Dario Ivkovic über Balkan-Musik: Mehr als "Shalala"

Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Artikel veröffentlicht am 6. März 2012
Als Mitglied sowohl der Deutschen Tourneegruppe „Shantel & The Bucovina Club Orkestar“ und der französischen Band „Les Yeux Noirs“ begeistert Dario Ivkovic  mit einer elektrisierenden Bühnenpräsenz. Wir haben den serbischen Akkordeonspieler getroffen. Ein Gespräch über Musiklegenden, Rhythmen vom Balkan und warum er manchmal lieber ein Gitarrist wäre.

cafebabel.com: Dario, seit wann bist du im Musikgeschäft?

Dario Ivkovic: Für mich als Serbe war Musik immer ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Bei uns läuft praktisch den ganzen Tag Musik. In Westeuropa ist das anders. Bevor man auftreten darf, muss man erst etliche Voraussetzungen erfüllen: man soll professionell sein, eine musikalische Ausbildung absolviert und schon  Erfahrung haben.

cafebabel.com: Warum hast du dich für dein Instrument, das Akkordeon, entschieden?

Dario Ivkovic: Mein Onkel in Serbien ist Akkordeonspieler. Seit ich denken kann, bin ich völlig vernarrt in ihn. Er spielte während der großen Ära, den 1980ern in Jugoslawien, auf Hochzeiten. Damals hatten die Leute noch Geld. Ich empfinde tiefen Respekt für den Akkordeonspieler Ljubisa Pavkovic, der bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren Dirigent des serbischen Nationalorchesters war. Ich mag die traditionelle Musik, die er repräsentiert, sehr. In Serbien ist er ein großer Star und als Kind habe ich ihn immer im Fernsehen bewundert. Bis heute habe ich dieses Gefühl nicht vergessen: ergreifende Momente voller Freude. Das war ein weiterer Grund, warum ich mich für das Akkordeon entschieden habe. Meine Mutter hielt mich für verrückt, als ich ihr erzählte, welches Instrument ich erlernen wollte. Vielleicht macht Gitarrespielen mehr Spaß - Frauen haben ja eher eine Schwäche für Gitarristen...

cafebabel.com: Was hat dich noch beeinflusst?

Dario Ivkovic: Ich liebe die Stärke der Balkan-Musik. Das ist nicht nur "shalala": Wenn wir Musik machen, dann machen wir Musik; wenn wir weinen, dann weinen wir. Auch Ungarische Musik gehört zu meinen Favoriten. In Vojvodina, im Norden von Serbien, gibt es viele talentierte Musiker ungarischen Ursprungs, wie beispielsweise Janika Balaž. Er beherrschte die Tamburica [südslawisch/ungarisches Zupfinstrument; A.d.R.] auf eine bemerkenswerte Art und Weise. Ganz nebenbei war er auch noch ein hervorragender Bandleader. Sein Vermächtnis ist uns nach wie vor erhalten. Unter anderem hat er mit dem bewundernswerten Zvonko Bogdan zusammengearbeitet. Aber auch Mazedonien hat ausgezeichnete Musiker wie beispielsweise den Roma-Saxofonisten Ferus Mustafov. Ich kenne ihn persönlich - dank unserer vielen Tourneen kreuzen sich unsere Wege immer wieder. Im Allgemeinen bevorzuge ich die eher traditionelle rumänische Musik, da ich auf der Suche nach Menschen mit ausgeprägtem Charakter bin.

cafebabel.com: Wie sieht es mit anderen Genres aus?

Dario Ivkovic: Ich liebe Swing, ganz besonders den französischen Swing der 1930er Jahre: Stéphane Grappelli,Tony Murena, Gus Viseur… Jazz ist zu kompliziert. Ich mag eher "verständliche" Musik, zu der man tanzen möchte.

cafebabel.com: An welchen Projekten arbeitest du momentan?

Dario Ivkovic: Die Hälfte des Jahres bin ich mit dem deutschen DJ Shantel und dem Bucovina Club Orkestar auf unserer Balkan Party Tour. Wir treten hunderte von Malen im Jahr zusammen auf. Ich spiele auch bei Les Yeux Noirs, einer Band aus Paris. Sie kombinieren osteuropäische und jüdische Musik auf eine frische und moderne Art und Weise. Zugegeben, sie sind nicht ganz so pop wie Shantel; wir haben mehr Text und mehr Tiefe.

Mit der französischen Band Les Yeux Noirs

Ich liebe unterschiedliche Situationen: Manchmal trete ich noch auf Hochzeiten auf, ab und zu spiele ich im Kabarett und gelegentlich in Bars. Im letzten Jahr hatte ich einen unvergesslichen Abend mit dem ungarischen Musiker Kálmán Balogh. Ich genieße die grandiose Stimmung, wenn der Zigeuner vor meinem Tisch spielt und nicht auf der Bühne. Es ist so authentisch.

cafebabel.com: Wie hast Du Shantel getroffen und bist ein Mitglied vom Bucovina Club Orkestar geworden?

Dario Ivkovic: Als Stefan Hantel [der echt Name von Shantel; A.d.R.] dieses Projekt nach seiner Zeit als Electro-DJ startete, wollte er eine "Balkan Party Night" für Deutsche auf die Beine stellen. Er kam vor ungefähr sechs Jahren in Paris auf mich zu und schlug mir eine kurze Tour vor. Ich sollte zu Anfang und er später am Abend spielen. Nach einer Weile hat er mich dann eingeladen, mit ihm im Studio zu arbeiten.

cafebabel.com: Du führst ein kosmopolitisches Leben. Wie beeinflusst das deine Identität?

Dario Ivkovic: Wenn ich in Serbien bin, sagen die Leute: ‚Ah, der Franzose und in Frankreich bin ich der "serbische Typ". Aber das stört mich nicht. Ich kenne zwei unterschiedliche Kulturen: Ich bin mir der Mentalität und der Gewohnheiten beider Nationen bewusst. Ich picke mir das Beste aus beiden heraus und lasse es in meiner Person miteinander verschmelzen.

cafebabel.com: Welche Dinge sind dir wichtig?

Dario Ivkovic: Alle meine Freunde sind Musiker. Wir sind von der Musik besessen und reden ununterbrochen darüber. Ich weiß weder, wer der erste Präsident Frankreichs war, noch wer der erste serbische Präsident war. Aber ich kann Dir alles über das letzte Album von Ivo Papazov sagen.

Manchmal auch in Denkerpose

cafebabel.com: Glaubst du, dass deine Musik in Südosteuropa besser ankommt?

Dario Ivkovic: Die Show umfasst hauptsächlich serbische und mazedonische Stücke, mit einigen Liedern aus Griechenland und anderen Balkanländern. Es macht Spaß zu sehen, dass die Leute einfach gar nicht anders können, als zu tanzen und zu den Balkan-Klängen abzufeiern. Auf der anderen Seite ist es schon merkwürdig, dass niemand mal tiefer einsteigt: Niemand interessiert sich für die Wurzeln dieser Songs. Sie bleiben auf dem Level der Pop-Verblendung. Im westlichen Europa wird die Musik des Bucovina Club Orkestar als exotisch angesehen, aber für mich sind diese Rhythmen einfach nur natürlich. Es ist traurig, dass europäische Kulturen sich einerseits relativ nahe stehen und trotzdem weit voneinander entfernt sind.

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Illustrationen: Großes Foto und Ivkovic mit Les Yeux Noirs in St Albert, Kanada 2009: ©mit freundlicher Genehmigung von Dave Bowring/ lesyeuxnoirs.ne; Im Text: Dario Ivkovic ©Ria Puskás