Das absolute Verbot - Abtreibung in Rumänien

Artikel veröffentlicht am 5. April 2016
Artikel veröffentlicht am 5. April 2016

Mit ihrer Forderung nach einem absoluten Abtreibungsverbot ließ die polnische Regierungschefin Beata Szydlo erst kürzlich aufhorchen. Dabei sind die schlechten Erfahrungen mit dem Verbieten von Schwangerschaftsabbrüchen in Europa noch gar nicht so lange her, beispielsweise Rumänien zwischen 1966 und 1989.

Rumänien, 1966: Diktator Nicola Ceaușescu erlässt das Dekret 770, das nach seinem Tod zum geflügelten Wort werden soll: Es verbietet Abtreibungen – Ausnahme sind lediglich Frauen, die über 45 Jahre alt sind oder bereits für vier Kinder sorgen müssen. Gleichzeitig schränkt der Diktator den Verkauf von Verhütungsmitteln massiv ein. Die Idee dahinter ist keine andere als Ceaușescus Vision des „neuen Menschen“: Er will, dass die rumänische Bevölkerung innerhalb von 24 Jahren – also bis 1990 – um 10 Millionen steigt. Eine ganze Generation soll ohne Erinnerung an die Zeit vor dem Staatssozialismus aufwachsen, der neue Mensch in sowjetischer Manier soll kreiert werden. Fast über Nacht werden zahllose Kindergärten und Schulen gebaut.

Zu Beginn scheint das Experiment geglückt: Dekret 770 bewirkt, dass die Geburtenrate innerhalb eines Jahres von weniger als zwei auf mehr als drei Kinder pro Frau steigt – das angepeilte Ziel sind vier Kinder pro Frau. Eine 2013 veröffentlichte Studie zeigt aber die dramatischen Nebenwirkungen dieser Politik auf: Die Sterblichkeit aufgrund von Abtreibungen steigt von anfänglichen 20 pro 100 000 im Jahr 1966 bis zu einem traurigen Höhepunkt von 150 im Jahr 1982. Drei Jahre später wird das Dekret noch einmal verschärft und die Sterblichkeit sinkt kurzzeitig. 1989 ist sie wieder an demselben Punkt angekommen. Die Umsetzung vonseiten der Behörden schaut konkret so aus, dass sogar die Menstruation genau beobachtet wird, um letztendlich jene zu befragen, die nicht schwanger werden. Ärzt_innen, die Abtreibungen durchführen, werden streng bestraft, allzu oft führen Amateur_innen Schwangerschaftsabbrüche durch, sehr häufig mit fatalen Folgen für die Betroffenen.

1989 kommt es in Rumänien zur blutigen Revolution: Ausgerechnet jene Generation, welche die Grundlage für den Ruhm des Landes darstellen sollte, die Kinder des Dekrets, sorgt letztendlich für Ceaușescus Absetzung, Festnahme und Hinrichtung. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen sozialdemokratischen Regierung ist die Aufhebung von Dekret 770. Abtreibung auf Anfrage ist damit legal – und wird sofort in Anspruch genommen: Die Rate der legalen Abtreibungen explodiert förmlich von 20 im ersten Jahr auf über 160 im zweiten, ehe sie schon im dritten Jahr wieder massiv sinkt. Sie ist aber bis heute eine der höchsten in Europa. Offizielle Statistiken gehen davon aus, dass 1990 noch 177,6 Abtreibungen pro 1000 Frauen zwischen 15 und 49 vorgenommen wurden, 2001 waren es noch 34. In Österreich sind es aktuell ca. 14 Schwangerschaftsabbrüche pro 1000 Frauen zwischen 14 und 45 Jahren.

Mehr als 20 Jahre später

Heute ziehen Forscher_innen gleich mehrere Schlüsse aus dem rumänischen Fall: Personen, die abtreiben wollen, lassen sich auch durch restriktive Gesetze nicht davon abhalten. Der Anspruch des Staates auf den schwangeren Körper führt dazu, dass betroffene Personen eigene – wenn notwendig illegale und gefährliche – Mittel und Wege finden, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen, das belegen die Zahlen aus Rumänien eindeutig. Sehr anschaulich zeigt dies auch die Dokumentation „Children of the decree“, der 2004 erschienen ist, sich konkret mit dem Dekret 770 und seinen Auswirkungen auseinandersetzt. Der Film spricht von etwa 11.000 Toten infolge verpfuschter Abtreibungen.

Ähnliches wie in Rumänien lässt sich auch in Albanien beobachten, wo heute geschlechtsselektive Abtreibungen ein zentrales Problem darstellen: Sobald erkenntlich ist, dass es sich bei dem Kind um ein Mädchen handelt, wird abgetrieben. Immer noch werden Mädchen als Last angesehen, während Jungen den Fortbestand der Familie und ihres Namens sichern. In Irland ist das Thema ebenso noch aktuell: Abtreibung ist nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter direkt in Gefahr ist. Betroffene reisen daher in der Regel nach Großbritannien, wenn sie eine Abtreibung vornehmen möchten. Zwischen 4000 und 7000 sind es offiziellen Schätzungen zufolge. In britischen Kliniken gibt es mittlerweile eine breite Palette an Literatur und Empfehlungen konkret für Personen aus dem konservativen Nachbarland.

Fest steht, dass restriktive Abtreibungsverbote – wie sie aktuell etwa neben der polnischen Regierung auch vom US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump gefordert werden – nicht zielführend sind, wenn Gesundheit und Zufriedenheit der Betroffenen an oberster Stelle stehen sollen. Stärker denn je ist der Körper – insbesondere der von Frauen* - heute Kampfzone politischer Auseinandersetzungen. In erster Linie wird so aber das zentrale Recht von Betroffenen auf die Selbstbestimmung über den eigenen Körper unterwandert und ausgehöhlt.