Das gibt’s nur in Italien

Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 27. Februar 2006

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Chemische Kastration, Kanonen gegen Immigranten und ein Premierminister, der Richter für geistig gestört hält: Unsere Hitliste italienischer Absonderlichkeiten, die den Rest Europas staunen lassen.

1. Kapitän grüßt Führer

Der Fußballspieler Paolo Di Canio, Kapitän von Lazio Rom, bekennt sich am 11. Dezember 2005 beim Spiel gegen AS Rom öffentlich als Faschist, indem er den Arm zum Hitlergruß hebt. Die Mitgliedschaft im italienischen Fußballbund hat ihn das nicht gekostet. Als dagegen der Deutsche Stefan Effenberg bei der WM 1994 in den USA dem Publikum den Mittelfinger entgegenstreckte, wurde er kurzerhand aus der Nationalmannschaft geschmissen.

2. Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Auch italienische Politiker greifen gerne zu Beleidigungen. Wer sich darüber wunderte, dass der französische Innenminister Sarkozy die Aufrührer aus der Banlieue „Abschaum“ nannte, der sollte mal bei einer Feier der Lega Nord vorbeischauen und sich die Auslassungen der Parteimitglieder anhören. Zum Beispiel die von Roberto Calderoli, dem ehemaligen italienischen „Reformminister“. Im letzten September forderte er die Immigranten dazu auf „in die Wüste zurückzukehren, um mit den Kamelen zu reden, oder in den Dschungel, um mit den Affen zu tanzen“. Er musste zurücktreten, weil er ein T-Shirt getragen hatte, das eine der umstrittenen Mohammed-Karrikaturen zeigte.

Überhaupt sind die Politiker der Lega Nord für ihre innovativen Vorschläge bekannt: Sie forderten bereits „chemische Kastration“ für Sexualverbrecher und „Kanonen gegen Immigranten“.

3. Hauptsache, es bleibt in der Familie

„Mit der Mafia und der Camorra muss man leben“. Zitat Pietro Lunardi, italienischer Infrastruktur- und Verkehrsminister.

4. Botswana, Namibia… Italien

Schade nur, dass die Mafia einigen mutigen Leuten das Leben kostete. Wie zum Beispiel den Richter und „Mafia-Jäger“ Paolo Borsellino. Im letzten Interview vor seiner Ermordung sprach er mit zwei französischen Reportern über Marcello Dell’Utri, der rechten Hand Berlusconis. Auch machte er Andeutungen über die Schwarzgelder der Mafia.

Doch dieser Knüller fand keine Abnehmer in der italienischen Fernsehlandschaft. Einzig ein entfernt gelegener Satellitenkanal sendete das Interview weit nach Mitternacht. Kein Zufall, dass die Nichtregierungsorganisation Freedom HouseItalien in punkto Pressefreiheit auf den siebenundsiebzigsten Platz verweist, noch hinter Botswana und Namibia. In Europa ist Italien Vorletzter und wird als einziges Land neben der Türkei als „partly free“, „teilweise frei“ klassiert.

5. Unternehmergeist

Auch das Kapitel „Politik und Rechtsprechung“ ist ergiebig. Um die jurististischen Schwierigkeiten von Premierminister Silivio Berlusconi und einigen seiner Mitstreiter tobt zwischen Rechten und Richtern in Italien ein Kampf, der in Europa seinesgleichen sucht. Unternehmer Berlusconi fährt eine Hasskampagne gegen die Gesetzeshüter, welche sich in Reaktion auf die Beleidigungen immer enger zusammenschließen und sich immer öfter in politische Diskussionen einmischen – bis sie irgendwann einmal selbst Politiker werden. Viele Äußerungen Berlusconis sind geschichtsträchtig. Etwa die folgende, die im Interview mit der englischen Wochenzeitschrift The Spectator fiel: Man müsse schon „geistig gestört“ sein, um die berufliche Laufbahn des Richters einzuschlagen.

6. Ungewöhnliche Kaderschmiede

Politik und Rechtsprechung, Teil 2: Wie viele italienische Parlamentarier sind vorbestraft? Dreiundzwanzig, sei es in Rom oder in Brüssel. Das behauptet zumindest der Komiker Beppe Grillo, dessen Homepage zu den beliebtesten in Italien gehört. Grillo: „Früher musstest du etwas warten, und ein Politiker wurde zum Verbrecher. Heute dagegen wird ein Verbrecher binnen einiger Jahre zum Politiker.“

7. Sanfte Abschreckung

Zugegeben: Der Weg durch die italienischen Gerichte ist lang. So lang sogar, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien schon 276 Urteile angedroht hat, um die Verzögerung der Gerichtsverfahren abzustrafen. Beispiel gefällig? Im Jahr 2001 dauert ein Strafverfahren durchschnittlich 1491 Tage, inklusive Richterwechsel, Vertagungen des Revisionsgerichts etc. Das dürfte wohl Abschreckung genug sein.

8. Verlockende Rechtssprechung

Auch das Thema Steuerhinterziehung ist ein Fall für sich. Jedes Jahr entgehen der italienischen Staatskasse 200 Milliarden Euro, das entspricht 7 % des Bruttoinlandprodukts. Die italienische Rechtssprechung ist einfach zu verlockend: Das Delikt der Bilanzfälschung wurde von der Regierung Berlusconi schlicht und einfach abgeschafft, da es dem Premierminister hätte gefährlich werden können.

9. Dem Kaiser, was des Kaisers ist

Wenn die Gewaltentrennung im Staat verschwindet, reißt sie die Trennung zwischen geistiger Autorität und weltlicher Herrschaft mit in den Abgrund. Im Juni 2005 stimmte Italien über die Aufhebung eines Gesetzes ab, das die künstliche Befruchtung regelt. Dieses Mal wurden allerdings statt den Abgeordneten die Bürger an die Wahlurnen gerufen – zumindest theoretisch. Praktisch wurden die Italiener aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Denn die katholische Kirche hat die Freude an der Politik wiederentdeckt und die Italiener daran erinnert, dass es noch einen anderen Staat auf der Halbinsel gibt: Den Vatikan. Die katholischen Bürger haben dem Appell zur Stimmenthaltung des Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz gehorcht. Resultat: Negativ-Rekord bei der Wahlbeteiligung (25,9 %) und große Befriedigung auf Seiten der Kirche.

10. Amor vincit omnia

Und zu guter Letzt: die südländische Männlichkeit. Können wir uns wenigstens damit trösten? Nein. Der Kondomhersteller Durex veröffentlichte im Jahr 2005 eine Studie, nach der überraschenderweise die Griechen am häufigsten Sex haben, dicht gefolgt von Kroaten und Serben. Und die Italiener? Landen abgeschlagen auf Platz 20.