Das Ende Europas? „The Great European Disaster Movie“

Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2016
Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2016

Ein Sturm zieht auf. Die EU kollabiert. Nationalismus hat sich durchgesetzt. Der Film von Regisseurin Annalisa Piras und dem ehemaligen Economist-Redakteur Bill Emmott, The Great European Disaster Movie, zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft, analysiert aber auch wie wir den unbewussten Gang in eine solche Katastrophe verhindern können. 

The Great European Disaster springt zwischen zwei Ebenen, der Gegenwart und der Zukunft. Wir sehen ein Flugzeug, das seine Bahn durch die dunklen Wolken des zukünftigen Europas zieht. An Bord unterhält sich ein Archäologe (Angus Deayton) mit seiner jungen Nebensitzerin (Flavia Piras Trow). Er erzählt ihr von einem historischen Artefakt. Das Artefakt? Die Europäische Union. Wehmütig schildert unser Archäologe, was die Europäische Union einmal war, wofür sie stand, und wie sie ihrem Untergang entgegensteuerte.

 

In dieser Zukunft regiert der Nationalismus, die EU hat sich aufgelöst. Nigel Farage ist Premierminister von Großbritannien. Marine Le Pen ist Präsidentin von Frankreich. Während sich die beiden Passagiere unterhalten, erfahren wir, dass der Flug ins Ungewisse führt. Deutschland hat mit einer Energiekrise zu kämpfen und akzeptiert plötzlich keine Besucher mehr. Das Flugzeug sucht nach alternativen Landemöglichkeiten, hat jedoch Probleme von den Nachbarländern aufgenommen zu werden. Eine Situation wie in einem Europa vor Schengen, als Reisende strenge Kriterien erfüllen mussten, um die Grenze passieren zu dürfen.

„Wir wollten einen Alptraum der Zukunft skizzieren, einen Alptraum zu dem der Zuschauer einen persönlichen Bezug findet“, erklärt die Regisseurin Annalisa Piras. „Seit 20 Jahren genießen wir innerhalb der EU Bewegungsfreiheit. Aber was wenn diese plötzlich abgeschafft werden würde? Die jüngere Generation mag daran gewöhnt sein, sich frei bewegen zu können, aber das ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Anti-Europa-Bewegungen erzählen uns ständig wie gut wir ohne die EU dran wären, aber sie verschweigen dabei all jene Dinge, die wir verlieren würden. Unsere Idee war es, daraus ein Szenario zu entwickeln und zu zeigen, wie Europa in 20 Jahren aussehen könnte.“

Zurück in die Gegenwart: Experten und Bürger aus ganz Europa sprechen über die aktuelle Krise. In Barcelona leidet die Bevölkerung unter den Einschränkungen der wirtschaftlichen Austerität. In der kleinen britischen Küstenstadt Margarete (Kent) verfolgen wir den Wahlkampf der United Kingdom Independence Party (UKIP). Schließlich berichtet ein kroatischer Fotograf von Nationalismus in seinem Land und den Auswirkungen des Balkan-Konflikts. All dies sind kleine, aber faszinierende Puzzlesteine innerhalb der aktuellen EU-Krise.

Mehr als reine Fiktion...

Der Dokumentarfilm blieb nicht ohne Kritik seitens der Euroskeptiker. Von UKIP als reine EU-Propaganda verschrien, wurde dem Film in einem Artikel des Daily Telegraph Panikmache vorgeworfen. Dabei ist der Film durchaus kritisch. Ja, er steht hinter der Union – ruft aber gleichzeitig auch zu umfassenden Reformen auf!

Sowohl neutrale als auch EU-interne Experten schildern den Umgang mit der Bankenkrise und kritisieren die mangelnde Verantwortungsübernahme, sowie die fehlende Transparenz. Ein ständiges Thema ist außerdem die wachsende Distanz zwischen Brüssel und der europäischen Bevölkerung. Andererseits erinnert der Film aber auch an die Erfolge seit den Anfängen in der Nachkriegszeit und liefert Vorschläge zur Lösung der aktuellen Krise. Fakten und Schaubilder liefern dabei wertvolle Aufklärungsarbeit. So wird zum Beispiel dokumentiert, dass die 2,3 Millionen EU-Bürger im Vereinigten Königreich rund 20 Milliarden Pfund mehr in die Steuerkasse spülen als sie an Sozialhilfe kassieren.      

The Great European Disaster Movie erscheint gerade zum richtigen Zeitpunkt. Nationalistische Parteien wie die spanische Podemos oder die griechische Syriza konnten inzwischen stark an Einfluss gewinnen. Griechenlands wirtschaftliche und politische Zukunft hängt nach wie vor in der Schwebe. Und Großbritannien wird im Laufe des Jahres 2016 voraussichtlich ein Referendum über seine Mitgliedschaft in der EU abhalten. 

Ein neues Bewusstsein schaffen

Mit einer internationalen Tournée, sowie unabhängigen Filmvorführungen, hofft  Regisseurin Piras eine neue Debatte in Gang zu setzen. „Als Autoren und Journalisten können wir nur darauf hoffen, dass der Film zu einem neuen europäischen Bewusstsein beitragen wird. Politiker scheinen dazu nicht in der Lage zu sein. Wir müssen uns also darüber klar werden, was hier auf dem Spiel steht, und dann Druck auf die Politiker ausüben, endlich Lösungen zu finden. Was wir dringend benötigen, ist eine umfassende Debatte darüber, wie wir die EU reformieren und zum Besseren verändern können.“

Diese Debatte hat bereits begonnen. Am 9. Mai, dem offiziellen Europa-Tag, war Annalisa Piras auf Einladung des Young European Movement ins Londoner King's College gekommen, um zusammen mit Anuja Prashar, einer Kandidatin der Liberal Democrats, und dem ehemaligen Minister für Europa-Angelegenheiten Denis MacShane über den Film zu diskutieren. In einem waren sich die Panelteilnehmer einig: Bevor es zu irgendeinem Referendum kommt, ist ein offener und umfassender Dialog nötig.

Der Brexit steht noch lange nicht fest. Die Umfragewerte schwanken. Die letzten Zahlen von YouGov zeigen, dass die britische Unterstützung für einen Verbleib in der Union auf einem Allzeithoch von 45% steht, verglichen mit einem Anteil von lediglich 35%, der sich dagegen aussprach - der größte Vorsprung seit Beginn der YouGov-Umfragen. Annalisa Piras beobachtet den Verlauf der Debatte mit großer Vorsicht:

„Großbritannien ist sehr wichtig für Europa, seine Rolle ist entscheidend. In der Vergangenheit wäre es für die britische Bevölkerung gut gewesen, ausführliche Information über die Vor- und Nachteile eines Austritts zu erhalten. Ich befürchte jedoch, dass immer noch keine ausgewogene Debatte mit stichhaltigen Informationen geführt wird. Es besteht also das Risiko, dass die Briten die Union aufgrund falscher Annahmen verlassen. Dies ist ein entscheidender Moment. Alle europäischen Länder verfolgen die Entwicklungen sehr genau mit. Der Film zielte hauptsächlich auf das britische Publikum ab. Ein britischer Austritt könnte einen Schneeballeffekt auf die EU haben, von dem es kein Zurück gäbe.“  

Während die öffentliche Debatte immer noch von einer simplen Rein-oder-Raus-Logik geprägt wird, bietet The Great European Disaster Movie die Möglichkeit, eine wesentlich vielschichtigere Perspektive zu bekommen. Der Film verdeutlicht die Dringlichkeit, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Er zeigt sowohl was wir bei einem Austritt verlieren würden, als auch was wir bisher gewonnen haben.

Darüber hinaus reflektiert der Dokumentarfilm auch, wie unterschiedlich Europa von außen und von innen wahrgenommen wird. Während die Briten nun über den Austritt abstimmen, riskieren tausende Flüchtlinge ihr Leben, um nach Europa zu kommen. Regisseurin Piras fasst es treffend zusammen: „Wir wollen die Selbstgefälligkeit jener Europäer brechen, die in Europa sind und dies für selbstverständlich halten. Für Andere ist Europa das gelobte Land, wir Europäer dagegen erkennen das nicht, wir können es einfach nicht begreifen.“