CoeXist von Combo: "Was ich mache, ist nicht ungefährlich"

Artikel veröffentlicht am 5. März 2015
Artikel veröffentlicht am 5. März 2015

Kämpfen für die eigenen Ideale, ja! Aber nicht mit jeder Art von Waffe. Combo hat die seinen gewählt: Es sind Bomben aus Farbe, Fotos, Klebstoff, meistens auf Wänden. Der Street-Artist, dessen pazifistisches Werk "CoeXist" Symbole der drei monotheistischen Religionen vereint und viel von sich reden macht, erzählt von seinem Kampf.

cafébabel: Wer bist du, Combo ?

Combo: Ich bin ein Pariser Street-Artist. Ich male seit ungefähr zehn Jahren. Die Malerei, für die ich jetzt bekannt bin, mache ich aber erst seit circa vier Jahren in Paris. Ich wurde in Amiens geboren, mein Vater war ein libanesischer Christ und meine Mutter eine marokkanische Muslimin. Von Anfang an bin ich viel gereist. Prinzipiell bin ich aber in Marokko, Zentralafrika und im Süden Frankreichs aufgewachsen. Ich gebe wenig von meiner Identität preis, um meine Familie zu schützen, weil das, was ich mache, nicht ungefährlich ist. Was ich tue, ist noch immer verboten. Es ist ein Strafdelikt in Frankreich. Und auch wenn die Politik mich zeitweise unterstüzt und mir Gefälligkeiten erweist, heißt das nicht, dass die andere Hälfte mich morgen nicht einsperrt.

cafébabel: Wie ist die Idee zu 'engagierten' Collagen und Grafiken entstanden?

Combo: Es war keine Idee in dem Sinn. Die Straßenkunst ist ja per Definition engagiert. Sie kommt und breitet sich im öffentlichen Raum aus. Der öffentliche Raum existiert aber in Frankreich gar nicht. Man braucht hier eine Genehmigung, um sich ausdrücken zu dürfen. Die Straßenkunst reißt das Wort an sich und damit auch einge gewisse Macht. Für mich ist sie eine Art Staatstreich im kleinen Stil. Ähnlich wie mit der Straßenkunst, möchte ich zu gegebenem Moment auch einen Schritt weitergehen und mich anderweitig engagieren.

cafébabel: Was war zuerst da, die Straßenkunst oder das Engagement?

Combo: Das kam alles zur gleichen Zeit. Grundsätzlich hast du immer Ideen und politische Meinungen. Mein einziges Werkzeug ist Street-Art. Ich habe nie Punks gekannt oder war in der Rock- oder Hip-Hop-Szene. Ich habe also nur die Straßenkunst, um mich wirklich frei ausdrücken zu können. Und irgendwie kam es, dass ich mich auch mit Ideen beschäftigte, die ein bisschen politischer sind. Ich bin frei und niemand kann mir sagen, was ich tun soll.

cafébabel: Fast niemand. Wie schaffst du es, der Polizei zu entgehen?

Combo: Wenn Polizisten stehen bleiben, haue ich nie gleich ab. Ganz im Gegenteil, ich gehe auf sie zu und bluffe. Ich spreche mit ihnen und versichere ihnen, dass das, was ich tue, erlaubt ist. Sie antworten dann meistens, dass es nicht genehmigt ist und dann ich wieder: "Doch Monsieur, das ist erlaubt, im Gesetz von 1901 über die Werbung auf öffentlichen Flächen in Paris heißt es, in jedem Bezirk muss eine Wand verpflichtenderweise eine öffentliche Fläche sein. Da es sonst keine solche in diesem Bezirk gibt, habe ich das Recht mich hier frei zu äußern. Wenn sie wollen, können sie gern ihre Kollegen fragen." Übersetzung: Ich labere sie zu, und wenn ich selbstsicher bin, funktioniert das ziemlich oft. Im Moment schaffe ich es so, nicht festgenommen zu werden.

cafébabel: Bist du dir darüber im Klaren, dass du etwas Illegales machst?

Combo: Ja klar. Vor nicht allzu langer Zeit hat der Straßenkünstler Boris vier Monate wegen seiner Graffiti in Untersuchungshaft gesessen . Also ja, man weiß ziemlich genau, was man da tut. Man ist sich des Risikos bewusst. Aber es ist Teil des Spiels und hält uns nicht davon ab.

cafébabel: Ist die Angst davor geschnappt zu werden auch eine Antriebskraft?

Combo: Sie ist Teil des Spiels aber sie motiviert mich auch. Wenn es nicht provozieren würde, wäre es nicht verboten. Momentan werden politische Statements in Paris in den Shcächten und Gängen ja schnell übermalt. Tendenziell will man die Dinge lieber verschweigen. Vielleicht muss man nicht gleich übertreiben und von Zensur sprechen, aber man merkt schon, dass die Bilder als störend empfunden werden.

cafébabel: Wie schaffst du es, auch an verbotene Orte wie Tschernobyl zu kommen?

Combo: Das ist nicht so schwer, man muss nur clever sein. Für Tschernobyl war es im Endeffekt eigentlich ziemlich easy. Ich war damals öfters in der Ukraine. Und genau zu der Zeit wurde die Ankunft der Touristen für die Fußball-EM vorbereitet. Da gab es "Tour-Anbieter" rund um Tschernobyl und die verlassene Stadt Pripiat. Gesagt getan, so kam ich nach Tschernobyl- über einen Touranbieter. Ich habe den Typen bestochen und es geschafft, alle Checkpoints zu passieren, ohne durchsucht zu werden.

cafébabel: Warum engagierst du dich?

Combo: Ich glaube, dass jeder von uns das tun muss, woran er glaubt. Man ist Teil des Landes und der Stadt, in der man als Bürger lebt. Und Bürger sein bedeutet, "am Stadtleben teilzunehmen". Mein Mittel ist eben einfach die Straßenmalerei. Ich kann nichts Anderes, und ich weiß nicht Anderes. Deshalb versuche ich über die Malerei meinen Teil zum großen Ganzen beizutragen.

cafébabel: Kommst du manchmal zurück an die Orte mit deinen Werken und schaust, wie sie sich entwickelt haben?

Combo: Das Geheimnis der Street-Artists ist, dass sie sich oftmals in den Bezirken herumtreiben, in denen sie leben oder viel unterwegs sind. Das hat einen ganz einfachen Grund. Sie kennen die Wände dort in- und auswendig, wissen welche übermalt werden und welche nicht. Deshalb verfolgt man auf natürliche Art und Weise die Entwicklung, das ist ganz normal.

cafébabel: Warst du überrascht zu sehen, wie sich deine Werke entwickeln?

Combo: Bei meiner letzten Serie konnte ich sehen, wie problematisch sie war und wie sehr sie provoziert hat. Es gab viele Anfeindungen. Mein Gesicht wurde mit Kreide verzerrt und karikiert, wie man es manchmal auf politischen Plakaten sieht. Man spürt plötzlich den Hass und die Wut. Normalerweise wirft man mir eher wahnwitzige Sachen an den Kopf. Dieses geriet die Sache ziemlich aus den Fugen.

cafébabel: Vor kurzem wurdest du aufgrund deines Werkes 'CoeXist' brutal zusammengeschlagen. Wie lebst du mit der plötzlichen Popularität nach diesem Vorfall?

Combo: Nicht unbedingt gut. Es ist nicht mein Metier, ständig das Wort zu ergreifen und Interviews zu geben. Ich mag das nicht so gerne, aber ich sehe es als eine Möglichkeit, eine Botschaft zu vermitteln, die auch bei den Leuten ankommt. Viele Menschen trauen sich zunehmend. Also zwinge ich mich auch dazu, meinen Senf dazuzugeben, auch wenn es nicht meine Aufgabe ist. Ich habe nicht das Recht aufzuhören oder aufzugeben, denn viele Leute fühlen sich betroffen.

cafébabel: Ist bereits ein neues Projekt auf dem Weg?

Combo: Mein aktuelles Projekt CoeXist läuft weiter. Aber ich will jetzt erstmal mit muslimischen Figuren aufhören, sie auf Stand-By stellen und ab nächster Woche mit einer jüdischen Person weitermachen. Danach kommen dann die Christen. Wir machen also ein "CoeXisT" mit und für alle. Die Person neben dem Wort wird auch nicht mehr ich selbst sein, weil die Leute mich nun wiedererkennen. Es werden andere Personen sein, die nicht unbedingt Christen oder Juden sind. Und es wird interessant sein zu sehen, wie sie wahrgenommen werden.