Darf man Madness kritisieren? „Oui oui si si ja ja da da“

Artikel veröffentlicht am 13. November 2012
Artikel veröffentlicht am 13. November 2012
Ob bei einer Party oder im Radio: Um Madness kommt man nicht herum. Die legendäre britische Band, die seit 1976 auf europäischen Bühnen steht, hat mit Oui oui si si ja ja da da (Oktober 2012, Embassy of Music) ihr zehntes Studioalbum herausgebracht. Das letzte Album der Erfinder des Ska-Pop, The Liberty of Norton Folgate (2009), machte nur wenig von sich reden.
An Rente denken die „rude boys“ aber trotzdem nicht. Unsere italienisch-deutsche Plattenkritik versucht zu Madness zu tanzen – mit ungewissem Ausgang.

Federico: Endlich muss ich mal nicht die Nervensäge vom Dienst spielen! Mit dem neuen Madness-Album können wir jetzt endlich anfangen, von echter Musik zu reden. Madness sind sieben wahre Multi-Instrumentalisten, die Ska-Geschichte geschrieben haben! Deutlicher geht es kaum: eine Stimme, die niemanden kalt lässt, umwerfende und manchmal sogar überwältigende musikalische Arrangements mit Trompete und Saxofon... War ja auch Zeit! Ich habe die Nase von Minimalismus gestrichen voll. Noch dazu ein toller Rhythmus. Man hat den Eindruck, dass die Typen noch Spaß haben, wenn sie gute Musik machen. Respekt!

Oui oui si si ja ja da da

Katharina: Ja, Madness sind echte Veteranen ihres Genres. Da hast du sicher recht. Unmöglich an ihrer Single „Our house“ vorbeizukommen, wenn man in Deutschland Radio hört. Aber ich komme einfach nicht über dieses ungute Gefühl hinweg, dass sich mit den altbackenen Chorgesängen am Anfang einstellt: „Oui, oui, si, si, ja, ja, da, da“ - als ob sich Madness acht Mal und in vier Sprachen überreden müsse, dann doch noch ein zehntes Album zu produzieren.

Federico: Im Ernst? Für dich ist es also altmodisch, wenn eine Band in Anzug und Krawatte und Sonnenbrillen bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London und auf dem Dach des Buckingham Palace spielt? Ich würde das eher guten Stil nennen! Ist doch super, dass sie nach dreißig Jahren Karriere immer noch Lust haben, Musik zu machen und ein Album unter ihrem eigenen Label zu produzieren. Schließlich haben sie ja den „Ska für alle“ und mit dem „nutty sound“ von „One step beyond“ (1979) ihren ganz eigenen Sound erfunden. Du hast ja keine Ahnung, wie viele Gruppen das inspiriert hat! Allein in Italien sind das Tausende. Ich verstehe echt nicht, warum sie aufhören sollten. Nur damit du Ruhe gibst?

Katharina: Mich inspiriert ihre Musik eher zu einem Bier beim Volksfest. Ich respektiere die Jungs aus Camden Town, schließlich haben sie Musikgeschichte geschrieben und durften diesen Sommer sogar vor der Queen auftreten. Aber mal ehrlich: Wenn ich mir „Misery“ anhöre (der Songtitel sagt schon alles!) und die Augen schließe, reise ich in Gedanken eher nach München: Man meint fast, beim Oktoberfest gelandet zu sein, inmitten betrunkener Deutscher, die auf den Bänken schunkeln. Das sind nicht die gleichen Madness wie die von „Our house“!

Federico: Meiner Meinung nach erschließt sich die Musik von Madness vor allem auf der Bühne und nicht in Albumform. Du hörst ja auch keinen Ska beim Kaffeekranz! Neulich habe ich den besten Song des Albums, „Leon“, bei einer Party aufgelegt und alle waren begeistert! Und die Live-Videos... mal im Ernst, die sind grandios! Das soll jetzt aber nicht heißen, dass mir das ganze Album gefällt. Ich finde es besser, wenn sie soundtechnisch in England bleiben und nicht nach Mexiko reisen.

Katharina: Aha, dann sind wir uns also einig: Der Song „La Luna“ - das ist wie Madness mit Sombrero, das macht einfach keinen Sinn. „Leon“ oder „My girl 2“ kommen aus London, und das sind dann auch die Songs, die gut funktionieren. Aber sobald sie uns mit auf Reisen nehmen, klingt das sofort schräg. Warum immer diese Weltmusik-Schiene um jeden Preis? Für mich sind es komischerweise die Balladen „Small World“ und „Powder Blue“ - letztere erinnert deutlich an David Bowie - die ins Ohr gehen. Aber zum Tanzen? „So alive“ (ein definitiv irreführender Titel) erinnert mich eher an den rhythmischen Morgenkreis im Altersheim. Tut mir leid, aber die Zeit ist nicht spurlos an Madness vorbeigegangen...

Federico: Denk halt was du willst, aber ich sag nur eins: Eine Gruppe, die sich ihr Albumcover von Peter Blake zeichnen lässt, der auch schon das Cover der Sgt Pepper's Lonely Hearts Club Band der Beatles gestaltet hat und einer der größten lebenden britischen Künstler ist, kann nichts für Rentner sein. Und noch was! Ich verehre Madness noch mehr, weil ich sie eigentlich kaum kannte und denke, dass sie sich überhaupt nicht ums Marketing ihrer Gruppe scheren. Trotzdem ist ihr neues Album direkt nach seinem Erscheinen in England in die Top 10 aufgestiegen.

Katharina: Ein paar Mixturen sind tatsächlich witzig, wie zum Beispiel Ska in Kombination mit Beethoven oder der Hochzeitsmarsch in Reggae-Rhythmen. Ich gebe zu - das ist abgefahren. Aber der Song, der sich aus dem Album wirklich hervortut, fasst gleichzeitig am Besten die Gesamttendenz zusammen: „Death of a Rude Boy“. Spätestens beim letzten Titel des Albums, wenn der Chor erneut losschmettert, habe ich eigentlich nur noch eins gedacht: „Non, non, no, no, nein, nein, niet, niet.“

Madness auf Tour: 13. November im Studio SFR (Paris); 14. und 22. Dezember in der O2 Arena (London).

Illustrationen: Teaserbild ©Fede&Katha; Im Text ©Offizielle Facebook-Seite von Madness; Videos "One Step Beyond" (cc)mokiat/YouTube, "Our House" (cc)xoxGeordie66xox/YouTube