Cornershop: Metal, Musik-Download und Minarette

Artikel veröffentlicht am 11. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 11. Dezember 2009
Die Indieband Cornershop aus dem Norden von England spricht mit cafebabel.com über Schweizer Minarette, Metal und die kostengünstige Variante ihres Comeback-Albums.

“Wir möchten, dass die EU härter gegen manche Metal-Musiker durchgreift”, meint Tjinder Singh trocken, während er in der Lounge des Pariser Clubs La Maroquinerie relaxt. Schwebt dem Frontsänger von Cornershop dabei eine bestimmte Metal-Band vor? “Alles was irgendwie von Metallica beeinflusst wird,” sagt er, “alles, was auch nur ansatzweise von Metallica beeinflusst wird, ist scheiße”.

Das britische Viergespann kann man keineswegs musikalischer Monotonie bezichtigen. Seit sich Cornershop vor über 17 Jahren im britischen Leicester zusammenfanden, haben sie eine einzigartige Mischung aus Indie, Elektro, Funk und asiatischen Klängen zusammengebraut, die ihnen kontinuierliche Popularität einbrachte. Von der legendären Single „Brimful of Asha“ aus dem Jahr 1997, die sie in England durchstarten ließ, bis zur Nike-Werbung im Jahr 2008, deren Jingle „Candyman“ in allen Ohren war, hat Cornershop konstant eine zeitgenössische Note beibehalten. “Jedesmal, wenn wir einen Titel produzieren, versuchen wir unseren nächsten Titel anders zu machen; jeden neuen Song mit einem frischen Blick anzugehen”, erklärt Tjinder. “Wir haben eine lange Zeit durchgehalten, nicht nur aufgrund unseres Namens oder unseres Image. Sondern weil unsere Musik sich immer mit der Zeit verändert - wohingegen Metal einfach nur Metal bleibt.”

Eine verantwortliche Download-Kultur schaffen

Judy Sucks a Lemon For Breakfast erschien diesen Sommer und ist das erste Album der Band in sieben Jahren. Nachdem Cornershop eine Auszeit genommen haben, um mehr Zeit mit ihren Familien zu verbringen, in ihrem eigenen Tempo Songs aufzunehmen und das Leben im allgemeinen zu genießen, hat sie die Musikindustrie zurück - aber mit dem Vorteil der nachträglichen Einsicht. “Als wir in den neunziger Jahren spielten, gab es so viele verschiedene Elemente in der Popmusikszene. Jetzt gibt es nur ein paar Grundkategorien: weiße Indie-Gitarrenmusik oder schwarzen R&B.

Phänomene wie X-Factor (das britische Pendant zu Deutschland sucht den Superstar; A.d.R.) haben schreckliche Folgen auf die Musikwahrnehmung der Leute. Derartige Sendungen stehen für den Mix aus Verkauf und Fernseh-Marketing, zu dem Pop heute geworden ist. Der Gewinner der Sendung klettert an die Spitze der Charts - jedesmal! So einfach geht das. Es ist immer dieselbe Formel: Enormer Popularitätszuwachs bedeutet viel Gewinn.”

Anstatt sich von einem Unternehmen mit bekanntem Namen unter Vertrag nehmen zu lassen, hat die Band ihr Album unabhängig über ihre Webseite veröffentlicht. “Wir haben die heutige Musikindustrie gründlich unter die Lupe genommen. Es schien anders einfach keinen Sinn zu machen,” fügt Gitarrist Ben Ayres hinzu. “Unternehmen wollen kontrollieren, was du tust, und außerdem einen großen Anteil des Gewinns für sich selbst verbuchen. Oftmals bringen sie dir sogar Schulden ein. Es geht darum, die Kontrolle darüber zu behalten, was man macht.” Die digitale Revolution mit offenen Armen zu empfangen war ein Risiko. Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt - das Album wurde seit seinem Erscheinen im Sommer von der Kritik gelobt. Der Observer Music Monthly schrieb, dass Cornershop nach 17 Jahren Aufregung und Innovation immer noch eine von Englands größten Bands sei.

Wenn die Situation so bleibt, können Musiker auch gleich den Leuten auf der Straße ihre Kreditkarten in die Hand drücken.

Cornershop sind sich sicher, dass sie durch den Direktvertrieb ihres Albums über das Netz - Kostenpunkt 8 Euro 83 - zur Schaffung einer neuen, verantwortungsvollen Download-Kultur beitragen, die den Dateienaustausch über das Internet erlaubt, aber sicherstellt, dass Dritte nicht davon profitieren während die Künstler das Nachsehen haben. “Wir hatten hunderte von illegalen Downloads”, sagt Ben. “Allein eine File Share Adresse hatte so um die 147.000 Zugriffe. Das bedeutet einen großen Verlust für uns. Raubkopieren kann super sein, um neue Bands bekannt zu machen. Aber wenn die Situation so bleibt, können Musiker auch gleich den Leuten auf der Straße ihre Kreditkarten in die Hand drücken.”

Tjinder ist skeptisch in Bezug auf die neuen EU-Maßnahmen, um das Urheberrechtsproblem in den Griff zu bekommen. “Viele Regierungen denken, es sei nicht ihr Problem und versuchen es mit Ignoranz. Sie sollten nicht nur versuchen, Verbrechen einzudämmen, sondern sie müssen einsehen, dass eine neue Einstellung gegenüber digitaler Musik her muss.”

Musik als politisches Sprachrohr

Vor ein paar Tagen hatte die Band einen Auftritt in der Schweiz. “Als unser Lieblingsveranstaltungsort muss einfach Fribourg genannt werden. Wir spielten in einem Club namens Le Fri-son. Alle waren freundlich und haben uns unglaublich gutes Essen gekocht. Das ist keinesfalls die Regel.” Aber was halten sie von dem kürzlich votierten Verbot für Neubauten von Minaretten? Schließlich waren Cornershop während des umstrittenen Referendums live vor Ort. “Es überrascht mich”, sagt Ben und sieht bestürzt aus. “Ich halte die Schweiz für ein sehr liberales Land, tatsächlich scheint sie für andere Länder oft eine Vorreiterrolle zu spielen.” Tjinder führt das Ergebnis auf ein globales politisches Klima zurück. “Es hat in den letzten Jahren viel Rechtsextremismus gegeben, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in England. Seit England in einen Krieg verwickelt ist und sich in einer weltweit wütenden Rezession befindet, sind derlei Negativ-Gefühle unvermeidlich.

Cornershop stemmt jedoch gegen dieses Gefühl. Wir scheuen sicherlich nicht davor zurück, unsere politische Meinung zu äußern. Musiksollte als Sprachrohr verwendet werden, um einer politischen Stimme Gehör zu verschaffen und Leute zu ermutigen, dasselbe zu tun.” Was hält die Zukunft nach fast zwanzig Jahren musikalischer Innovation für Cornershop bereit, nun da sie zurück in der Tretmühle sind? “Wir haben wirklich keinen blassen Schimmer”, lachen sie. “Wir nehmen‘s wie‘s kommt. Solange wir es genießen, machen wir einfach weiter.”

Beeilt euch, um die Jungs auf den letzten Gigs ihrer Europatour zu sehen”: Am 19. Dezember in Les Nuits Soniques, Centre Culturel Athena Les Nuits Soniques, Bretagne, Frankreich.