"Copii de bani gata": Der Club der reichen Rumänen

Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 22. Juli 2010

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Man behandelt sie überall mit ähnlicher Verachtung und Geringschätzung, aber nirgendwo mit soviel Hass wie in Rumänien. Die rumänischen Nouveaux Riches werden mit Spitznamen bedacht wie „mit dem goldenen Löffel im Mund geboren“ oder „Kinder reicher Eltern“. Wo liegt das Problem?

Von den Medien zur neuen Elite erklärt, haben sie mit der Elite im traditionellen Sinne eigentlich nichts zu tun. Die copii de bani gata („copii“=Kinder, Nachkommen und „bani gata“=reiche Eltern) sind die Sprösslinge reicher Eltern, die sich in deren Luxus aalen. Sie sind die unangefochtenen Helden der Klatschkolumnen und Akteure in billigen, kunterbunten Reality-Shows. Für viele Rumänen sind sie aber auch Objekte des Neids oder der Bewunderung, sie sind Repräsentanten einer sozialen Klasse, die am meisten vom Wandel des politischen Systems profitiert hat.

Kleine Könige und ihre Kinder

Elena Basescu, die 30-jährige Tochter des rumänischen Präsidenten, ist zurzeit Abgeordnete des Europäischen Parlaments in Brüssel. Sie bleibt Rumäniens bekannteste Repräsentantin des exklusiven copii de bani gata Clubs. Journalisten beschreiben dies als Taktik, entwickelt von Traian Basescu, Elenas Vater. „Rumänische Journalisten haben beschlossen, der Sache nachzugehen, sagt Dan Tapalaga, Redakteur des Online-News-Portals HotNews.ro. „Wir wollten Fälle von Vetternwirtschaft in der Politik aufdecken. Ein Hotnews-Journalist hat bei örtlichen Parteipolitikern angerufen und sich als Aktivist der Regierung ausgegeben, angeblich um 'sicherzustellen', dass Elena ihre zehn Stimmen garantiert erhält - fünf der acht Politiker fielen darauf herein und bestätigten, sich darum gekümmert zu haben.“

Dies sind keine Einzelfälle, obwohl das Phänomen laut Tapalaga schon um 2003 herum bekannt wurde. „Die sogenannten Lokalbarone und Politiker, die für die Gemeindekassen zuständig sind, haben angefangen, ihre Kinder ins tägliche Politikgeschehen einzubeziehen und Geld vom Staatshaushalt abzuzweigen.“ Die Meisten sind anscheinend damit durchgekommen. Natürlich gibt es viel Hass und Neid gegenüber diesen Personen, aber ebenso ein gewisses Maß an Akzeptanz und Bewunderung für ihren Einfallsreichtum.

Nepotismus oder „Vetternwirtschaft“ ist definitiv keine Erfindung der Rumänen - man muss sich nur den Sohn des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, Jean, anschauen. Soziale Kontrolle existiert hier in Rumänien nicht, auch nicht durch die Medien. Das liege vor allem daran, dass diese Medien hauptsächlich von Politikern kontrolliert werden, sagt Tapalaga. „Ihre Kinder tun ungestraft, was sie wollen. Sie nutzen das Wissen ihrer Eltern und deren Macht. Der Innenminister ist beispielsweise auch der Chef der Polizei. Sein Schwiegersohn ist ausgebildeter Zahnarzt und hat ein Sicherheitsunternehmen gegründet. Ohne seine eigenen Kontakte hätte er die nötigen Genehmigungen überhaupt nicht bekommen - und kurz darauf öffentliche Lieferverträge im Wert von 8 Millionen Euro… es ist unmöglich, zwanzig Jahre Korruption in ein paar Tagen zu beseitigen.“ „Lokalpolitiker sind wie kleine Könige“, so Tapalaga. „Sie herrschen mittelalterlich über Rumänien. Die meisten sind noch aus dem alten Regime übrig und jetzt führen ihre Kinder fort, was die Eltern angefangen haben.“

Poor little rich kids

Manchmal ist es hart, ein Mitglied der „Kaste“ zu sein. Rita Muresan, ehemalige Miss Rumänien und Organisatorin von Miss Teenager Romania („Teenager Miss Rumänien“), ist jetzt eine bekannte Modedesignerin und Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter. Ich besuche sie in ihrem wunderschönen Haus, angesiedelt in einem der teuersten Viertel von Bukarest. Das ganze Gebäude, ebenso wie viele andere auf dieser Straße, gehört ihrem Ehemann, einem Unternehmer, der in der Stahlindustrie aktiv ist. In dem mehrflurigen Haus haben Ritas Töchter einen eigenen Flur zum Spielen. Es geht chaotisch und ausgelassen zu - Rita und ihre älteste Tochter, die den gleichen Namen tragen, feiern ihren Namenstag. Inmitten des fröhlichen Chaos' aus Lieferservice, herumrennenden Kindern und bellenden Labradorwelpen, bietet Ritas Mann Champagner an und entschuldigt sich für den angeschlagenen Tisch, an dem wir sitzen: „Wir warten, bis die Hunde groß sind. Wenn wir den Tisch wegwerfen würden, würden sie wahrscheinlich anfangen, an dem anderen Tisch herumzukauen - und der ist von Svarowski.“

Rita kommt die Treppe hinunter, von Kopf bis Fuß ganz Dame des Hauses, als sie ihre ausländischen Gäste in Empfang nimmt. Von der glamourösen Arbeit in Italien mal abgesehen betont sie, dass sie aus einer bescheidenen Familie stamme, die noch wüsste, wie das Leben unter dem kommunistischen Regime gewesen sei. Sie sagt, sie habe sehr hart gearbeitet, um erfolgreich zu sein und versuche deswegen, ihre Töchter nicht durch Egoismus zu verderben, auch wenn sie den enormen Gruppendruck nachvollziehen könne, den das Umfeld auf sie ausübe.

„Wenn sämtliche Freunde meiner Töchter Ferraris fahren würden und man sich ansonsten über sie lustig machen würde, dann würde ich ihnen wahrscheinlich einen Ferrari kaufen - auch wenn das gegen meine Überzeugungen verstößt.“ Rita steht genau zwischen zwei Welten, eine davon extrem reich, die andere „normal“. Sie spendet regelmäßig für Wohltätigkeitsvereine wie Save the Children, aber gleichzeitig sind es die reichen Kinder, die ihre Designs kaufen. „Ihre Eltern machen schnell und einfach Geld. Kinder geben dieses Geld schnell und einfach aus. Ich würde nicht wollen, dass meine Kinder wie diese Menschen aufwachsen, aber wie andere ihre Kinder erziehen, das ist nicht meine Angelegenheit.“

Star der rumänischen Reality-Show „saracii copii bogati“ („Arme, reiche Kinder“)

Die „armen, reichen Kinder“ haben jedoch sehr wohl Fürsprecher. „Die 'Hochgeborenen' oder, wie wir hier sagen, die, die mit Geld geboren wurden, werden gehasst“, sagt Sandra Scarlat, Journalistin bei Adevărul, einer Bukarester Tageszeitung. „Man glaubt, das sei die richtige Einstellung in dieser Gesellschaft. Zeitungen schreiben nichts Gutes über Elena Basescu. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie es nicht verdient, oder daran, dass es einfacher ist, auf ihrem Image als hohle Blondine rumzureiten.“ Die Präsidententochter arbeitet seit 2009 im Europäischen Parlament. Vergeblich? Es reicht, Basescu zu googeln, um über eine Reihe unsinniger Aussagen von ihr zu stolpern, oder über Fotos, die sie wie ein Playboy-Girl mit Luxusautos posierend zeigen.

Mehr Verständnis für die Neureichen, bitte!

Die Sicht wird in gewisser Weise durch Daniel Mitulescu bestätigt, seines Zeichens preisgekrönter Filmproduzent und soeben zurück vom Filmfestival in Cannes, wo er seinen Film If I Want To Whistle, I Whistle präsentiert hat. „Die Medien benutzen sie“, erklärt der Soziologie-Absolvent der Pariser Sorbonne. „Es ist eine Strategie, Umsätze auf Grundlage von Neid zu machen. Aber für viele Menschen sind sie Vorbilder. Wenn du abends in einen der Clubs in Dorobanti (wo der gefeierte Architekt Zaha Hadid beabsichtigt, einen Turm zu bauen) gehst, wirst du nicht nur die Nouveaux Riches sehen: Da sind auch Taxifahrer, die ihren Lohn in Form von Champagner zum Fenster rauswerfen, nur um sich für den Augenblick als Teil dieses Clubs zu fühlen. Die schauen die Mädels an und denken, sie gehören zu deren Welt.“

Der Durchschnittsrumäne ist fasziniert von den Neureichen. Die Menschen verfolgen ihr Leben mithilfe von Klatschmagazinen, sie bewundern und hassen sie gleichzeitig. Die copii de bani gata sind die Verkörperung ihrer Erfolgsträume in einem Land, wo der Abstand zwischen den Schichten enorm ist und wo das Durchschnittseinkommen nur ein wenig über 1.300 lei (305 Euro) pro Monat liegt. Letztendlich sucht sich niemand die Familie aus, in der er zur Welt kommt. „Das ist der Grund, weshalb ich versuche, die copii de bani gata zu verstehen“, erklärt Sandra Scarlat. „Es ist schwer, sich selbst nicht in der leeren Welt von Spaß und Geld zu verschanzen, wenn alle außerhalb dieses Kreises dich verachten und finden, dass du nicht verdienst, was du besitzt, weil du es von deinen Eltern hast. Es ist schwer, Freunde außerhalb dieses magischen Kreises zu finden. Wenn man es mal so betrachtet: Sie führen ein trauriges Leben.“

Fotos: ©Rufus Gefangenen; Andrea Podarescu ©Saracii copii bogati/Facebook