Daniel Riot: "Europa, diese Nervensäge!"

Artikel veröffentlicht am 3. März 2009
Artikel veröffentlicht am 3. März 2009

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Ein überzeugter Europäer und Freund von cafebabel.com ist am 28. Februar seiner Krankheit erlegen. Sich selbst bezeichnete Riot als absolute Nervensäge. Schon als Kind war er in den Europa-Zaubertrank gefallen und verteilte seitdem Spitzen an Politiker und besonders gern an Journalisten. Hommage.

In der Journalistencafeteria des Europaparlaments erzählt Daniel Riot von seinem Europa. Vom Europa, das er hat wachsen sehen und das er auch den kommenden Generationen näher bringen möchte. Einem großzügigen Europa, das tief mit den Menschenrechten und dem gegenseitigen Respekt unter den Völkern verwurzelt ist. "Ich bin kein EU-Nationalist!" wiederholt der ehemalige Journalist und ewige Verfechter Europas.

Um nachvollziehen zu können, warum ihm Europa so wichtig ist, muss man weit in seine Kindheit zurückgehen. "Ich war noch sehr jung als ich anfing, mich für Europa zu begeistern", erzählt er. "Als Kind war ich geradezu besessen von einem schon ziemlich vergilbten Schwarz-Weiß-Foto und zwei Medaillen. Es handelte sich um ein Foto meines Großvaters, den ich nie kennen gelernt habe, da er kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges gestorben ist. Ich habe mich immer gefragt, warum dieser Bauer aus Franche Comté in den Krieg gezogen ist, um sich wie so viele andere von deutschen Bauern jenseits der Grenze töten zu lassen."

Mithilfe Europas gegen den Krieg

Seither hat Europa ihn nie losgelassen. Daniel Riot, der sich durch diese indirekte Kriegserfahrung für den Melting Pot aus unterschiedlichen Kulturen geöffnet hat, ist mit der Überzeugung groß geworden, dass ein gemeinsames Europa zu Frieden führen wird. "Nach und nach ist mir klar geworden, dass der Aufbau Europas das einzige Projekt ist, für das ich mich als Bürger aktiv einsetzen kann. Es ist das schönste politische Abenteuer, das ein junger Europäer erleben kann. Ich habe das Konzept der Grenzen nie wirklich verstanden."

Doch selbst mit derartig tief verwurzelten Überzeugungen muss man wachsam bleiben: "Der Frieden ist wunderbar, aber leider nicht unumkehrbar. Man muss ihn ständig stärken und festigen", fährt Daniel Riot weiter fort. Für ihn ist Europa ein Garant für ein beständiges Friedensideal. "Europa verhindert, dass wir nur unser eigenes Süpplein kochen und uns in unser Schneckenhaus zurückziehen." Und genau darum geht es: "Wir dürfen uns nicht allein auf die Europäische Union beschränken. Ich spreche immer mehr von einer 'Eurosphäre'", erklärt Daniel Riot. "Es geht um das kulturelle Europa, zunächst um das Europa des Europarats und dann um das Europa der Mittelmeerunion, das sich auf Werte wie die Menschenrechte stützt und das die Demokratie als Wertmaßstab und nicht mehr als Entscheidung der Eliten versteht."

Europa in den Medien

Daniel Riot bedauert, dass die französischen Medien so wenig Interesse für europäische Fragen aufbringen. Mit einem Hauch von Wehmut erinnert er sich daran, wie schwierig es war, das Thema Europa in die Medienwelt zu integrieren: "Drei Jahre lang habe ich die europäische Redaktion von France3 geleitet und wie verrückt dafür gekämpft, die Programme 'europäischer' zu gestalten und europäische Magazine einzuführen. Heute merke ich, dass meine Bemühungen vergeblich waren! In Frankreich werden die Journalisten nicht mehr ausgebildet, sondern man formt sie sich gewissermaßen zurecht, und da spielt Europa keine Rolle."

Davor war Riot Chefredakteur und Herausgeber der wichtigsten elsässischen Tageszeitung Dernières nouvelles d’Alsace und auch dort wurde er von dem Wunsch getrieben, die Informationsbranche stärker international auszurichten. "1970 habe ich eine Europaseite in der Zeitung eingeführt. Jeden Tag haben wir Nachrichten von unseren Korrespondenten aus allen europäischen Städten erhalten, um zu erfahren, was bei unseren Nachbarn los ist. Europa besteht nicht nur aus Brüssel!"

Rügen für die Politiker

In diesem frostigen Medienklima sind die Politiker die Hauptschuldigen: "Die unterschiedlichen Staaten und politischen Entscheidungsträger waren von Anfang an Europa gegenüber misstrauisch, da es ihre Macht einschränkte", schimpft Daniel Riot. Europa muss allzu oft als Sündenbock herhalten. "Wenn wir vom EU-Haushalt sprechen und diesen als Belastung anstatt als Investition betrachten, so ist das skandalös! Wenn man ständig Europa und die Europäische Union durcheinanderbringt, so ist das skandalös! Wenn man von den Eurokraten spricht, obwohl es doch weniger europäische Amtsträger als Beamte in Städten wie Paris oder Lyon gibt, so ist das ungeheuerlich!“

Daniel Riot zufolge herrscht in der französischen Politik eine Art "demokratische Inkompetenz", die vor allem während der französischen Munizipalwahlen im letzten März deutlich wurde. Es gab zu viele "Kandidaten, die nicht in einer europäischen Dimension denken!" beobachtet er. Denn Europa macht gegenseitiges Verständnis und den Austausch effizienter Methoden möglich: "Die Öffnung Europas ist unabdingbar."

Ruhestand im Internet

Daniel Riot hat noch viel zu sagen. Das lässt er sich nicht nehmen. Nachdem er den alten Kontinent bis in die letzten Winkel bereist hat, möchte Riot auch nach seinem Ruhestand weiterhin über Europa sprechen. „Als ich gesehen habe, wie viele Blogs es im Internet gibt, habe ich mein eigenes ins Leben gerufen.“ Seit 2004 gibt es Riots Blog Relatio nun bereits im Internet.

Der Name des Blogs, den er einer Zeitung entnommen hatte, die 1605 in Straßburg herausgegeben wurde ("dreißig Jahre vor der Gazette de Renaudot!") möchte mit einem Augenzwinkern auf die Geschichte verweisen. Relatio première version war eine Zeitung, die von Johann Carolus, einem Straßburger Drucker, herausgegeben wurde. Er erhielt Nachrichten aus London, Italien, Deutschland und schrieb somit eine "echte europäische Zeitung".

Sein Ziel ist folgendes: Riot möchte den "Lücken“ einer kriselnden Presse abhelfen. Die Eurosphäre im Internet sei reine Nebensächlichkeit! In Relatio sieht er "ein Onlinemagazin, das sowohl Nachrichten und ein Maximum an Informationen über Europa im Allgemeinen - nicht nur über die EU - als auch vertiefende Analysen bietet." Ein aktiver Vorgang: "Ich möchte eine persönliche Note in den kreativen Journalismus einbringen." Politisch ausgeglichen, multigenerationell und interdisziplinär - Relatio oder ein "Scheit in diesem großen Holzfeuer der europäischen Berichterstattung".

*Daniel Riot und Sandrine Kauffer: L'Europe, cette emmerdeuse (Europa diese Nervensäge); Editions La City, Mai 2008.