'Das Problem ist der fehlende Patriotismus'

Artikel veröffentlicht am 19. September 2005
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Artikel veröffentlicht am 19. September 2005

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Anlässlich der polnischen Parlamentswahlen am 25. September bittet café babel Mateusz Tomala von der konservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ um seine Meinung zur Abwanderung junger Talente aus Polen.

Die hohe Arbeitslosigkeit sowie Korruptionsskandale, die der momentan regierenden Linkskoalition das Leben schwer machen, könnten für eine rechtsgerichtete Koalition aus „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und „Bürgerplattform“ (PO) im Oktober den Weg an die Macht ebnen. Mateusz Tomala, ein aktives Mitglied des jungen Flügels von PiS, des Jugendforums, berichtet uns, warum junge Polen ihr Heimatland verlassen und wie sie wieder zur Rückkehr bewegt werden könnten.

Ist Polens EU-Beitritt die Ursache für den „Brain Drain“ der Jugend?

Nein, es ist nicht nur ein Problem der offenen Grenzen. Es wäre Populismus, den Leuten zu erzählen, es wäre besser, hier zu bleiben… junge Leute sind nicht naiv und Politiker wissen das sehr genau. Ihr fehlender Patriotismus ist das Problem. Sehr oft treffe ich auf Jugendliche, die sagen, dass sie nicht hier bleiben müssten, dass sie dieses Land hassten, dass sie nicht wüssten, was sie hier noch verloren hätten. Aber ich betrachte die Europäische Union nicht als Ursache für all dies oder für jegliche Bedrohung. [Teil der EU zu sein] ist eine großartige Chance für uns, uns selbst in der europäischen Welt zu präsentieren, gegen das Klischee des polnischen Diebes und Trunkenbolds zu kämpfen. Den jungen Leuten, die in westlichen Ländern studieren und Arbeit aufnehmen, ist es zu verdanken, dass wir uns in einem positiveren Licht zeigen können.

Die Partei "Recht und Gerechtigkeit" wird voraussichtlich bei den bevorstehenden Wahlen gut abschneiden. Gibt es irgendwelche Punkte in Ihrem Wahlprogramm, die sich um junge Leute und den „Brain Drain“ drehen?

Ja, wir haben einige Ideen, wie wir junge Menschen ermuntern können, in Polen zu bleiben. Wir würden hart durchgreifen beim Problem der Berufsverbindungen von Rechtsanwälten, Ärzten und Zahnärzten [in welche es sehr schwierig ist, aufgenommen zu werden, und die den Arbeitsmarkt in diesen Bereichen kontrollieren]. In Polen bekommen Sie einen Job, wenn Sie über nützliche Verbindungen, Bekanntschaften oder Familienbeziehungen verfügen – unabhängig davon, ob Sie die notwendigen Qualifikationen haben. Diese Leute stehlen denjenigen die Beschäftigungsmöglichkeiten, die ordentlich ausgebildet und hoch motiviert sind, um zu arbeiten und zu lernen. Politiker müssen diese Menschen überzeugen zu bleiben, indem sie ihnen ein angemessenes Leben in Polen garantieren, zum Beispiel durch die Schaffung neuer Jobmöglichkeiten und durch die Anhebung der Gehälter für Akademiker und Wissenschaftler, sodass sie ihre Forschungen hier betreiben, in Polen.

Kennen Sie persönlich Leute, die es vorgezogen haben, das Land zu verlassen?

Ja, viele. Die meisten wollen unmittelbar nach der Hochschule auswandern – vorrangig aus ökonomischen Gründen, aber auch weil ein Problem hinsichtlich der polnischen Mentalität besteht. Wir können [diesen Exodus] zu einem großen Teil mit der Massenemigration von Polen in die USA in den 1980er Jahren vergleichen. Diese polnischen Emigranten hatten keinen hohen Lebensstandard, manchmal ging es ihnen sogar schlechter als in Polen, aber sie würden dies niemals zugeben, weil sie an den Mythos von der wundervollen westlichen Welt glaubten. Vielleicht schämten sie sich auch wegen der Tatsache, ihr Land verlassen zu haben und verteidigten daher ihre Entscheidung um jeden Preis. Ich denke, dass die Ursache für eine solche Entscheidung im fehlenden Patriotismus bei jungen Leuten liegt.

Glauben Sie, dass dieser Trend zur Emigration anhalten wird?

Ich denke, dass wir immer noch überwältigt sind von den Möglichkeiten, die sich für uns durch die EU-Erweiterung eröffnet haben, aber früher oder später werden sich die Dinge beruhigen. Sobald sich die Lebensstandards in allen EU-Staaten stärker angeglichen haben, wird es keinen Grund mehr geben, das Land zu verlassen. Wir brauchen eine gute, kluge Regierung, um Anreize (wie etwa Stipendien) für junge, ambitionierte Polen zu bieten, damit sie im Land bleiben und das polnische Vorhaben unterstützen. Das politische und kulturelle Wochenmagazin „Polityka“ betreibt unter dem Namen „Bleibt bei uns“ ein Programm und vergibt Stipendien an die besten Wissenschaftler und Studenten. Aber das ist nicht ausreichend. Diese Art von Anreiz sollte auf Staatsebene und in größeren Ausmaßen durchgeführt werden. Die USA sind eine Weltmacht, weil sie die in der ganzen Welt am besten ausgebildeten Wissenschaftler haben… Wir sollten in ihre Fußstapfen treten.

Ist es aber nicht besser, dass Polen nun wenigstens innerhalb Europas bleiben und nicht in die USA gehen?

Ja. Es ist näher und wir haben mit anderen Europäern mehr gemeinsam, wie groß auch immer die Unterschiede zwischen den Nationalitäten sein mögen. Wir wurden mit dem europäischen Geist aufgezogen – unsere Eltern konnten nicht so frei umziehen wie wir – und nun werden wir mit einer großen Menschenmasse konfrontiert, die auswandern will, um Geld zu verdienen oder in Großbritannien, Spanien, Frankreich zu lernen. In der Tat unterstütze ich die Idee der Freizügigkeit des Personenverkehrs – solange die Leute wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Nachdem sie Wissen gesammelt, ein bisschen Erfahrung und Sprachkenntnisse erworben haben, sollten die Menschen all dies zurückbringen und hier einsetzen, für ihr Land.