Das neue Marokko: Hipster, aber nicht zu sehr

Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2014

Was pas­siert, wenn ein Mas­sen­phä­no­men ein Land mit sehr un­ter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen er­reicht? Die ma­rok­ka­ni­schen Hips­ter von Ca­sa­blan­ca ge­hö­ren zu einer Ju­gend, deren Welt viel kom­ple­xer und bun­ter ist als der Ein­heits­brei ihrer eu­ro­päi­schen Kol­le­gen.

Es ist gar nicht so ein­fach, Hips­ter in Ca­sa­blan­ca zu fin­den. In Eu­ro­pa ist das Phä­no­men zur Ob­ses­si­on ge­wor­den, die mitt­ler­wei­le von vie­len ver­ab­scheut wird. Die meis­ten jun­gen Men­schen wol­len auf kei­nen Fall als Hips­ters klas­si­fi­zert wer­den und gren­zen sich klar von den Ka­ro­hemden und All­stars tra­gen­den, bär­ti­gen Mo­de­op­fern ab. In Ber­lin, Paris und Lon­don hat der Kreuz­zug schon lange be­gon­nen. Man wehrt sich gegen den mas­si­ven Vor­marsch die­ses Styls, der in den gro­ßen Städ­ten Eu­ro­pas und den USA in­ner­halb von we­ni­gen Jah­ren vom Außen­sei­ter- zum Mas­sen­mo­dephä­no­men mu­tiert ist.

In den west­li­chen Län­dern ist das Hips­ter­tum weit ver­brei­tet. Aber wie steht es damit in einem Land wie Ma­rok­ko, wo die Men­schen be­wusst an ihren Tra­di­tio­nen fest­hal­ten? Ist es dort schwie­rig den west­li­chen Mo­de­trends zu fol­gen? Hat die Mode der gro­ßen Bril­len, der Sin­gle Speed Fahr­räder und der Ju­te­ta­schen bei ihnen Ein­zug er­hal­ten? Nach einer Blitz­re­cherche im In­ter­net sieht es schon so aus. Auf Tri­pad­vi­sor fin­det man sogar eine Bar, den Arts Club, der das Stamm­lo­kal der ma­rok­ka­ni­schen Hips­ters sein soll. Die Ju­gend von Ca­sa­blan­ca ist viel kom­ple­xer und bun­ter als ihre ge­norm­ten, west­li­chen Kol­le­gen. Zir­kus­lieb­ha­ber tra­gen rie­si­ge Schnurr­bär­te, Ka­ro­hem­den ver­kör­pern immer noch den guten, alten Nerd und die Sty­les sind so un­ter­schied­lich wie die Le­bens­sti­le in Finn­land und Spa­ni­en. Schau­en wir uns das ein­mal ge­nau­er an.

Nachts trifft man in Ca­sa­blan­ca so al­ler­lei un­ter­schied­li­che Ty­pen: Saad im B-rock, einem der In­-Lo­ka­l der Stadt.

Er ma­cht auf alte Schu­le.

Und diese Art von Bart ist ty­pisch für Zir­kus­künst­ler wie Sno­o­py, hier in der Zir­kus­schu­le der Kul­tur­fa­brik l’Abat­toir.

AUf der suche nach ihrem ei­ge­nen stil

In den letz­ten 15 Jah­ren hat die Mei­nungs­frei­heit in Ma­rok­ko enor­me Fort­schrit­te ge­macht. Aus­lö­ser dafür war der Amts­an­tritt von König Mo­ham­med VI, der 1999 sei­nem Vater Has­san II nach­folg­te. Man könn­te also mei­nen, dass es, trotz aller ty­pi­schen Schwie­rig­kei­ten eines Schwel­len­lan­des leich­ter ge­wor­den ist, sich al­ter­na­tiv zu klei­den. Ganz im Ge­gen­teil. Es ist gar nicht so ein­fach in die­sem Land mit einem Durch­schnitts­lohn von 200 € und Le­bens­hal­tungs­kos­ten wie in Spa­ni­en, sich mo­disch zu klei­den. Was die re­li­giö­sen Tra­di­tio­nen be­trifft, so ist das ob­li­ga­to­ri­sche Kopf­tuch nur mehr eine vage Er­in­ne­rung. Heute trägt man es aus Über­zeu­gung, nicht aus Zwang.

Dani ar­bei­tet fürs Radio und Fern­se­hen. Die Sen­der, die west­li­che Musik spie­len sind nicht sehr zahl­reich, aber haben treue Zu­hö­rer.

Der Ein­fluss der USA ist in Ma­rok­ko sehr stark. Der "ame­ri­ka­ni­sche Traum" scheint all­ge­gen­wär­tig.

Taha:Ich klei­de mich zwar manch­mal wie ein Hips­tern, bin aber kei­ner. Ich wechs­le täg­lich mei­nen Stil. Meine Nach­barn schau­en mich an, als ob ich ein Aus­län­der wäre."

Auf der Stra­ße be­geg­net man hier und dort sogar mo­di­schem Über­ei­fer.

Ma­rok­ko neu er­fin­den

Man­che be­haup­ten, die eu­ro­päi­schen Hips­ter hät­ten die Haus­be­set­zer ab­ge­löst, ohne je­doch po­li­tisch aktiv zu sein. In Ca­sa­blan­ca pas­siert genau das Ge­gen­teil. Zi­vil­cou­ra­ge und En­ga­ge­ment sind weit ver­brei­tet. „Es gibt in Ma­rok­ko noch so viel zu tun", meint Ali, ein jun­ger Sprach­wis­sen­schaft­ler mit Reg­gae-Look. „Wir haben jetzt Raum (wie den alten Schlacht­hof l'Abat­toir, Anm. der Re­dak­ti­on). Immer mehr Leute kom­men zu den Kon­zer­ten und ent­wi­ckeln dank des In­ter­nets ihren ei­ge­nen Mu­sik­ge­schmack. Die Fes­ti­vals wer­den von Men­schen aller Klas­sen und Stil­rich­tun­gen be­sucht, von Hip­pies und Hips­ters, von Me­tal-Ro­ckern und Rap­pern. Diese Men­schen wol­len Ma­rok­ko neu er­fin­den." Dabei ist kein Platz für post­mo­der­nen Ni­hi­lis­mus.

Is­ma­el, ein jun­ger Fo­to­graf: Wenn du ein Ka­ro­hemd und große Bril­len trägst, wirst du bei uns an der Uni noch als Nerd ab­ge­stem­pelt."

Kuba oder Ca­sa­blan­ca? Der Re­tro-Look er­in­nert manch­mal an die 70er Jahre.

Auf dem Foto sieht man Mary" vor der Uni­ver­si­tät von Ca­sa­blan­ca.

Ali hört gerne Rock und Reg­gae. Er er­zählt mir, dass die Zahl der Gra­tis-Fes­ti­vals in Ma­rok­ko in den let­zen Jah­ren ra­sant ge­stie­gen ist. Die Or­ga­ni­sa­to­ren sind dabei sel­ten dies­sel­ben. Die Nach­fra­ge nach Kul­tur- und Mu­si­kevents ist groß, das An­ge­bot wächst lang­sam mit.

Der Stil än­dert sich, aber Ca­sa­blan­ca ist noch kein Hot­spot für Hips­ter.

Die­ser ar­ti­kel ist teil der SPE­ZI­AL­AUS­GA­BE « EU­RO­MED RE­POR­TER » IN Ca­sa­blan­ca. cafébabel Ar­bei­tet hier in ko­ope­ra­ti­on mit iwatch und der stif­tung anna Lindh. bald fin­det ihr alle ar­ti­kel der «EU­RO­MED RE­POR­TER » auf seite eins des ma­ga­zins.