichnet sich eine dritte Tendenz ab, die die Generation der Ruheständler oder Wohlhabenden betrifft. Sie kaufen sich ein Haus und lassen sich für einige Monate des Jahres in einem anderen Land nieder.“ Ein Blick auf den Immobilienmarkt in bestimmten Regionen Frankreichs, Italiens oder Spaniens genügt, um einen Eindruck der wachsenden Zahl ausländischer Käufer zu bekommen. Nach einer Untersuchung für die Maklervereinigung „Immostreet“ haben 2002 die Immobilienkäufe in Frankreich durch Ausländer um 3% zugenommen. Die Engländer führen die Liste bei weitem an: sie machen 40% der ausländischen Käufer aus und besitzen 3% des französischen Hinterlandes. Auch fast eine Million Deutsche besitzen eine Immobilie in einem anderen Land der Europäischen Union.

Diese dreifache Massenauswanderung muss trotzdem relativiert werden, denn „der Wegfall der Grenzen in Europa erlaubt es den Menschen, für ihren Umzug weitere Ziele ins Auge zufassen, als sie es vorher im nationalen Rahmen getan hätten. Diese Tendenz ist nichts spezifisch europäisches, da sie insbesondere in den Vereinigten Staaten schon festgestellt werden konnte.“ Die bevorzugten Länder seien in Zukunft jene „die sprachliche Einfachheit und Offenheit gegenüber den Ausländern“ vereinen. Demnach dürften wohl England und Irland, die heute schon sehr gefragt sind, das neue Paradies dieser Wandervögel werden.

Gute Vorsätze auf dem Weg ins Ausland

Man achte jedoch darauf, die Koffer aus guten Gründen zu packen, denn weggehen bedeutet auch ein bisschen zu sterben. Umso weniger sollte man sich die Flügel schon beim Aufbruch zu verbrennen.

Angel, ein Spanier, der von Den Haag über Cardiff nach Washington zog, rät dazu, „sich seiner Sache 100-prozentig sicher zu sein.“ Weder Flucht nach vorn, noch Flucht vor der Realität. Die Probleme sind überall die gleichen, auch unter der Sonne der Costa Blanca. Die 24-jährige Judit, eine ungarische Studentin, rät „das Land, seine Kultur, seine Landesküche, seine Gebräuche lange vor der Abreise zu studieren, um Enttäuschungen oder Missverständnisse zu vermeiden.“ Die Klassiker zu lesen, typische Filme zu schauen oder schon zu Hause mit Ausländern des Wunschlandes in Kontakt zu kommen, das erlaubt es dem Ausreisewilligen einen Vorgeschmack von den örtlichen Gebräuchen und Gewohnheiten des Landes zu bekommen. Die zweite Schwierigkeit ist die Sprache, sagt Marta, die in Paris lebte. Zwar kommt man mit Englisch auf der ganzen Welt weiter, aber es ist besser einige grundlegende Redewendungen zu kennen, um nicht mit Touristen gleichgesetzt und so behandelt zu werden. In diesem Sinne warnt Angel davor „ an seinesgleichen kleben zu bleiben, die es einem anfänglich zwar leichter machen, aber bald zu einem Hindernis auf dem Weg zur Integration werden können.“ Schließlich entsteht so der traurige Mikrokosmos der Auswanderer. Für Joscha, eine französische Juristin, die einige Monate zwischen England und Deutschland gependelt ist, sind „Geduld – bei der kafkaesken Verwaltung in Frankreich oder beim ‚queuing’ in Großbritannien – ein Lächeln und Selbstvertrauen“ die Garanten für eine gelungene Auswanderung. Und vor allem, wie Marta bemerkt: „Nehmen Sie die kleinen Anpassungsschwierigkeiten als ein Vorspiel für das schönste Abenteuer Ihres Lebens.“ So sei es.