Das Tattoo in Neapel ist heilig

Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Januar 2014

Von Lon­don nach Nea­pel, von Ma­drid nach Ber­lin: Tä­to­wie­run­gen sind die neue Aus­drucks­form jun­ger Eu­ro­pä­er. We­ni­ge je­doch ken­nen die Ge­schich­te jener Sym­bo­le, die sie sich auf den Kör­per zeich­nen las­sen. Auf den Stra­ßen Nea­pels mach­te sich Cafébabel auf die Suche nach den ver­lo­re­nen Be­deu­tun­gen.

Einmal war das Tattoo Ausdruck transgressiver Randgruppen, heute ist es ein Massenphänomen. Die traditionsbewussten Tättowierer ärgert das, denn die Symbolik verliert an Bedeutung. Die Ent­wick­lung des Ge­schäf­tes mit der Tä­to­wie­rung wurde in einer 2010 in Groß­bri­tan­ni­en durch­ge­führ­ten Stu­die be­leuch­tet. Der pro­zen­tu­ell größ­te An­stieg tä­to­wier­ter Per­so­nen lässt sich dem­nach mit Ab­stand in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren fest­stel­len. Circa ein Fünf­tel der Eng­län­der hat eine Tätowierung, wobei sich 29% der Al­ters­grup­pe 16 bis 44 Jahren zuordnen lässt. Damit ein­her­ge­hend lässt sich ein be­acht­li­cher Zu­wachs von Stu­di­os fest­stel­len: Waren es 1990 ge­ra­de mal 300, sind es heute mehr als 1500

DER GE­HEI­ME CODE

Und doch, in Nea­pel, am an­de­ren Ende des Kon­ti­nents, hängen Tätowierungen noch Geschichten an, die auf ihre ursprüngliche Bedeutung verweisen. Es sind Ge­schich­ten einer längst ver­gan­ge­nen Zeit. Einer Zeit, die nach in der Sonne trock­nen­den Fi­scher­net­zen und nach bren­nen­dem Weih­rauch duf­te­te. Damals als de­ko­rierte Ta­schen­uh­ren getragen wurden und Ra­sier­mes­ser noch öfter im Einsatz waren. Tä­to­wie­rungen waren sei­ner­zeit ein ge­hei­mer Code: Die stil­le Spra­che der Ma­tro­sen, Pro­sti­tu­ier­ten, Sträf­lin­gen und Ca­mor­ris­ten, deren In­halt noch nicht von der Mode dik­tiert wurde und sich dem­nach nicht wie ein Segel im Wind dreh­te.

Tätowierer sind nicht länger jene Künstler, die etwas Mythenhaftes auf der Haut verewigen. Tattoos wurden ihrer Rolle als Bot­schaf­te­rin zer­bro­che­ner Träu­me, Liebe und Hass, Ver­spre­chen und nicht ge­hal­te­nen Schwü­ren, ero­ti­schen Ver­lan­gens und Durst nach Rache enthoben. 

Über diese ur­sprüng­li­che, antik an­mu­ten­de Kom­po­nen­te der Tä­to­wie­rung wird heute nicht mehr gesprochen.

Um wel­che Be­deu­tun­gen han­delt es sich also, die die­sen Sym­bo­len in­ne­woh­nen? Mitt­ler­wei­le sind Tattoos ihrer ur­sprüng­li­chen Funk­ti­on als Mar­ken­zei­chen einer Rand­grup­pe ent­schlüpft und ein­ge­tre­ten in die Sphä­re der all­ge­mei­nen Uni­for­mie­rung.

Wo sind letzt­end­lich die Wur­zeln jenes Phä­no­mens zu su­chen?

 - Film­aus­schnitt I Guap­pi (1974), von Pas­qua­le Squi­tie­ri -

Le­ben­di­ge Tinte

Lello Sca­ri­en­zo, pro­fes­sio­nel­ler Tä­to­wie­rer im „Tä­to­wie­rung Point“ Stu­dio in Nea­pel, kon­trol­liert die Ma­schi­ne und ord­net sorgfältig Na­deln und Far­ben. Er ar­ran­giert den Altar für die kommenden Messen. Er zieht sich Hand­schu­he über und lässt das Pedal kna­cken.

Die Wände sei­nes Stu­di­os sind mit Skiz­zen, Zeich­nun­gen und Fo­to­gra­fi­en ta­pe­ziert. Hier ist zum Beispiel das Mo­ti­v des be­rühm­ten „asso di bas­to­ne“ zu bewundern, das auf­grund ihrer phal­li­schen Er­schei­nung die männ­li­che Vi­ri­li­tät sowie Macht und Ehre sym­bo­li­sieren soll. Andere Bilder zeigen Pis­to­len, Mes­ser, To­ten­köp­fe und Ro­sen­krän­ze. Auch Chris­tus dem Er­lö­ser und Ma­don­na mit flammenden Herzen sind zu sehen.

Die Symbolik der Tattoos waren meist unmissverständlich: „Die Pis­to­le tru­gen jene die einer be­son­ders blut­rüns­ti­gen Grup­pie­rung an­ge­hör­ten“, erklärt der Tätowierer Lello. Es war das Ab­zei­chen jener, auf deren Ge­wis­sen einige Leben lasten.

Das Mes­ser hatte noch eine andere Bedeutung: ausstehende Rache. In Nea­pel ist das Pro­fa­ne un­auf­lös­lich mit dem Hei­li­gen ver­bun­den. Daher ist es nicht ver­wun­der­lich, wenn Sym­bo­le wie Pis­to­len, Mes­ser oder Schlag­rin­ge auf Ro­sen­kranz­mo­ti­ve und an­de­re re­li­giö­se Bil­der tref­fen.

„Der Ro­sen­kranz ist ein Zei­chen des Schut­zes, der Hilfe, um sich beispielsweise in der Unterwelt durchzuschlagen. Das von der Dor­nen­kro­ne um­schlun­ge­ne ent­flamm­te Herz re­prä­sen­tiert das hei­li­ge Herz Jesu, die zwei­te Va­ri­an­te hin­ge­gen, um­wun­den mit einer Blu­men­kro­ne und durch­bohrt von einem Schwert, re­prä­sen­tiert das Herz der Jung­frau Maria.“ Dies alles steht im Zeichen der „me­men­to mori“ (lat. „Be­den­ke, dass du ster­ben musst“, Anm. d. Üb.) - dem Symbol dafür, dass wir sterblich sind.

„Die To­ten­köp­fe sind nichts an­de­res als Sym­bo­le des Hoh­nes über den Tod, um sich über die ei­ge­ne Angst hin­weg­zu­set­zen, al­ler­dings ohne die un­ab­wend­ba­re Ver­bin­dung zwi­schen Leben und Tod zu ver­ges­sen, das eine als das Vor­zim­mer des an­de­ren, man macht sich also dar­über lus­tig, hat zu­gleich je­doch auch gro­ßen Re­spekt, eine ty­pi­sche Cha­rak­te­ris­tik des nea­po­li­ta­ni­schen Vol­kes.“

All das ist Nea­pel und noch viel mehr: ein Ort zwi­schen den sü­ßes­ten Träumen und den düstersten Albträu­men. Wo zwi­schen engen dunk­len Gas­sen und wei­ten, hellen Stra­ßen. Dieser Ort lebt von seiner See­mannstra­di­tio­nen und religiösen Mythen. In Neapel erneuert sich die an­ti­ke und mys­ti­sche Kunst der Tä­to­wie­rung.