Das große Paris, eine große Illusion?

Artikel veröffentlicht am 15. Juni 2008
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Artikel veröffentlicht am 15. Juni 2008
Letzte Neuigkeiten von der Front des Nicolas Sarkozy so lieben großen Paris. Während Jean Nouvel den Sieg beim Wettkampf davongetragen hat, dem Turm, der das zukünftige Wahrzeichen des Hauptstadtfrühlings sein wird, ein Gesicht zu geben, versammelte der Präsident eine Armada an Soziologen, Architekten und Stadtplanern, um den Gesamtumriss des Projektes festzulegen. Was ist dieses große Paris knapp gesagt? Momentan diskutiert man darüber. Unsere große Londoner Cousine scheint auf jeden Fall eine Quelle der Inspiration zu sein.

Ein Lufthauch für Paris

Das große Paris ist eine Idee, die von Nicolas Sarkozy seit etwa einem  Jahr vorangetrieben wird. Paris ist eine an ihre bereits zusammen gezogenen administrativen Grenzen stoßende Hauptstadt. Die Mehrzahl seiner aktiven Bevölkerung lebt innerhalb der Peripherie in einer Vielzahl von Gemeinden unterschiedlicher Größe, deren Arbeit unter erschwerten Bedingungen koordiniert wird. Der Gipfel, wenn man die Schwierigkeiten beim Transport sowie beim Wohnungswesen und der Integration seiner Bewohner kennt.

Das Protokoll zeigt, dass man die rechte wie die linke Richtung einschlägt, um unterschiedliche Visionen dieses Projektes zu verteidigen, was einen dumpfen Konsens zu bilden scheint. Rechts propagiert der Senator Philippe Dallier die Integration der angrenzenden Kommunen in die Gemeinde von Paris für die Neugliederung der Anrainer-Departements zu einem stärkeren und um seine Kompetenzen erweiterten Ganzen. Links verlangt Jean-Paul Planchou eine höhere Effizienz der bestehenden Strukturen und insbesondere der Region.

Man ist noch bei der Prämisse einer konkreten und abgesprochenen Maßnahme. Während dessen ist auf der anderen Seite des Ärmelkanals das große London seit Langem eine Symbol der Anziehung und Dynamik.

London, offene Stadt – Paris, erlahmt

London basiert auf einer der von Paris diametral entgegen gesetzten Stadtkonstruktion. Als offene Stadt umfasst es eine Ansammlung von Dörfern, die einen gewaltigen Ballungsraum stellen. Gemäß dem Protokoll wurde das große London im Jahre 1965 erdacht – eine die 33 sie ausmachenden „Boroughs“ umfassende Größe – in dieser Zone nicht weniger als 8 Millionen Einwohner. Aus administrativer Sicht gibt es die Stadt London nicht, und erst im Jahr 2000 wurde die Stelle des Londoner Bürgermeisters geschaffen, um dem großen London eine politische Figur zu geben.

Paris dagegen ist eine französische Kommune wie die Anderen auch. Indem es seine Arrondissements und seinen Status eines Departements beiseite legte, verfügt es über keinerlei Struktur eines urbanen Gemeinwesens. Die Stadt vereinigt nur 2 Millionen Einwohner im Inneren der Peripherie – ein regelrechter urbaner Damm, der das Zentrum von seinen berühmten Banlieues, dem Wohnort weiterer 6 Millionen Pariser, abschneidet.

Das große London funktioniert wie eine kleine Regierung mit erstaunlichen Vollmachten im Bereich Transport, Wohnungswesen und Sicherheit. Die Metro breitet sich zum Teil bis zu Zonen aus, die 30 Kilometer vom historischen Zentrum entfernt liegen. In Paris liefert das Rathaus endlose juristische Zwistigkeiten, um eine Ausweitung des Velib-Netzwerkes um knapp 2 Kilometer außerhalb der Grenzen der Stadt zu wagen.

Mit Sicherheit verliert eine Stadt mit der Größe von Paris viel Zeit und Geld, indem es unter den veralteten administrativen Grenzen und der zersplitterten Verwaltung erlahmt. London scheint im Vergleich dazu durchzuatmen, aber ist es das perfekte Modell?

London wird niemals Paris sein

Wir kennen die Bewunderung unseres Präsidenten für Großbritannien. Zweifelsohne wird er mit Lust das dynamische London betrachten, wo sich mit Blick auf die Olympischen Spiele 2012 die neuen architektonischen Projekte aneinander drängen. Viele Ideen müssen ihm kommen, wenn er seine Freunde Tony und Gordon besucht.

Auch wenn strukturelle Veränderungen unentbehrlich sind, sollten wir uns nicht irren. Paris wird niemals London sein. In seinem historischen Rahmen wird Paris wenigstens in seinem Zentrum eine der Vergangenheit zugewandte Stadt bleiben, Luxussymbol und lebendig bei einem Tempo in Zeitlupe. Sie wird stets weniger vibrierend und weniger kosmopolitisch sein als London, Hafen einer durchmischten und oft exzentrischen Bevölkerung.

Hoffen wir, dass sich die Architekten des großen Paris‘ darauf verstehen, diese Stimmung zu wahren. Der Hauptstadtfrühling darf weder durch Auslöschung des altmodischen Charme der Hauptstadt noch durch eine blasse Kopie des großen London vonstatten gehen.

Julien de Cruz

Trad.: Matthias Jakob Becker