Das Leiden der Roma

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2005
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2005

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Zwischen sieben und neun Millionen Roma leben in Europa, die meisten davon in den neuen Mitgliedsstaaten und Kandidatenländern der EU. Ihr Lebensstandard ist gering, von den Regierungen werden sie vernachlässigt.

Februar 2004, in der Ostslowakei: Mehr als 2000 Soldaten und Polizisten werden in ein vor allem von Roma bewohntes Gebiet entsendet, um gegen Plünderungen und Unruhen vorzugehen. Unter der Regierung Mikuláš Dzurindas, der seit 1998 Ministerpräsident der Slowakei ist, war die allgemeine Verbitterung in den Siedlungen gewachsen. In der Slowakei wurden Sozialleistungen mehr und mehr zusammengestrichen. Die Lebensbedingungen für die Roma in der Ostslowakei, vor allem in den Regionen Košický and Trenínský, sind trist. Es gibt kaum Anbindungen an das Strom- und Verkehrsnetz, die Arbeitsloigkeit ist hoch.

Der Arbeitgeber geht in Deckung

Nach Berechnungen der Weltbank leben in Europa zwischen sieben und neun Millionen Roma, mehr als 80% von ihnen in den neuen Mitgliedsstaaten und Kandidatenländern der EU. Die Roma verfügen über eine eigene Sprache. Sie stammen wahrscheinlich aus Indien und kamen gegen Ende des 13. Jahrhunderts nach Europa. Wirklich assimiliert haben sie sich nie. Sie haben weder eine einheitliche Religion noch ein einheitliches Siedlungsgebiet. In den meisten Ländern bilden sie eine Minderheit, deren Belange oft nicht berücksichtigt werden.

Wenn es um die Roma geht, nehmen die Regierungen der ost- und südosteuropäischen Staaten oft sehr unterschiedliche Standpunkte ein. Gesetze gegen Diskriminierungen sind selten. Oft müssen sich Nichtregierungsorganisationen (NROs) um die Integration der der Roma kümmern. Auch die politische Wende von 1989 hat die Situation nicht verbessert. Der tschechische Schriftsteller Andrej Gia, ein Roma, bemerkte dazu in einem Interview mit dem Magazin Literatura: „Der Sozialstatus vieler Roma ist wesentlich gesunken. Im Kommunismus gab es mehr Sicherheit, unsere Leute hatten Arbeit und ein regelmäßiges Gehalt, eine Wohnung, aus der sie niemand vertrieb.“ Das sei heute anders, so Gia: „Heute meldet man sich auf eine Anzeige, bekommt eine Einladung zum Gespräch. Doch wenn der Arbeitgeber einen sieht, geht er gleich in Deckung.“

Clan-Strukturen

In Rumänien lebt die größte Gemeinde von Roma in Europa, rund 2 Millionen Menschen, die überwiegend schlecht ausgebildet sind. Etwas weiter südlich, auf der Balkanhalbinsel, ist die Situation um nichts besser. Nach der Beendigung des Kosovo-Konflikts im Jahre 1999 lebten im Flüchlingslager Zitkovac im Nord-Kosovo um die 560 Roma. Das Lager liegt unweit eines ehemaligen Bleibergwerks, weshalb die Bewohner langsam vergiftet wurden. Erst nach sechs Jahren entschied sich die Leitung der UN-Mission im Kosovo auf Druck von NROs das Lager zu verlegen.

In Ost- und Südosteuropa ließen sich hunderte solcher Fälle nennen. Meistens geht es dabei um Diskriminierung durch die örtliche Bevölkerung. Die Behörden interessiert das kaum. Die Situation ist auch deshalb so schlimm, weil es den Roma bislang auf nationaler Ebene kaum gelang, Verbände zu gründen. Jede Roma-Organisation oder Partei, die sich das Recht nimmt, für die Roma zu sprechen, wird früher oder später diskreditiert. Die Eliten der Roma sind untereinander zerstritten und haben sich vom Rest ihrer Landsleute distanziert. Diese Streitereien lassen sich durch die Clan-Struktur der Roma-Gesellschaft erklären. Das Ergebnis: Die Roma-Gruppen stellen keine einheitlichen Forderungen an den Staat. Dieser kann sich im Gegenzug erlauben, das Problem beiseite zu schieben und sich auf leere Ankündigungen ohne konkreten Inhalt zu beschränken.

Die helfende Hand der EU

Die Roma Rumäniens, der Slowakei und anderer Länder der ehemaligen Sowjetunion versuchen oft durch Emigration ihrer tragischen Lage zu entfliehen. Kanada, Großbritannien und Deutschland heißen die Ziele. Doch oft endet die Flucht mit Enttäuschungen, Lethargie, Alkoholismus und einem Leben von Sozialhilfe.

Die Europäische Kommision kann ihren Mitgliedstaaten nicht die Sozialpolitik gegenüber den Roma vorschreiben.Dennoch betonte Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Gleichstellung, im Juli 2005 in einem Interview mit der tschechischen Wochen-Zeitschrift „Ekonom“, dass die EU ihren neuen Mitgliedern mit dem Europäischen Sozialfonds eine helfende Hand entgegenstrecke. Der Fonds ermögliche Pläne, mit deren Hilfe die soziale Ausgrenzung der Roma überwunden werden könne. Für Špidla geht es aber nicht nur um fehlende Finanzierung, sondern auch um einen Mangel an sinnvollen Projekten von Seiten der Gemeinden und NROs.