Cœur de Pirate: "Ich dachte erst, Musik wäre nichts für normale Menschen"

Artikel veröffentlicht am 24. September 2010
Artikel veröffentlicht am 24. September 2010
Entdeckt wurde die 19-jährige Béatrice Martin, nachdem sie einige ihrer Songs auf Myspace in Québec gestellt hatte. Im Handumdrehen veröffentlicht die Kanadierin 2008 ihr erstes Album und erobert seitdem kontinuierlich neues Terrain in Frankreich und Europa. Interview.

Warum der Name Cœur de Pirate (Piratenherz)?

Dafür gibt es nicht wirklich einen Grund. « Cœur de Pirate » steht sowohl für die rebellische als auch für die romantische Seite unserer Erlebnisse in Kindheit und Jugend. Ich finde, das passt gut ins Konzept. Aber vor allem wollte ich meinen bürgerlichen Namen - Béatrice Martin - loswerden.

Wie sahen deine ersten Schritte im Musik-Business aus?

Ich hatte nicht mit diesem Erfolg gerechnet, als ich damit begann in meinem Zimmer Lieder zu schreiben. Es war eine Art persönliche Therapie, um einen Schlussstrich unter meine Jugend zu ziehen, die ich habe nicht unbedingt ausgelebt habe. Das hat mir sehr geholfen gewisse Situationen zu analysieren. Wenn ich Lieder schreibe (zum Beispiel für dieses Album) sind diese meist Ausdruck von idealistischen Bildern, die wir von Beziehungen, Liebe und Freundschaft haben. Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, glaubst Du, dass du aus diesem Tief nie wieder herauskommst, weil du viel zu viel Musik hörst, die dir vermittelt, dass du nie wieder herauskommst. Aber das ist falsch. Später dann habe ich meine Lieder einfach auf Myspace gestellt und eine Plattenfirma ist auf mich aufmerksam geworden. Die haben mich gefragt, ob ich Demos habe. Ich habe « ja » gesagt. Doch das war gelogen. Binnen zwei Wochen habe ich dann ganz viele Lieder aufgenommen und sie an die Plattenfirma geschickt. Reaktion: « Ja okay, da ist was draus zu machen ». Seither habe ich meine erste Platte herausgebracht und alles läuft wie geschmiert.

Du hast sehr früh mit der Musik angefangen. Haben deine Eltern dich dazu angeregt?

Meine Mutter ist Pianistin. Für sie war es wichtig ihren Kindern ihre musikalische Ader zu vermitteln, auch wenn wir noch sehr jung waren. Und sie hatte recht damit. Es hat prima funktioniert.

Zu welchem Zeitpunkt hat es klick gemacht und du wusstest, dass du aus der Musik deinen Beruf machen willst?

Da gab es keinen speziellen Moment. Ich dachte zunächst, Musik wäre nichts für normale Menschen. Als man mir vorgeschlagen hat eine Platte aufzunehmen, habe ich mir gedacht « okay, vielleicht werde ich 500 Alben verkaufen, vielleicht werde ich ein paar Konzerte in kleinen Sälen oder Bars in Montréal spielen. Das wird cool! ». Schlussendlich hat das aber viel größere Ausmaße angenommen.

Eine Karriere zunächst in Québec zu starten und dann das Ganze in Frankreich nochmal durchzuziehen, ist das nicht doppelt anstrengend?

[Lachen] Nein, alles hat sehr gut geklappt, sowohl in Québec als auch in Frankreich. Aber die Situationen waren von Grund auf verschieden. In Frankreich zum Beispiel war mein Titel « Comme des enfants » [Wie Kinder; A.d.R.] schnell ein großer Hit, in Québec gar nicht. Das war schon ein emotionaler Schock für mich, als mein allererster Song plötzlich auf allen französischen Radiosendern und auf Hit-Compilations zu hören war. Und dann wurde ich auch noch direkt in die Sendung « Taratata » [die bekannteste Musik- und Talent-Scout Sendung im frz. Fernsehen; A.d.R.] und zu den französischen Mittagsnachrichten eingeladen. Ich war Nummer eins auf I-Tunes. Der mediale Hype in Frankreich war viel intensiver als bei mir zu Hause. In Québec funktioniert vieles noch über Mundpropaganda.

Hast du überhaupt noch Zeit Lieder zu komponieren?

Ich schreibe die ganze Zeit, weil ich meine Spontanität nicht verlieren will. Natürlich werde ich nicht morgen schon das nächste Album herausbringen, aber in eineinhalb oder zwei Jahren.

Wie findest du die Inspiration zum Schreiben?

Es muss immer etwas Schlimmes passieren! Im Moment bin ich eher glücklich, was das Texten viel schwieriger macht. Aber ich erinnere mich an Erfahrungen aus der Vergangenheit zurück, die nicht immer so gut gelaufen sind. Das hilft! Meine ersten beiden Songs waren auf Englisch und « Comme des enfants » auf Französisch. Die Melodie kam mir in den Sinn, als ich aus der Dusche stieg. Ich sang vor mich hin und dachte mir: « Wow, cool. Du kannst Lieder komponieren! » Ich habe es dann per Handy aufgenommen, bin zum Klavier gerannt und habe alles aufgeschrieben. Danach habe ich getextet und das war's.

Du hast gesagt, dass es in Québec einen Gegensatz zwischen der frankophonen und der anglophonen Szene gibt. Wo befindest du dich darin?

Ok. Das ist etwas schwierig für mich. Ich habe mich dafür entschieden auf Französisch zu schreiben, da ich der Meinung bin, dass Französisch langsam verschwindet. Es gibt Leute, die sich besser auf Englisch ausdrücken. Umso besser, ok, cool! Aber wenn man auf Französisch schreiben kann, sehe ich keinen Grund, warum man es nicht tun sollte. Man hat viel Glück, wenn man in Québec auf Französisch singt: die Medien unterstützen dich, das ist großartig. Alle Québecois sprechen Französisch, das gibt dir ein Gefühl der Zugehörigkeit. Ich wollte auf Französisch singen, weil ich mich darin besser ausdrücken kann und weil es eine der romantischsten Sprachen ist, die ich kenne.

Die Musik und das Texten sind dir wichtig, ist die Bühne zweitrangig?

Die Bühne ist sehr wichtig. Ich kann nicht ohne sie. Am Anfang war das extrem schwer für mich, da ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte. Die Bühne ist etwas, das man langsam aber sicher für sich erobert. Doch auch heute passieren mir noch Pannen. Manchmal mache ich Scherze und das Publikum findet sie überhaupt nicht komisch... auch in Québec. Eigentlich überall. Aber das macht nichts. Man macht weiter, gibt nicht auf. Eines Tages werde ich wie -M-, wie Mathieu Chedid [französischer Sänger, der unter dem Namen -M- auftritt; A.d.R.) sein.

Macht dir die Hektik um dich herum Angst?

Ja, vor allem wenn du dich auf der Titelseite von « Voici » [französisches Boulevard-Magazin; A.d.R.] wiederfindest. Das macht mir Angst! Gestern noch das stinknormale Mädchen am Gymnasium, als Teenager nur wenige Freunde - und plötzlich thront mein Gesicht auf einem Hochglanzmagazin. Die Leute erkennen mich auf der Straße und sprechen mich an. Das macht Angst, aber ich versuche damit umzugehen. Ich versuche mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu bleiben und zugegeben - ein bisschen Spaß macht es ja auch. Ich bin noch keine Berühmtheit. Wenn ich irgendwann so bin wie Patrick Bruel [französischer Sänger und Schauspieler; A.d.R.], dann bin ich eine Berühmtheit. Aber im Moment bin ich ganz normal. Ich mache Musik, ich arbeite, wie viele andere Leute.

Cœur de Pirate geht ab März wieder in Europa (Frankreich, Schweiz, Belgien) auf Tour.

[Artikel ursprünglich veröffentlicht am 12. Jan 2010]

Fotos: ©myspace.com/coeurdepirate