Das Jahrhundert der Religion

Artikel veröffentlicht am 2. November 2005
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Artikel veröffentlicht am 2. November 2005

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Ohne den Dialog zwischen den Religionen können Fundamentalismus und globale Ungleichheit nicht besiegt werden. Enrique Ojeda, Direktor der Stiftung „Tres Culturas del Mediterráneo“ (Drei Kulturen des Mittelmeerraumes), erklärt warum.

„Das 21. Jahrhundert wird eines der Religion sein oder wird überhaupt nicht sein“. Diese Aussage wird André Malraux zugeschrieben, dem französischen Schriftsteller und Kulturminister während der letzten Jahre der Regierung General De Gaulles. Malraux bestritt jedoch, diese Aussage jemals getroffen zu haben, zumindest nicht mit diesen Worten. 1975 betonte er, er habe eigentlich gemeint, dass die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Gott zu Beginn des folgenden Jahrhunderts eine „erneute Bedeutung des Religiösen im menschlichen Denken“ hervorbrächte. Eine derartige Aussage schien extrem vermessen zu einer Zeit, in der die renommiertesten Soziologen und Philosophen voraussagten, dass die Religion das 20. Jahrhundert nicht überleben würde. Während sich die Modernisierung ausbreitete, mussten die Religionen unsausweichlich an Bedeutung verlieren.

Jedoch gab die Zeit Malraux schließlich Recht. Mit Beginn der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erlebten wir– wie Gilles Kepel es ausdrückte – die „Rache der Götter“. Nach Ansicht des spanischen Theologen Juan José Tamayo sind die Religionen als soziale Kraft wieder auferstanden. Sie haben politische Bedeutung erlangt und sich den öffentlichen Raum zurückerobert, der in den vorausgegangenen Jahren verloren gegangen war. Schliesslich haben sie sich in grundlegende Komponenten der kulturellen und nationalen Identität verwandelt; besonders in den Ländern, in denen der Einfluss der Religionen unterdrückt oder zerstört worden war.

Das Gespenst des Fundamentalismus

Diese Wiederauferstehung der Religionen wird jedoch von einem Gespenst begleitet, das in diesen ersten Jahren des neuen Jahrtausends über die ganze Welt jagt. Die Rede ist vom religiösen Fundamentalismus. Dieser Begriff bezeichnet die Strömung innerhalb einer Religion, die ihre Glaubensgrundsätze auf die gesamte Menschheit ausbreiten will – wenn nötig mit Gewalt. Religiöser Fundamentalismus sieht sowohl die mit der Modernisierung verbundenen Werte (Säkularisation, Dialog der Kulturen, Emanzipation der Frau...) als auch die anderen Religionen als Feinde an. Dies hat häufig zu Konflikten und Kriegen geführt.

Religiöse Kriege wurden weithin als Gegenstand vergangener Zeiten abgetan, lediglich in Geschichtsbüchern las man etwas von ihnen. Nun scheinen sie in unsere Welt zurückzukehren. Über Fernsehen und Computer erreichen sie uns in unserem Privatleben mit ungekannter, subtiler und schrecklicher Intensität. Wir sind gezwungen, daran teil zu nehmen und uns der einen oder anderen Seite in diesem vermeintlich unausweichlichen Kampf der Kulturen anzuschließen. Aber ist das wirklich so? Müssen wir uns damit abfinden, in einer Welt zu leben, wo der „Andere“ immer unser potentieller Feind ist? Welche Rolle spielen heute die Religionen auf der Suche nach Frieden, und wie soll die Beziehung zwischen ihnen aussehen?

Ein weiteres Zitat von Juan José Tamayo lautet: „Die Religionen können nicht weiterhin Ursache für Konflikte sein, weder untereinander noch in der Gesellschaft. Vielmehr müssen sie sich anerkennen, respektieren und in Dialog miteinander treten.“ Der interreligiöse Dialog formuliert das Hauptziel, das die Religionen heute verfolgen müssen, wollen sie nicht verkümmern, verkannt werden oder sich selbst nach und nach zerstören. Der Dialog wird immer wichtiger in dieser Welt der offenen Schranken, der Migration, des Internet, des internationalen Terrorismus und der Globalisierung. Denn all diese Kräfte tragen dazu bei, dass auf ungerechte Weise eine ungleiche Gesellschaft errichtet wird. Diese Gesellschaft fordert von ihren Mitgliedern Handlungsfähigkeit und eine effektive und überzeugende Antwort auf die Frage, wie das Zusammenleben der unterschiedlichen Individuen, Kulturen und Religionen gestaltet werden kann. Papst Johannes Paul II. war sich darüber im Klaren. Bei seinem Einzug in den Vatikan rief er deshalb in seiner ersten Enzyklika, Redemptor hominis, alle Christen zum interreligiösen Dialog auf.

Der Dialog zwischen den Religionen ist Realität

Ein Zeugnis dieses notwendigen Dialoges zwischen den Religionen ist das erste weltweite Treffen der Imame und Rabbiner für den Frieden. Es fand vom dritten bis sechsten Januar in Brüssel unter der Schirmherrschaft der Könige von Belgien und Marokko und unter Beteiligung der Stiftung „Tres Culturas del Mediterráneo“ statt. Nach zwei Tagen intensiver Gespräche, fruchtbarer, gereizter und zum Teil amüsanter Debatten verfassten die fast 200 anwesenden Religionsführer, von den zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam ausgehend, eine gemeinsame Erklärung. In ihr verurteilten sie klar und deutlich Terrorismus und Gewalt im Namen der Religion. Denn diese verletzten „die Menschenrechte und die Menschenwürde, welche der Allmächtige allen Menschen gegeben hat“. Sie forderten die Würdenträger beider Religionen dazu auf, in ihren Predigten in den Gemeinden zu betonen, wie wichtig der Dialog und die Achtung vor dem menschlichen Leben sei. Die Stiftung „Tres Culturas del Mediterráneo“ wird ein weiteres Treffen zwischen Rabbinern und Imamen arrangieren, da die Religionen eine wichtige Rolle spielen: sowohl im Hinblick auf die kulturelle und moralische Neuordnung der Welt als auch auf eine Revision unserer derzeitigen Lebensweise.