Das Meer als letzte Ruhestädte

Artikel veröffentlicht am 31. März 2006
Artikel veröffentlicht am 31. März 2006

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Hans Peter Klages fährt mit seinem Kutter zwei bis dreimal pro Monat hinaus auf die polnische Ostsee. An Bord hat er die Urnen von deutschen Heimatvertriebenen, die auf See bestattet werden.

Kurz hinter der Hafenstadt Gdingen/ Gdynia, der Nachbarstadt von Danzig, liegt der kleine Fischerort Osada Rybacka. Von hier aus sticht der 61-jährige Hans-Peter Klages zwei- bis dreimal im Monat mit seinem Schiff "Knudel" in See, um die Asche Verstorbener zur letzten Ruhe der Ostsee zu übergeben. "Es ist der letzte Wille der Verstorbenen, in der Danziger Bucht, vor Königsberg oder an einer anderen Stelle vor der polnischen Küste beigesetzt zu werden", sagt der bullige Mann mit dem dichten grauen Haar. Schon seit sieben Jahren ist er als Seebestatter im Einsatz.

Beisetzung über Schiffswracks

Es seien meist Menschen, die früher im Raum Danzig gelebt und dann am Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden. "Viele möchten zurück in ihre Heimat und die Hinterbliebenen folgen dem Wunsch ihrer Angehörigen", erzählt Schiffsbesitzer Klages. Oft werde eine Beisetzung über den Wracks untergegangener Schiffe gewünscht, insbesondere über der "Wilhelm Gustloff", die am 30. Januar 1945 von einem russischen U-Boot auf Höhe Stolpmünde versenkt wurde und mehr als 9000 Flüchtlinge mit sich in die Tiefe riss.

In seinem Roman "Unkenrufe", der unlängst verfilmt wurde, hat Nobelpreisträger Günter Grass bereits Anfang der 90er Jahre die Sehnsucht vertriebener Danziger nach einem Grab in ihrer Heimat thematisiert. Bei Kriegsende mussten rund 340.000 Deutsche die Stadt Richtung Westen verlassen. Die sie ersetzenden Polen waren ihrerseits aus der heute litauischen Hauptstadt Vilnius vertrieben worden. Grass lässt die Polin Alexandra und den Deutschen Alexander eine Deutsch-Polnische Friedhofsgesellschaft gründen, die in Danzig und Vilnius "Versöhnungsfriedhöfe" anlegen will. Während das Projekt im Roman bald aus dem Ruder läuft und es Streit um eine neue deutsche Landnahme in Danzig gibt, sind die Seebestattungen von Hans-Peter Klages unumstritten.

Blumensträuße am Allerheiligsten

Dass der Deutsche in den vergangenen sieben Jahren nur zwei Trauerfeiern für polnische Familien organisieren konnte, liegt an hiesigen Traditionen. "Die Katholische Kirche in Polen sagt, dass die Bestattung vor allem eine Leichenbestattung sein muss", erklärt Rafal Nowicki, Priester aus Danzig. Hinzu komme, dass die Menschen in Polen es gewohnt sind, die Gräber der Verstorbenen zu besuchen. Familienmitglieder von Seeleuten, deren Leichen nach Schiffsunglücken nicht gefunden wurden, legen deshalb an Allerheiligen Blumensträuße an einem Denkmal auf dem Boulevard in Gdynia ab, das an alle auf See gebliebenen Menschen erinnert.

Eine Begegnung ist Hans-Peter Klages besonders in Erinnerung geblieben. Es ging um die Urne einer Frau aus Köln, die früher in der Nähe von Gdingen gelebt hatte. Ihr Mann war mit der Urne angereist und streute die Asche seiner Frau eigenhändig in die Wellen der Danziger Bucht. Auch er wolle eines Tages hierher zu seiner Frau, hatte der Mann dem Kapitän gesagt. Ein Jahr später riefen die Kinder bei Klages an: "Nun es ist so weit, jetzt müssen wir auch unseren Vater zu ihnen bringen." Und das haben sie dann gemacht - erinnert sich Klages. "Sie hatten hier in Danzig Freunde, die mit hinaus fuhren."

Viermal läutet die Schiffsglocke

Ursprünglich hatte Hans-Peter Klages sein Schiff "Knudel" als Fischkutter gekauft und vor 15 Jahren zur Segelyacht umgebaut. Mit seiner polnischen Frau segelte er zahlreiche Ostseetörns. Ein Hamburger Kollege brachte ihn dann auf die Idee mit den Seebestattungen. Klages erhielt die notwendigen Papiere und hat einfach angefangen.

Die Zeremonien sind für ihn mehr als nur ein Job. Seit Jahren ist er mit dem Meer verbunden und jede Seebestattung ist für ihn eine persönliche Angelegenheit. Alle Vorbereitungen trifft Klages selbst. "Die Urnen, die ich bekomme, sind oft aus Metall. Dann muss ich die Asche in eine Urne aus Salz umbetten", erzählt er. Damit geht er an Bord, legt den Blumenschmuck zurecht. "Dann fahre ich hinaus an eine Position hier in der Danziger Bucht". Dort wird die Urne an der Steuerseite zu Wasser gelassen. Dabei schlägt er viermal die Schiffsglocke. Danach fährt er dreimal um die Stelle der Beisetzung herum, Halbmast geflaggt. Der Blumenschmuck geht auch über Bord. Und zum Schluss der Zeremonie bläst ein Trompeter einen letzten Gruß.

Die Autorin ist Mitglied des Korrespondenten-Netzes n-ost