Das Theater der Unterdrückten ist keine Therapie

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2009
Auf der ganzen Welt existieren Theatergruppen, die die Methoden des Theaters der Unterdrückten nutzen, um gewöhnlichen Menschen das uralte Recht auf kreativen Ausdruck durch Schauspiel zu gewähren. Das Theater der Unterdrückten beschäftigt sich u.a.
mit der Vermittlung in Konflikten und der Fokussierung des öffentlichen Bewusstseins auf die Gewalt und Ungerechtigkeit, die tagtäglich in italienischen Fabriken oder Pariser Vorstädten vorkommt.

Ein Interview mit Rui Frati, dem Direktor des Théâtre de l‘Opprimé (auf Deutsch „Theater der Unterdrückten“; A.d.R.) in Paris, zwei Monate nach dem Tod seines Gründers Augusto Boal.

„Das Theater wurde als Instrument der Sozialkritik geboren, das das Kräftespiel der Mächte entlarvt, auch wenn keine Art des Theaters je eine wahre Revolution auslösen wird.“ Dies sind die Worte Rui Fratis, eines brasilianischen Dramatikers mit italienischen Wurzeln, der die Aufstände und Unterdrückung der 1960er Jahre erlebt hat und seit 1998 das Pariser Théâtre de l’Opprimé leitet. Dieses Theater ist eines der beiden historischen Zentren der Bewegung. Das zweite befindet sich in Rio de Janeiro. Ich treffe Rui im 12. Arrondissement von Paris in einem ehemaligen Möbellager, das er zum Theater umgestaltet hat.

Wie wurde das Theater der Unterdrückten geboren?

(Jonathan McIntosh)Das TDO wurde von Augusto Boal geschaffen, nachdem er Brasilien, wo er das Theater Arena leitete, verlassen hatte. Auslöser war der Staatsstreich von 1964. In den folgenden Jahren reiste er durch Lateinamerika und entdeckte, dass er nun, da er weder über ein Theater noch Schauspieler verfügte, die Zuschauer direkt ansprechen musste. Viele von ihnen waren Ureinwohner, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und ausgebeutet wurden. Deshalb schuf er das Forumtheater, um die Zuschauer zum aktiven Mitgestalten der Vorstellungen zu bewegen. Auf diese Weise wollte er eine Konfliktsituation schaffen und das Publikum, das einen gewissen Bezug zum Thema hat, auffordern einzugreifen und den Lauf der Geschehnisse zu beeinflussen. Die Zuschauer schlüpfen dadurch in die Rolle der Schauspieler. Boal war überzeugt, dass der „Zuschauer-Schauspieler“ die Art seiner Unterdrückung begreifen würde, wenn er einmal die Reaktionen der anderen Schauspieler auf seine Änderungsversuche gesehen habe. Mehr noch, durch die Übernahme einer Handlung, die keiner bestimmten Figur zugeordnet ist, übt der Zuschauer, auch im wahren Leben aktiv zu handeln und seine Situation durch Revolutionen zu verändern.

Wie wurde das Theater der Unterdrückten an Europa angepasst?

In Europa herrscht eine andere Art der Unterdrückung.

Das TDO erreichte Europa mit brasilianischen Flüchtlingen. Ich selbst traf Boal 1976 an der Universität von Lissabon. Es gab bereits einige Parallelen zwischen unseren Familien, so waren wir zum Beispiel beide Söhne militanter brasilianischer Linker. Wir arbeiteten eine Weile zusammen und setzten uns insbesondere mit Paulo Freires Philosophie über die Notwendigkeit einer Bildung, die die Unterdrückten emanzipiert, auseinander. Aber in Europa herrscht eine andere Art der Unterdrückung. Hier werden Menschenrechte nicht systematisch verletzt und es gibt keine Soldaten, die dich zum Stillhalten zwingen. Deswegen gründete Boal 1979 das Théâtre de l’Opprimé in Paris und begann mit der Entwicklung introspektiver, therapeutischer Techniken, die zur Geburt eines Theaters führten, das den Menschen zu helfen versuchte, die mit großen Ängsten zu tun hatten. An diesem Punkt begann unsere Arbeit auseinander zu brechen. Theater ist keine Therapie und sollte nicht als solche verwendet werden. Wie auch immer: Viele Gruppen, die sich weltweit getreu der Prinzipien des TDO gründeten, übernahmen diese Aspekte. Heute gibt es Gruppen in Taiwan, Südkorea und Indien, um nur einige zu nennen. Sie beziehen immer Lehrer- oder Mentor-Figuren und therapeutische Elemente mit ein und konzentrieren sich weniger auf das Schauspielen. Meiner Meinung nach ist das Ergebnis aber zu „realistisch“ und nicht hinreichend künstlerisch.

Welche Methoden wendet ihr Theater heutzutage an?

Wir wollen mehr als nur Zuschauer anziehen. Das TDO in Paris bietet Kurse und Workshops für Schüler und andere Gruppen an. Wie schon gesagt, decken wir die Gewalt auf, die einige Menschen in ihrem täglichen Leben ertragen müssen. Aber wir vermeiden es, die Arbeit von Psychologen an uns zu reißen oder Babysitter für Jugendliche aus den gefährlicheren Vororten zu spielen. Diese Leute sind nicht einfach zu motivieren, sich selbst auszudrücken. Aber unsere Methoden funktionieren trotzdem. Oft geraten wir in einen Konflikt beim ersten Aufeinandertreffen mit Schulkindern. Sie haben nicht um diese Theater-Workshops gebeten. Also schlagen wir ihnen vor, eine Capoeira zu kreieren (eine ausdrucksstarke brasilianische Form des Tanzes, normalerweise mit Konflikt assoziiert; A.d.R.). Diese Herangehensweise funktioniert normalerweise. Capoeira baut eine Brücke zwischen uns und ihnen. Am Ende schaffen wir zusammen Theaterstücke. Durch diese Techniken bringt die Gruppe ihre eigene Geschichte auf die Bühne. Normalerweise entsteht daraus ein theatralisches Szenario in Form eines Forums. Mit anderen Worten: Die Zuschauer können das Ergebnis des Szenarios direkt beeinflussen.

Was meinen sie mit der Aussage: “Versuche auf der Bühne das, was im wahren Leben zu schwer ist?“

Das bedeutet, dass das Theater ein idealer Experimentierraum ist. Hier sind wir geschützt durch die Tatsache, dass der Schauspieler ein „Monster” nur spielt, um die Gewalt aufzudecken, unter der ein anderer Schauspieler leidet. So kann dieser die Schwierigkeiten seiner Situation dem anderen darlegen. Wir zwingen die Menschen, den Konflikt zwischen den Figuren zu erkennen, so dass der Zuschauer den Drang verspürt, auf die Bühne zu kommen und seine eigene Rolle in der Handlung zu übernehmen, ohne seine Kreativität einzuschränken. Das ist das Grundprinzip des Forumtheaters, das Boal erfand.

Ein ausgezeichnetes Beispiel für ein funktionierendes Forum ist der Fall der mailändischen Metallarbeiter, die sich mit ihrer Gewerkschaft (der Confederazione Italiana del Lavoro, auf Deutsch Italienische Arbeitervereinigung; A.d.R) zum Thema Blasenkrebs auseinandersetzten, der durch ihre Arbeit ausgelöst wurde. Die Arbeiter schufen für sich komplexe Figuren, recherchierten im Internet, so dass sie die Rolle der Ärzte richtig spielen und fundiert über Sicherheitsrisiken etc. diskutieren konnten. Das Ergebnis war eine außerordentlich intensive Arbeit, die interessante Lösungsansätze hervorbrachte. Diese Vorgehensweise steht im Kontrast zu der Einstellung, die Dinge lieber dem Schicksal zu überlassen, was heute leider in vielen Situationen der Fall ist.