Comedy grenzenlos: "What the Fuck, France?"

Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2016
Artikel veröffentlicht am 19. Oktober 2016

Im Jahr 2015 hat der in Frankreich lebende Brite Paul Taylor seinen Job bei Apple gündigt, um vollzeit als Stand-Up Comedian in Paris zu arbeiten. Nachdem sein Video la bise, über die Kultur des Küsschengebens in Frankreich, zu einem viralen Erfolg wurde, arbeitet er nun an einer TV-Serie für den Sender Canal+, in der er über französische Gewohnheiten lacht.

cafébabel: Du lebst seit sieben Jahren in Paris - warum hast du beschlossen, nach Frankreich zu ziehen?

Paul Taylor: Das ist eine lange Geschichte! Aber es gibt dazu auch eine Kurzversion: Ich wurde in Großbritannien geboren. Als ich zwei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Genf, als ich vier Jahre alt war zogen wir nach Frankreich und kehrten dann zurück nach Großbritannien, von wo aus wir nach Madrid zogen - da war ich 14 Jahre alt - und dann mit 16 wieder nach Großbritannien. 

Ich habe an der Queen Mary University Französisch und Spanisch studiert und ein Auslandsjahr gemacht - ich war acht Monate lang in Kanada und vier Monate lang in Australien. Mit 20 habe ich einen Nebenjob in einem Apple-Laden in London aufgenommen, ließ mich dann nach Montréal und später nach Sydney versetzen. Als ich die Universität abgeschlossen  hatte, kündigten sie an, dass sie Läden in Frankreich aufmachen würden, und so beschloss ich, nach Frankreich zurückzugehen. Zufälligerweise traf ich in meinem letzten Unijahr ein Mädchen aus Paris (sie ist jetzt meine Verlobte). Sie glaubt, ich bin wegen der Liebe umgezogen - aber in Wirklichkeit war es wegen Apple.

cafébabel: Du bist sehr kosmopolitisch aufgewachsen! 

Ich war immer ein Fremder, selbst in der Heimat - sie nannten mich einfach "the French kid" oder "the Spanish kid" wenn ich zurück kam.

cafébabel: Hat die Zeit im Ausland dazu beigetragen, deinen Hang zum Sprachenlernen zu entwickeln? 

Paul Taylor: Wenn mich Menschen fragen, warum ich so gut Französisch spreche, dann sage ich ihnen, dass ich hier als kleines Kind fünf Jahre lang gelebt habe. Aber ich glaube, das sind nur etwa 20% der Gründe. Der Grund, warum ich Akzente so gut beherrsche, ist, weil meine Mutter Irin ist und mein Vater Engländer, und ich in einem französischsprachigen Land auf einer Amerikanischen Internationalen Schule war. Mein Französisch war gut, aber es war nicht auf dem Stand eines 9-jährigen französischen Kindes. Aber als ich nach England zurückzog war ich plötzlich viel besser als die anderen. 

Meiner Mutter lag viel daran, mein Französisch nicht verkümmern zu lassen - jeden Sommer hatten wir französische Austauschschüler da, damit ich die Sprache weiterhin fließend beherrsche. Und dann lernte ich es einfach, indem ich in der Schule Französischunterricht hatte und im Studium Französisch und Spanisch machte. Logischerweise ist mein Spanisch nicht vergleichbar mit meinem Französisch, aber es reicht dafür aus, Menschen zum Lachen zu bringen: Ich habe einige Shows in Madrid aufgeführt und die sind alle ganz gut gelaufen. 

Es geht darum, die Sprache zu leben anstatt sie passiv übers Hören oder Fernsehen aufzunehmen. Das ist auch der Grund, warum so viele Franzosen, die ich treffe, so schlecht Englisch sprechen, es aber so gut verstehen: Sie sind es gewöhnt, englische Filme zu sehen, aber nicht, mit anderen zu sprechen. 

cafébabel: Glaubst du das liegt auch daran, wie Sprachunterricht abläuft? In Großbritannien und in Frankreich ist es oft Auswendiglernen mit einer falschen und einer richtigen Antwort. 

Paul Taylor: Das schlimmste, was du als Lehrer tun kannst, ist einem Kind zu sagen "Nein, das ist falsch." Bei Apple hatte ich eine Schulung zu Beginn, bei der ich lernen sollte, ein "Kreativer" zu sein. Es ging eigentlich nur darum, Kunden beizubringen, wie sie ihre Telefone nutzen sollen. Wir durften nicht auf den Bildschirm zeigen und sagen: "Klicken Sie hier." Wir mussten fragen: "Wo glauben Sie, würden Sie klicken? Sehen Sie etwas, das sinnvoll erscheint?" Sie haben uns auch beigebracht, die Menschen nicht aufzuhalten: Anstatt zu sagen "Nein, klicken Sie nicht hier" oder "Machen Sie das nicht", sollten wir sagen: "Nah dran, versuchen Sie es nochmal." 

Stand-Up Comedy ist ein bisschen wie das - anstatt vom Publikum zu hören "Nein, du liegst falsch" bekommt man einfach nur Stille. Der Unterschied ist, dass es dort niemanden gibt, der sagt: "Nah dran, aber warum versuchst du es nicht auf diese Weise?" 

cafébabel: Wie bist du zur Stand-Up Comedy gekommen? Gab es da einen Schlüsselmoment, woraufhin du dein Leben umgekrempelt hast? 

Paul Taylor: Es war ein Schlüsselmoment, der einige Jahre lang angedauert hat. Der Auslöser war Oktober 2011 als Steve Jobs starb. Ich habe seine Biographie gelesen und begann, das Leben zu hinterfragen. Ich war damals 24 Jahre alt, ein Alter, in dem Steve Jobs so viel mehr erreicht hatte, als ich: Ich habe an der Sache gearbeitet, die er geschaffen hat! Ich hätte mein Leben lang bei Apple bleiben können. Und ich konnte vor meinem inneren Auge sehen, wie ich als 60-Jähriger auf mein Leben zurückblicken würde und bedauern würde, dass ich es nicht zumindest versucht habe. An Weihnachten hatte ich zwei Wochen frei und schaute jeden Tag Stand-Up Comedy-Shows. Ich weiß noch, wie sehr ich es geliebt habe, diese Shows zu schauen und wie sehr ich es auch selbst einmal machen wollte. Und so habe ich meine Entscheidung getroffen. 

Ich habe es bei ein paar Open Mic-Shows in London versucht, bevor ich nach Frankreich gegangen bin. Eine der ersten Sachen, die ich in Frankreich gemacht habe, war ein Besuch bei einem Freund,  Sebastian Marx, ein Amerikanischer Comedian. Ich habe ihn gefragt, was man tun muss, um zu beginnen, und er sagte, ich soll ihm einfach eine Mail schicken - es hat drei Jahre gedauert, bis ich ihm diese Mail geschickt habe.  

Diese drei Jahre haben sich angefühlt wie sechs Monate, weil ich so viel gerabeitet habe. Auch wenn ich es wirklich genossen habe, so waren 100% meiner Zeit und meiner Gedanken dem Job gewidmet. In der Weihnachtszeit habe ich bemerkt, dass ich die Dinge in meinem Leben langsamer angehen will. Mein Vorsatz für das neue Jahr 2013 war also, es wieder auf der Bühne zu versuchen. Ich habe einige Jahre lang etwa ein Mal die Woche auf der Bühne gestanden. Und kam dann an einen Punkt, an dem ich mich sicher genug gefühlt habe, wirklich etwas auszuprobieren. Aber ich war nicht oft genug in Paris, um mich der Comedy wirklich zu widmen. Ich war wegen Dienstreisen auf der ganzen Welt unterwegs und nur etwa sechs Monate im Jahr daheim. Die einzige Möglichkeit, mit Comedy erfolgreich zu werden war, nur Comedy zu machen. Und so habe ich meinen Job bei Apple letztes Jahr im Mai gekündigt. 

cafébabelWas für Comedians hast du in deiner Anfangsperiode geschaut?

Paul Taylor: Viele englische Comedians. Lee Evans war immer einer meiner Lieblings-Comedians als ich Student war, aber ich habe auch Jack Dee geschaut, und Michael McIntyre... eigentlich habe ich jeden ein bisschen geschaut, der in der Zeit in Großbritannien bekannt war.

cafébabelWar das für dich eine Art Recherche, ein Versuch, deinen eigenen Stil zu finden? 

Paul Taylor: Es ging mehr darum, mich selbst auf die Bühne zu projizieren, mich in die Situation zu versetzen. Ich habe Witze angehört und gedacht: "Das klingt nicht so kompliziert... wenn das reicht, um eine ganze Arena mit Menschen zu füllen, dann kann ich das auch."

Ich glaube im Unterbewusstsein habe ich versucht herauszufinden, was für eine Art von Witzen mich zum Lachen bringt. Denn als Comedian erzählt man ja einfach die Witze, die man selbst lustig findet. In meinem Fall bedeutet das, dass ich Witze über Menschen mache, die sich grundlos über gewisse Dinge aufregen. Ich erinnere mich noch daran, wie wir zu Studentenzeiten am Tisch saßen und ich vorgab, mich über etwas aufzuregen. Ich konnte mich ewig darüber auslassen, und alle anderen haben gelacht. 

Das hat man ja schon unzählige Male gehört: Als Comedian suchst du dir nicht deinen Stil, der Comedy-Stil sucht sich dich. 

cafébabel: Deine Show ist zweisprachig, zur Hälfte auf Englisch, zur Hälfte auf Französisch und du sagst, dass du genau darauf achtest, beiden Sprachen in der Show gleichviel Zeit zu geben. Hast du mal daran gedacht, eine Show nur in einer Sprache zu machen? 

Paul Taylor: Die Comedy-Szene in Frankreich ist ganz anders. In England gibt es Netzwerke von Comedy-Clubs, in denen du für einen 20 Minuten-Auftritt bezahlt wirst, durch  das Land ziehst und so ganz gut von deiner Arbeit leben kannst. In Frankreich muss man hingegegn eine einstündige Show spielen, um Geld zu verdienen

Als ich Sebastian Marx gesehen habe, hat er eine einstündige englischsprachige Show gemacht und dann im Grunde genommen genau das gleiche auf Französisch. Ich habe so ähnlich arbeiten wollen, wollte aber auch etwas machen, was niemand anderes macht und trete daher zweisprachig auf. Hinzu kommt, dass ich nicht genug Witze in einer Sprache habe, um damit eine ganze Stunde zu füllen. Manche meiner Witze funktionieren nur auf Englisch, andere nur auf Französisch, deswegen habe ich gedacht: "Warum versuche ich nicht einfach, beide Sprachen zu kombinieren und schaue dann, was dabei rauskommt?" 

cafébabel: Glaubst du, es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen britischem und franzöischem Humor? 

Paul Taylor: Französischer Humor ist politisch, dagegen ist der englische Humor meist selbstironisch. Und der Stil ist anders: In Großbritannien wird Humor hauptsächlich über Stand-Ups vermittelt, während das in Frankreich bisher nur in Paris angekommen ist. Hier gibt es One-Man-Shows, in denen es aber darum geht, eine Rolle zu spielen, anstatt seinen Standpunkt der Welt zu erzählen. Als Gad Elmaleh einen alten Mann mit Zigarette spielte, war das nicht er selbst. Er ist in eine andere Rolle geschlüpft. Aber selbst er geht eher dazu über, das zu tun, was wir als 'Stand-Up' bezeichnen. 

cafébabel: Es scheint fast, als würde dabei auch ein kultureller Austausch stattfinden. 

Paul Taylor: Klar. Viele französische Webseiten posten jetzt alte Shows - amerikanische Shows wie Chris Rock or Louis CK. Und die Menschen beginnen, das zu mögen. Noch vor ein paar Jahren hatte ich den Eindruck, dass Stand-Up als eine weniger anspruchsvolle Art von Entertainment gesehen wurde - Unterhaltung, die an das Niveau von Theater oder One-Man-Shows nicht herankommt. 'Das ist keine Kunst, das ist ja nur jemand, der seinem Gegenüber was erzählt.' Und wenn wir es gut machen, dann soll es genau so erscheinen. Aber es dauert lange, an dieses Niveau heranzukommen.

cafébabel: Inzwischen werden Stand-Up Comedians ja als die neuen Rockstars angesehen. 

Paul Taylor: In Großbritannien gibt es fast zu viele davon. Ich habe den Eindruck, dass es es etwa 15 bis 20 Typen gibt, die in Großbritannien zwischen Stadion-Gigs, Panelshows und Sitcoms hin- und herpendeln. 

cafébabel: Wird es irgendwann zu viel sein? 

Paul Taylor: Vielleicht. Hier in Frankreich stecken diese Shows noch in den Kinderschuhen, und es ist cool, Teil der ersten Welle im Land zu sein. 

cafébabel: Von einem der Pioniere, die auf der ersten Stand-Up-Comedy Welle reiten, bist du zu einer YouTube-Bekanntheit geworden. Wie fühlt es sich an, dass dein Video "La Bise" viral erfolgreich wurde?

Paul Taylor: Es war total seltsam. Es war einer meiner ersten Sketche auf der Bühne, somit hatte ich Zeit, ihn zu vefeinern und zu perfektionieren. Ein Freund von mir, der die French Fried Comedy Night organisiert, schlug vor, dass wir ein Video aufnehmen, um die Show zu bewerben. Ich war ursprünglich dagegen, auch weil ich den Witz nicht verpulvern wollte - wenn du aus Großbritanninen oder den USA kommst und etwas deiner Show online gezeigt wird, dann kannst du es nicht wirklich wiederverwerten. Aber hier ist es das Gegenteil, habe ich erfahren. Menschen kommen genau dafür, um zu sehen, wie du die bekannte Routine auf der Bühne vorführst. 

Ich glaube, es war auch gutes Timing: Nach den Attentaten im Bataclan im vergangenen November mussten die Menschen einfach wieder über ihre eigene Kultur lachen können. Mein Telefon hat unaufhörlich geklingelt, verschiedene Nachrichtenagenturen wollten Interviews mit mir - und in genau der Zeit hat sich Canal+ mit mir in Verbindung gesetzt, weil sie sagten, dass sie mein Konzept mochten und eine Serie drehen wollten. 

cafébabelSind die Themen für  "What the Fuck France" Themen deiner Stand-Up Show?

Paul Taylor: Nein, ich habe alle extra für diese Serie geschrieben. Ich hätte meine einstündige Show natürlich in einzelne Drei-Minuten-Sketche splitten können. Aber ich will nicht, dass die Show dann nur noch eine Wiederholung von publizierten Sketchen wird. Es mag den einen oder anderen Witz geben, der sich wiederholt, aber das unterliegende Konzept ist ein anderes. Ursprünglich haben sich die Witze an eine Expat-Community gerichtet: Ich habe das Problem thematisiert, wann Menschen geduzt und wann sie gesietzt werden. Damit haben Franzosen natürlich kein Problem! Und so habe ich den Witz zum Beipsiel umgeschrieben, sodass ihn auch ein französisches Publikum versteht - aber dass der Witz auch zugleich einem internationalen Publikum gefällt.

cafébabelUnd wie macht man Witze, die bei zwei verschiedenen Zuhörergruppen gut ankommen?

Paul Taylor: Wenn wir brainstormen, wie die Episoden aussehen sollen, dann ist das ein Gruppenprozess. Wir arbeiten mit Briten und Franzosen. Immer wenn die Expats einen Vorschlag machen, frage ich die Franzosen, wie der Witz bei ihnen ankommt. 

cafébabel: Bekommst du manchmal Heimweh? Wird es eine Zeit geben, in der du nach England zurückkehren willst? 

Paul Taylor: Wenn Großbritanninen in den nächsten 20 bis 30 Jahren so bleibt wie es ist, dann werde ich nicht zurückgehen. Aber wer weiß, was sich politisch verändern wird? 

cafébabel: Wie war die Stimmung hier während des Brexit-Referendums in Großbritannien? 

Paul Taylor: Ehrlich gesagt, ich hatte den Eindruck, dass es den Franzosen egal war - bis nach den Wahlen. Man hat davor nie darüber gesprochen und auch mich nicht danach gefragt, wie ich abstimmen würde. Nach der Wahl fragten mich etwa zwei Wochen lang französische Comedians, die ich während Gigs traf: "Und, wie geht's mit dem Brexit?" Es war vielleicht einen Monat lang in den Nachrichten, nun ist es aber wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Wenn man Franzosen heute fragen würde, dann würden die, glaube ich, sagen, dass wir schon aus der EU gegangen sind. So ist es auch mit den US-Wahlen: In sechs Monaten wird das niemanden mehr interessieren.

cafébabel: Da du in so vielen verschiedenen Ländern gelebt hast, was hältst du von Theres Mays Kommentar, dass Weltbürger nirgendwo wirklich Bürger sind? 

Paul Taylor: Es ist als würde ich sagen: "Wenn du Bier trinkst, musst du aber eine Biersorte auswählen." Man darf doch sowohl Guinness als auch ein Carlsberg mögen. Ich stimme dem zu, dass man sich an dem neuen Ort integrieren sollte, anstatt Paralellgesellschaften zu gründen, wie es beispielsweise die Briten in Südspanien tun. Aber die Welt wird immer kleiner, es ist einfacher, von einem zum anderen Ort zu kommen und die Menschen werden nicht aufhören, zwischen verschiedenen Ländern und Orten zu pendeln. Man sollte da leben dürfen, wo man will.