„Cochabamba hat meinen Charakter geprägt!“: Kindheit zwischen Deutsch und Spanisch

Artikel veröffentlicht am 25. März 2018
Artikel veröffentlicht am 25. März 2018

Saskia H. ist Mitte zwanzig und zweisprachig. Deutsch und Spanisch sind die Sprachen ihrer Kindheit. Im bolivianischen Cochabamba lernte sie als Kind das Latino-Leben schätzen. Heute arbeitet die gelernte Tourismusmanagerin im Kuckuck, einem traditionsreichen Restaurant im deutschen Niedersachsen, und erzählt von ihrem Leben zwischen bolivianischer Gastfreundschaft und deutscher Sicherheit. 

cafébabel: Als Tochter eines Agraringenieurs bist Du in Cochabamba aufgewachsen. Spanisch und Deutsch sind die Sprachen Deiner Kindheit. Wie fühlt es sich an,  zweisprachig zu sein?

S.H.: Zweisprachigkeit ist immer etwas Besonderes. Aber mein Fall ist es ja so, dass ich in Bolivien aufgewachsen bin, meine Eltern beide Deutsche sind und auch mein Umgang Deutsch und Spanisch war, dass für mich der Unterschied zwischen den beiden Sprachen nicht so deutlich war. Für mich war es von Anfang an eine einzige Sprache und deshalb ist es für mich nichts Abgezweigtes, sondern immer eins gewesen und natürlich was Besonders und einfach Teil meiner Identität.

 cafébabel: Wie würdest Du die Rolle von Cochabamba  und von der bolivianischen Kultur in Deinem Leben beschreiben?

S. H.: Ich glaube, dass Cochabamba eine gewisse Gelassenheit hat, die ich sehr bewundere und die man als Deutsche nicht kennt. Man ist eher an Perfektionismus gewöhnt. Und ich merke, wenn ich längere Zeit dort bin, dass ich mich sehr schnell an dieses Leben gewöhne, an diese Gastfreundschaft, gerade Cochabamba ist für Gastfreundschaft sehr bekannt, die Stadt ist sehr offen, man wird immer eingeladen, es ist immer ein Stuhl am Tisch frei. Ich glaube, es ist das, was ich sehr sehr schätze. Es ist sehr warmherzig. Es ist das, was mich – wenn ich nach Deutschland zurückkomme - sehnsüchtig macht, zurückzukehren. Dieses große Zusammensein, immer mit der Familie, immer sind alle für dich da, das Traditionelle wird sehr und viel gepflegt. Das ist das, was ich in Deutschland am meisten vermisse.

cafébabel: Wann ist Dir zum ersten Mal bewusst geworden, dass zwei Seelen in Deiner Brust wohnen?

S. H.: Also, im Kindergarten war es immer klar, als ich mit 4 oder 5 Jahren nach Deutschland zurückgekehrt bin und mich keiner verstanden hat, weil ich immer hin und her geschwankt habe in meiner Sprache. Richtig bewusst geworden ist es mir erst in der 11. Klasse, als ich ein Austauschjahr  drüben gemacht habe und das hat meinen Charakter sehr geprägt. Vom Temperament und Mitgefühl, von der Offenheit her. Als ich dann meine beste Freundin in Bolivien besucht habe, hatte ich das Gefühl, als hätte man bei mir einen Schalter umgelegt: ich musste nicht darüber nachdenken, welche Vokabel man in Spanisch benutzt, es war alles plötzlich da. Wie Muttersprache. Ein Teil von mir.

cafébabel: Welche Vorteile hat Deine Zweisprachigkeit in Deinem Berufsleben gehabt?

S. H.: Viele Deutsche verfügen über Kenntnisse in der spanischen Sprache. Spanisch an sich ist daher im Berufsleben nichts Besonderes. Meine Zweisprachigkeit ist vor allem für meinen Charakter und meine Persönlichkeit gut gewesen.

cafébabel: In welcher Hinsicht? 

S. H.: Spanisch und daher spanisch geprägte Kulturen sind emotionaler, intensiver, schwingender und auch exzessiver als die deutsche Kultur. Über die Stränge schlagen statt sich immer um Neutralität bemühen hat eindeutig meinen Charakter vorteilhaft geprägt. Ich bin kommunikativ und offener, temperamentvoll, vielleicht dadurch auch dominanter und kann mich besser durchsetzen, was im Berufsleben hilft.  

cafébabel: Was würdest Du an der deutschen und an der bolivianischen Kultur besonders loben?  

S. H.: An der bolivianischen auf jeden Fall die Gastfreundschaft und die Offenheit und an der deutschen die Sicherheit, die Deutschland bietet. Südamerika kann sehr exzessiv und brutal sein, was Gewalt angeht. Mit seinen strikten Regeln der Bürokratie  ist Deutschland sicherer (lacht)