Concerning Violence: Die anhaltende Gegenwart der Vergangenheit

Artikel veröffentlicht am 24. September 2014
Artikel veröffentlicht am 24. September 2014

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In den Schulbüchern steht: Die Entkolonialisierung fand zwischen den 1960er und 1980er Jahren statt. Lässt sich aber dieser Prozess tatsächlich in diese Zeitgrenzen einpferchen? Der Film “Concerning Violence – Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self Defense” holt diese Bewegung raus aus der Versenkung einer irrgläubigen Vergangenheit und rein in das Rampenlicht der Gegenwart.

Es gibt Filme, die den Beobachter nie zum Nachdenken animieren und lediglich den Anspruch hegen ihn zu "unterhalten". Andere Filme hingegen lassen einen vielleicht ein paar Minuten lang nachdenklich stimmen, während man den Kinosaal verlässt, bevor die alltäglichen Sorgen wieder die Oberhand gewinnen. Es gibt aber auch noch eine dritte Kategorie. Diese Filme, die man viel seltener erlebt, enthüllen Bilder, die unseren Zugang und Bezug zur Realität ändern. Sie rufen die Ideen, die unsere Denkweise prägen, in Erinnerung und laden uns dazu ein, sie in Frage zu stellen. Concerning Violence - Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defense (2013) gehört definitiv zu dieser Filmsorte.

Göran Hugo Olsson, Preisträger der Berlinale 2014

Auf der Grundlage von Frantz Fanons Werk "Die Verdammten dieser Erde", liefert Concerning Violence eine originelle Sichtweise auf den Befreiungsprozess der afrikanischen Kolonien. Der Film wurde auf der Berlinale 2014 mit dem "Cinema Fairbindet"-Preis ausgezeichnet, der die Vorführung von Göran Hugo Olssons Werk in 23 deutschen Städten bis Ende November ermöglicht, vor allem dank der Unterstützung vom Arsenal Institut für Film und Videokunst.

Olsson betrachtet sich selbst als ein “non-recording realisator”. Die Bilder, die er in seinem Film verwendet, sind Archivmaterial. Der Großteil davon stammt aus Dokumentarfilmen über die Befreiungsgruppen, die für die Unabhängigkeit gekämpft haben, oder aus Interviews von europäischen Siedlern. Die Schriften Fanons, an denen sich der gesamte Spielfilm anlehnt, sind buchstäblich auf dem Bild geschrieben, und werden mit starker Überzeugung von Lauryn Hill, der Sängerin der Hip-Hop Gruppe The Fugees, vorgetragen. Die Kombination all dieser Kommunikationsträger (Bilder, Texte, Ton) macht aus Olssons Arbeit eine Erfahrung, die nahezu allumfassend ist. Die Reflexion wird damit in eine besondere Tiefe gelenkt.

Zwischen antikolonialer Denkweise und institutionalisiertem Rassismus

Der Film umfasst eine Vielzahl an Themen, ohne sich dabei jedoch zu verzetteln. Die neun Kapitel thematisieren sowohl die Ungleichheiten innerhalb der Kolonien, als auch den institutionalisierten Rassismus, den Bipolarismus der kolonialisierten Gesellschaften, den psychologischen Krieg, der von den Besiedlern geführt wurde, und die verheerenden Folgen der internationalen Hilfen, wie sie Thomas Sankara angeprangert hat. Auf diese Weise behandelt Concerning Violence die Gesamtheit des Phänomens der Kolonialisierung und insbesondere der Entkolonialisierung. 

Göran Hugo Olssons Bilder verleihen Fanons Thesen noch mehr Schlagkraft. Für Fanon, Vorreiter des antikolonialen Denkens, stellt die Kolonialisierung ein Phänomen der Konfrontation zweier antagonistischer Mächte dar. Die Unterordnung der Einheimischen erfordert deswegen eine Antwort, die gewaltvoll sein muss, um das Ziel der Unabhängigkeit zu erreichen. Gewalt wird hier als legitimes Mittel betrachtet, weil sie  in einem präzisen historischen Kontext stattfindet: die Unterwerfung einer ganzen Bevölkerung durch eine Gruppe von Individuen. 

Dennoch ist das Werk von Olsson kein Pamphlet gegen Europa, es sei dem man fällt einer Fehlinterpretation zum Opfer. Der Film ist viel mehr eine erschlagende Kritik am schweigenden Schlummer auf dem unsere Ideale und Denkweisen basieren. In knapp eineinhalb Stunden nimmt der Zuschauer an einem Aufruf zur gemeinsamen Wendung und Revolutionierung unserer Denkweisen und Gedanken, unserer Prinzipien, unseres Wirtschaftsmodell, der Sozialstrukturen und unserer Definition des Menschseins, teil.  Weit davon entfernt uns ein Gefühl der Resignation gegenüber der Absurdität der Geschichte und der "modernen" Welt zu vermitteln, entlässt uns der Film, ganz im Gegenteil, mit einem Gefühl von Macht: Alles scheint neu gemacht und neu erfunden werden zu müssen.

Ein Bewusstseinserwachen

Das Aufrütteln der Gewissen ist sicherlich schmerzhaft, nachdem man ein Werk wie dieses gesehen hat. Unser Entwicklungsstand basiert teilweise auf den Gräueln der Kolonialzeit. Das glänzende Gold, das auf den Monumenten unserer alten Städte zur Schau gestellt ist, gehört es uns denn wirklich? Die Weltkriege endeten mit einer "Entschädigung der Opfer". Warum hat man am Ende der Kolonialherrschaft nicht auf die gleiche Weise Gerechtigkeit walten lassen?

Die Entkolonialisierung ist also tatsächlich ein unabgeschlossener Prozess, mit dem man sich heute noch auseinandersetzen sollte. Nicht nur weil es ein Unding ist, sich auf den "Loorbeeren" geraubter Reichtümer auszuruhen, sondern auch weil die ehemaligen Kolonien heute sich nicht autonom erklären könnten oder sich mit ihrer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Situation zufrieden geben können. Neues Denken muss den Tag sehen und die Kräfte aller Kontinente müssen sich an dem Prozess beteiligen. Wie definieren wir das Menschsein? Welcher Zustand ist tatsächlich wünschenswert für eine Gesellschaft? Durch sein intelligentes und vereinigendes Werk fordert Olsson uns alle zur kritischen Reflexion sowie zur Infragestellung unserer Errungenschaften auf. Es ist ein schmerzhaftes Aufwachen, aber absolut notwendig, gerade in Zeiten, in denen es immer einfacher wird, wie ein Schlafwandler durch das Leben zu gehen, anstatt mit Bewusstsein und kritischem Geist. 

Mehr Infos hier: http://www.arsenal-berlin.de/distribution/news/einzelansicht/article/4908/2808.html