Dark Web: Weder ganz dunkel, noch ganz hell

Artikel veröffentlicht am 2. November 2016
Artikel veröffentlicht am 2. November 2016

Das Dark Web ist für viele ein seltsamer Ort. Es wird oft als Treffpunkt von Kriminellen betrachtet - aufgrund von öffentlich gewordenen Geschichten wie der Silk Road, dem Online-Umschlagplatz für illegale Drogen. Aber es hat auch hellere Stellen als diese Schattenseiten. 

Das Licht im Raum ist gedimmt, mit der Ausnahme von zwei Scheinwerfern, die auf einen runden roten Teppich gerichtet sind, und auf den Mann, der darauf steht. Hinter ihm sorgt ein roter Samtvorhang für theatrale Atmosphäre. Alles so geschaffen, um ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen. Jamie Bartlett ist normal gekleidet und spricht mit einem britischen Akzent, auf witzige und charmante Weise. Seine wild verwuschelten Haare verstecken die Schweißtropfen auf seiner Stirn nur schlecht, während er entschieden über die Bühne läuft und von einer zensurfreien Welt spricht, die von anonymen Usern besucht wird. Bartlett sprach 14 Minuten lang voller Leidenschaft auf dem TEDGlobal London (einem Ableger der weitläufig bekannten TED Talks) vor einem hauptsächlich unwissenden Publikum über eine seiner größten Leidenschaften: das Dark Web.

"Es ist ein natürlicher Ort für all diejenigen, die etwas zu verstecken haben", behauptet er. Bartlett ist einer der weltweit wichtigsten Experten für einen Bereich, den er als "interessantesten und aufregendsten" Ort im Internet bezeichnet. Für ihn sind Dark Web Märkte kreativ, sicher und schwer zu zensieren. "Ich glaube das ist unsere Zukunft", fügt er hinzu, ohne seine Aufregung zu verstecken. Er weist auf Umfragen hin, die nachweisen, dass die Menschen zunehmend darüber besorgt sind, ihre Privatsphäre online zu bewahren und beunruhigt sind, was mit ihren Daten passiert - vor allem nachdem Edward Snowden verbreitete, wie die NSA massenweise Bürger überwacht. Für alle, die sich sorgen, liefert das Dark Web effektive Lösungen. 

Es war nie beliebter und fesselt immer mehr User - von politischen Dissidenten, Journalisten und Aktivisten bis hin zu Waffenschmugglern, Verbreitern von Kinderpornographie und Drogenhändlern. Während die Debatte darüber, ob der versteckte Teil des Internets weiterhin im Schatten bleiben darf oder nicht in vollem Gange ist, kann niemand bestreiten, dass das Dark Web und sein Tor ("The Onion Ruter", Details im nächsten Absatz, Anm. d.Red.) für Millionen von Menschen immer beliebter wird, um online zu kommunizieren. 

Der Beginn des grenzenlosen Internets     

Im Jahr 2004 präsentierte eine Gruppe von Wissenschaftlern, was sie in Kooperation mit der US Navy entwickelt hatten: das Tor Projekt, ein Browser, der es Usern möglich machte, im Internet anonym zu bleiben. Ursprünglich war das Projekt dafür gedacht, Kommunikation zwischen Geheimdiensten so zu verschlüsseln, dass diese nicht an Dritte gelangen konnten. Das sollte erreicht werden, indem die IP Adressen der Nutzer verschlüsselt wurden, und dann weltweit über tausende von anderen Computern laufen, die an das selbe Netzwerk angecshlossen sind. So fügt es weitere Level verschlüsselter Daten hinzu, wie die Lagen einer Zwiebel (daher der Name), bis es unmöglich wird, den Standort und die Identität der Nutzer zu erkennen. 

Aber um die Anonymität auf dem Browser zu garantieren, musste die Navy das Tor-Netzwerk schaffen, um eine große Masse an Nutzern zu haben. Sie ließen zu, dass das System eine Open Source Netzwerk wurde, was bedeutet, dass ihm jeder beitreten kann. So dauerte es nicht lange, bis das Dark Web (auch: Dark Net) sich vergrößerte. 

Inzwischen wird Tor von einer ganzen Ansammlung von Webseiten und Diensten genutzt, die versuchen, ihre IP Adressen zu verstecken. Das macht es sehr kompliziert, Webseiten zu schließen, die in diesem Teil des Internets versteckt sind. So erhalten die Nutzer Anonymität und Freiheit, die sie im regulären Internet nicht haben. Das bedeutet aber auch, dass das Dark Web sowohl für positive als auch negative Ziele genutzt werden kann. Die Daten der NSA, die Edward Snowden veröffentlichte, haben eine Diskussion über Anonymität und Onlinesicherheit der Bürger losgetreten, aber die Behörden sind auch darüber besorgt, wie viel Kriminalität sich in den Tiefen des versteckten Internets findet.

Drogis 2.0

Auf dem Tisch liegt ein gewöhnlicher weißer Briefumschlag. "Das kam aus Polen", erklärt Andre*, etwa Mitte Zwanzig, als er ihn in die Hand nimmt. Darin liegt eine Plastiktasche mit acht Pillen der beliebten psychedelischen Droge LSD. Eine Karte schützt den Inhalt, und erweckt den Eindruck einer normalen Sendung, sodass jeglicher Verdacht darüber ausgeräumt wird, was es wirklich ist - illegaler Drogenschmuggel über Ländergrenzen hinweg. 

Andre ist "Gelegenheits-Drogen-Nehmer" aus dem Süden von Dänemark. Er hat Bitcoins seit 2012 etwa 50 Mal verwendet, immer nur mit dem Ziel, im Dark Web Drogen zu kaufen. Er erinnert sich immer noch an die Zeit, als auf der nun nicht mehr existierenden Webseite Silk Road weniger bekannte Drogen wie das Psychedelikum 2CB "nur £1.40 pro Reise" kosteten.

Drogen online zu kaufen ist einfach. Der Nutzer zahlt den Kauf per Bitcoins. Der Verkäufer verschlüsselt die Adresse des Nutzers und löscht sie, sobald das Päckchen versendet wurde. Selbst wenn die Preise aufgrund der Instabilität der Währung "im Vergleich zu den Ursprungspreisen um das 20-fache gestiegen sind", kann Andre immer noch fast jede Droge kaufen - ganz bequem innerhalb seiner vier Wände. Die quasi-Anonymität, die das System seinen Nutzern bietet macht für sie de Reiz aus. Drogenhändler, die eine tatsächliche physische Interaktion zwischen Käufer und Verkäufer umgehen wollen, greifen auf Bitcoin zurück - die massive Beliebtheit von Silk Road ist ein gutes Beispiel dafür. 

Diese Webseite, die oft auch als Schwarzmarktversion von eBay genannt, nahm schnell eine Monopolstellung ein und wurde zu einem großen online-Drogenumschlagplatz, bevor es im Oktober 2013 vom FBI gestoppt wurde. In der Zwischenzeit haben einige kleinere Webseiten ihren Platz eingenommen. 

Ein weißer Hintergrund, bunte Buchstaben auf dem Logo und sogar ein "I'm feeling lucky"-Feld - die Homepage von "Grams" erscheint bekannt. Aber etwas stimmt nicht ganz: Die Seite lädt dazu ein, das Dark Web zu durchsuchen ("Search the darknet"). Diese Suchmaschine, die nur über den Tor Browser erreicht werden kann, wurde entworfen, um genauso auszusehen wie Google. Aber anstatt der Zeile “Search Google or type URL”, stiftet die Seite dazu an, das Dark Web auf Cannabis zu durchsuchen. Folgt der Nutzer dieser Einladung, erscheinen dutzende von Ergebnissen, die alle zu verschiedenen Webseiten führen. 

Der Drogenmarkt "Valhalla" hat ein cleanes, weißes Design und macht es auch für nicht registrierte Nutzer möglich, Produkte zu kaufen. Ein verkäufer mit dem Namen "Mr. Spain" verkauft 50 Gramm "Amnesia Haze Cannabis Weed" zu einem Äquivalent in Bitcoin von 270€. Alle Transaktionen funktionieren über Bitcoin, die einzige Währung, die es den Käufern erlaubt, mehr oder weniger anonym zu sein. 

Drogen sind nicht die einzige gehandelte Ware auf diesen Marktplätzen. "InvisibleHand" verkauft ein buch mit Erklärungen, wie Güter postalisch durch den Grenzzoll geschmuggelt werden können. Auch Waffen werden breit beworben: Eine Pistole des Typs Glock erhält man für $850 und wer etwas billigeres will, der findet eine 45mm Winchester Magnum, beim Verkäufer "markwhite1" für nur $500 zu haben.

Eine erste Studie über die Dark Web Nutzer, die vom King’s College London durchgeführt wurde, zeigt auf, dass ein Großteil (57%) der Seiten auf Tor kriminelle Aktivitäten erleichtern. Aber selbst die Forscher geben zu, dass sie aufgrund der Art und Weise, wie das System aufgebaut ist, nicht zu allen Materialien Zugang haben. The controversy exists because, according to Jamie Bartlett, “there are more drugs, more available, more easily, to more people” and that worries the authorities, leading them to find strategies to take down the websites and arrest criminals like Ross Ulbricht. Vor einem Jahr wurde der Produzent des Drogenbazars Silk Road zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er vom FBI festgenommen wurde. Folgt man der Studie, dann wird ein großer Teil des Dark Web aber weiterhin für legale und unschuldige Zwecke genutzt. Und das ist der entscheidende Punkt. Denn für manche Menschen ist das Dark Web der einzige Weg um zu Überleben. 

Es gibt ein Licht

"Die Medien entwerfen ihr eigenes Narrativ, indem sie zu Übertreibungen greifen und einen viel zu schmalen Fokus auf Schmuggel und Drogenhandel richten, wie wir im Zusammenhang mit dem Silk Road Skandal erlebt haben", findet Nozomi Hayase. Die japanische Kolumnistin spezialisiert sich auf Meinungsfreiheit, Transparenz und dezentralisierte Bewegungen und glaubt daran, dass die Privatsphäre ein essentieller Teil der Meinungsfreiheit ist. Sie ist der Meinung, dass diejenigen, die an der Macht sind, Angst haben vor Bürgern, die sich gegen Regierungen aussprechen und von ihren grundlegenden Menschenrechten Gebrauch machen. Deshalb hätten Machthaber Angst vor Plattformen wie dem Dark Web, weil es den Menschen die absoulte Freiheit zurückgeben würde, sich zu äußern. Die NSA sei ein Beispiel dafür: Nachdem bekannt wurde, dass die Organisation die fundamentalen Rechte des Einzelnen auf Privatsphäre beschnitt, muss es nun "eine Alternative geben, die diese Rechte gewährleistet." Ein Internet zu entwickeln, dass komplett zensurfreie und vollkommen verschlüsselte Kommunikation ermöglicht wäre eine Option, über die die Privatsphäre mit neuen Technologien verbunden wird, als "grundlegendes Recht für alle."

Bis der Tag kommt, wird das Dark Web weiter existieren.  Julian Assange, der Gründer von WikiLeaks, hatte - wie auch Edward Snowden - über lange Zeit vor der Überwachung gewarnt. Beiden sagte man nach, sie seien paranoid. Inzwischen suchen aber immer mehr Menschen nach Mitteln, ihre Privatsphäre und Sicherheit auch online zu behalten. Dienste im Dark Web werden nicht nur von Kriminellen, sondern auch von Technikexperten genutzt. Journalisten, Menschenrechtler und viele andere lernen so, wie sie unentdeckt im Internet kommunizieren können. 

Das Projektteam von Tor bestätigt dies. Jeder kann den Browser nutzen, um  "research sensitive topics" zu googlen, auch in Ländern, in denen der Zugang zu solchen Informationen, zu Youtube oder zu Facebook über einer Firewall blockiert wird. Daten von Facebook, die im April publiziert wurden, weisen darauf hin, dass im März mehr als eine Million Menschen auf der ganzen Welt das Soziale Netzwerk über den Tor-Browser genutzt haben, und das nur zehn Monate nachdem dieser Dienst den Facebook-Nutzern eingeräumt wurde. 

Wahre Freiheit, aber mit einem Preis 

NGOs erlauben ihren Mitarbeitern, die Webseite der Organisation über den Tor-Server zu erreichen, wenn diese im Ausland leben. So werden sie nicht als Mitarbeiter der Organisationen erkannt. Journalisten verwenden Tor und das Dark Web um sicherer mit Whistleblowern und anonymen Quellen zu kommunizieren. Die Stiftung für Pressefreiheit mit Sitz in San Francisco hat den Secure Drop entwickelt: Ein Dark Web Service, den der Autor und Aktivist Kevin Gallagher als "Whistleblower submission system" bezeichnet. Secure Drop wird inzwischen von 28 Nachrichtenhäusern und Organisationen überall auf der Welt verwendet, darunter der Guardian und die Washington Post.

Mithilfe dieses Systems konnte über einige große Geschichten berichtet werden, die darauf basierten, dass den Journalisten über das System Hinweise gesteckt wurden. "Wir haben heute größere Transparenz, weil solche Seiten existieren", behauptet Gallagher. Tor macht es Journalisten möglich, im Internet bestimmte Themen nachzugehen, ohne einen Hinweis auf die eigene Person zu hinterlassen. Das bedeutet, dass weder die Akteure des Artikels, noch die Regierung oder Dritte den Reporter während seiner Recherche überwachen können. Gallagher glaubt daran, dass das Dark Web nicht ein Ort von Anarchie und Gesetzlosigkeit sein muss. Stattdessen kann es zu einem Ort werden, an dem Menschen "frei sprechen und unzensiert auf Informationen zugreifen können". Selbst wenn es eine dunkle Seite zu diesem Teil des Internets gibt, so ist die Diskussion nicht neu.

Die Gesellschaft musste sich immer Gedanken darüber machen, wie Freiheit und Meinungsfreiheit mit "illegalen Aktivitäten ausbalanciert werden können", findet Gallagher. Den Kriminellen werden sicherlich Fehler unterlaufen, sie werden etwas an die falsche Person richten, Beweise und Zeugen zurücklassen. In einem Interview mit dem Telegraph wurde der Mitbegründer Paul Sylverson des Tor Projekts mit Nachfragen bezüglich der kriminellen Seite des Dark Web konfrontiert. Er antwortete darauf nur, dass die Polizei im letzten Jahrhundert auch unzufrieden war damit, dass die Kriminellen ihnen entwischen konnten, weil sie der Polizei in Autos davon fuhren, die die Polizei noch nicht besaß. Es dauerte einige Zeit, aber die Polizei rüstete nach, und so solle es sich auch im Fall des Dark Web verhalten. Das ist der Preis den wir dafür zahlen, dass Menschen in autoritären Regimen Meinungsfreiheit genießen können.

"Tor zu verwenden kann wortwörtlich über Leben und Tod unterscheiden", erklärte Gallagher. Die Software wird verbessert und wird somit noch einfacher zu verwenden, auch für Menschen auf der ganzen Welt. Immer mehr Menschen greifen darauf zurück, weil jeder etwas zu verstecken haben, oder eine Seite haben, die sie gerne besuchen würden, ohne dabei ertappt zu werden. Die Welt wird immer kleiner, die Kommunikation läuft schneller und die Dienste des Dark Web werden immer beliebter. 

"Das Dark Web ist nicht mehr nur ein Unterschlupf für Drogenhändler und Whistleblower. Es wird immer mehr zum Mainstream", behauptet Jamie Bartlett. Erst letztens veröffentlichte der britische Musiker und Komponist elektronischer Musik Aphex Twin sein neuestes Album auf einer Seite des Dark Web. Eine gruppe von Londoner Architekten eröffnete eine Webseite im Dark Net für Menschen, die sich um Sanierungsprojekte sorgten. Und es gibt sogar den Torist, das erste literarische Magazin des Dark Web, das die Grundkenntnisse der Verschlüsselung erklärt und den Menschen einen anderen Eintrittspunkt ins Internet liefern. Momentan nutzen den Tor Browser täglich zwischen zwei und drei Millionen User, die meisten von ihnen gehen rechtmäßigen Aktivitäten nach. Bertlett prophezeit, dass "schon bald" jede Social Media Firma, jedes größere Medienhaus und die meisten Privatmenschen das Dark Web nutzen werden. "Es ist weder komplett schwarz, noch komplett hell. Weder das eine noch das andere dominiert, sondern beides ist Teil davon."