Das ukrainische Venedig: Zeitreise in den entlegensten Winkel Europas

Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Oktober 2011
Die britische Webseite Nerdy Day Trips hat uns inspiriert: cafebabel.com bedeutet nicht nur Metropole und Großstadtleben. Babelianer reisen auch in die entlegensten Winkel Europas. Diesmal trifft eine deutsche Babelianerin in dem verschlafenen Fischerdorf Vylkovo in der Ukraine Pelikane, Schildkröten und altgläubige Lipowaner.

Bevor die Donau nach ihrer 2480 Kilometer langen Reise quer durch Europa ins Schwarze Meer mündet, bildet sie ein Delta- das zweitgrößte Feuchtgebiet des Kontinents. 1991 zum Biosphärenreservat erklärt, ist es von rumänischer Seite aus beliebtes Touristenziel. Ein kleiner, weniger erschlossener Teil befindet sich auf ukrainischem Staatsgebiet.

Das Städtchen Vylkovo liegt als letzte Siedlung vor der Donaumündung inmitten eines Labyrinths aus Kanälen, die ihm seinen absurden Beinamen eingebracht haben müssen. Außer mir sind nur drei russische Ornithologen an Bord eines der kleinen Boote, mit denen Einwohner Besucher durch das malerische Delta schippern. Am Ufer ziehen mit Schnitzereien verzierte Holzhäuser vorbei, wackelige Planken überbrücken die im Sommer zu schlammigen Gräben geschrumpften Kanäle. An Stegen von denen aus alte Frauen Äpfel, selbstgemachten Wein und frischen Fisch verkaufen, sind hölzerne Boote befestigt.

“In Vylkovo gibt es 3000 Kähne und nur 600 Autos”, erklärt der Bootsführer. “Die meisten Dorfbewohner leben traditionell vom Fischfang”. Er sei ein Nachkomme jener Volksgruppe, die im 17. Jahrhundert auf der Flucht vor religiösen Repressionen in Russland, dieses entlegene Gebiet besiedelten, erzählt er. Bis heute sprechen die Lipowaner einen altrussischen Dialekt und praktizieren religiöse Riten, die aus Zeiten vor der zaristischen Kirchenreform stammen.

Als die sogenannten Altgläubigen besuchen sie nicht den orthodoxen Gottesdienst, sondern haben ihre eigene Kirche. In der Isolation des Deltas wurden Sitten und Gebräuche bewahrt, die in zugänglicheren Gegenden längst ausgestorben sind. Auch die von Dünen, Pappelwäldern und Schilfwiesen geprägte Landschaft wirkt nahezu unberührt. Mit Fernrohren halten die Ornithologen nach seltenen Wasservögeln wie Krauskopfpelikanen, Silberreihern, Goldadlern und Kolkraben Ausschau, die, wie sie sagen, in Europa heute nur noch schwer zu finden seien. Wilde Pferde und sogar Maurische Landschildkröten bekommt man mit etwas Glück zu Gesicht.

In den Lagunen, Seen und Kanälen leben über 100 verschiedene Fischarten, darunter sind Störe, Wildkarpfen und Karauschen die häufigsten. Seitdem sie unter Naturschutz gestellt wurden, erholen sich die Gewässer langsam von der Überfischung durch sowjetische Fischfarmen. Trotzdem hat sich die Artenvielfalt in den letzten Jahren durch Kanalbegradigungen und -ausbauten für den Schiffsverkehr verringert.

Inmitten einzigartiger Natur ist Vylkovo ein Ort postsowjetischer Armut und Weltabgewandtheit: Auf der Hauptstraße, dem Leninboulevard, suchen in der Mittagshitze Straßenhunde Schatten hinter dem Lenindenkmal. Viele der kleinen Geschäfte sind geschlossen. Mit seinem italienischen Vorbild hat das verschlafene Fischerdorf Vylkovo nur wenig gemein. Nur vor einer Kneipe, die tatsächlich den Namen “Venezia” trägt, sitzen ein paar Männer, trinken Bier und essen anstelle von Chips getrocknete Fische. Ich bestelle Kaffee und bekomme ungefragt einen Schnaps dazu.

Der uralte Bus, der mich zurück nach Odessa bringt, kommt die schlaglochübersähte Landstraße entlang. Worte wie Europa und Zivilisation wirken von hier, diesem entrückten Winkel aus betrachtet so abstrakt, dass man meinen könnte, auf der viereinhalbstündigen Fahrt nicht nur 200 Kilometer, sondern mehrere Jahrzehnte zu überwinden.

Alle Fotos ©Johanna Meyer-Gohde