Das bewegte Berlin: Verkehrschaos

Artikel veröffentlicht am 9. März 2008
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Artikel veröffentlicht am 9. März 2008
In „Das bewegte Berlin“ nehmen Babel-Autoren rückblickend das Top-Thema der vergangenen Woche in der deutschen Hauptstadt auf. Die Sichtweise ist subjektiv, analytisch, kommentierend aber immer auch informierend. Schreibt uns in Kommentaren eure Meinung zum Thema.

Von Matthias Jekosch

Gitter versperren die Tore zu den Eingängen, die Kioske und Blumenläden im Innern haben die Rolläden heruntergelassen. So sehen derzeit die U-Bahnhöfe in Berlin aus. Seit Mittwoch bestreikt die Gewerkschaft Verdi die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) (zu den Hintergründen siehe Eintrag "Das bewegte Berlin: Der Streik"). Bis mindestens Freitag, den 14. März, bleiben alle U-Bahnen, Busse und Trams in ihren Depots. Lediglich wenige Ersatzbusse fahren alle 30 Minuten auf den Hauptstrecken der Stadt.

Bisher hat die deutsche Hauptstadt den Streik noch gut gemeistert. Auch wenn die Straßen deutlich voller sind – zu ernsthaften Staus kommt es nicht. Durch die Automassen schlängeln sich die Radfahrer. Und andere machen sich kurzerhand zu Fuß auf den Weg, manche kombinieren ihren Fußmarsch mit einer S-Bahn-Fahrt. Die musste nach eigenen Angaben alleine am Donnerstag etwa 500.000 Menschen mehr befördern als sonst.

Gut, hier und da äußert sich die der Berliner mit seiner berühmten „Schnauze“, wenn ein Verkehrsteilnehmer sich nicht so verhält, wie er es will. „Haste keene Augen im Kopf?“ Ansonsten verhält sich die Stadt erstaunlich ruhig. Und auch zwischen BVG und Verdi wird es nicht laut, denn keine Partei weicht von ihrer Position ab. Lautstarkes Austauschen von Argumenten erübrigt sich da.

Sieht immer weniger Verkehr: Tower von Tempelhof.

Tempelhofer Vorteil

Einen offenen Schlagabtausch gibt es dagegen an anderer, verkehrstechnisch nicht ganz uninteressanter, Stelle. Wird der Flughafen Tempelhof wie geplant im Oktober 2008 geschlossen, oder können das die Befürworter des Flughafens durch eine Volksabstimmung noch verhindern? Am 27. April können die Berliner über die Zukunft des Flughafens abstimmen. Erzwungen wurde dies von einer Initiative, die über 200.000 Unterschriften für die Offenhaltung sammelte. Der Berliner Senat hat sich schon lange dafür entschieden, Tempelhof zu Gunsten des für 2011 geplanten Großflughafens Berlin Brandenburg International aufzugeben. Er fürchtet juristische Konsequenzen für dessen Ausbau, sollte Tempelhof tatsächlich offengehalten werden.

Tempelhof ist das zweitgrößte Gebäude der Welt, gleich nach dem amerikanischen Pentagon. Es ist gar nicht so einfach, den geschichtsträchtigen Giganten komplett auszulasten. Konzepte für die Zeit nach dem Linienverkehr reichen von der Ansiedlung der Filmstudios Babelsberg über ein Forum für Kreativwirtschaft bis hin zu einem Gesundheitszentrum für reiche Geschäftsleute. Ob die bisherigen Vorschläge das Gebäude komplette ausnutzen können, scheint zumindest zweifelhaft. Die paar Flüge, die dort heutzutage landen, tun es aber auch schon längst nicht mehr. Keine Spur von bewegteren Zeiten, wie etwa 1948, als die „Rosinenbomber“ im Minutentakt landeten, um das abgeschottete Westberlin mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Heute registriert die Berliner Flughafengesellschaft gerade mal knapp 2.000 Flugbewegungen im Monat. In Tegel landen und starten sechs mal so viele Flugzeuge.

Einen Vorteil hätte ein offener Flughafen Tempelhof definitiv. Beim nächsten Streik könnten Shuttleflüge zwischen den Flughäfen Tegel und Tempelhof oder Schönefeld und Tempelhof angeboten werden. Davon würden nicht nur die Touristen profitieren. Auch Berliner in den Außenbezirken könnten den kurzen Weg durch die Luft nehmen. Bei den heutigen Flugpreisen wäre das die wahrscheinlich billigste Lösung. Und vom innerstädtischen Flughafen aus wäre das Taxi zum Zielort dann auch nicht mehr teuer.