Claire Ruppli: "Theater ist auch Liebe machen"

Artikel veröffentlicht am 9. November 2010
Artikel veröffentlicht am 9. November 2010
In La Pleurante des Rues de Prague („Die Weinende der Straßen Prags“), einem Stück, das sie selber inszeniert hat, erfasst Claire Ruppli die Geheimnisse und Intrigen einer schaurigen europäischen Hauptstadt. Aber es gibt keinen Grund, ängstlich zu sein: die Schauspielerin amüsiert sich wie ein Kind. Und steckt damit ihr Publikum an.

"Italien steht für guten Kaffee. Weil er stark und aromatisch ist". Erste Info: Claire Ruppli mag lieber Kaffee als Tee. Täuschen Sie sich nicht über die Wichtigkeit dieser Information. Sie verbirgt einiges. Fast könnte die Schweizer Schauspielerin nämlich einem italienischen 'Espresso' gleichen: charakterfest, willensstark. Und außerdem effizient.

Das Stück erzählt den Spaziergang einer Riesin durch eine schaurige Stadt voller Überraschungen. Eine gute Schülerin, die aber zu geschwätzig ist „In der Schule, hat man mich isoliert“

Auch wenn Claire Ruppli sagt, dass italienischer Kaffee überall gut sei, "in einem Restaurant oder an einer Autobahnhaltestelle", steckt sie voller Überraschungen. In schwarzes Leder gehüllt und mit einem leichten Tuch, das um ihren dezenten Hals geknotet ist, zeigt sie sich als eine selbstsichere Künstlerin auf fast förmliche Weise. Aber sobald sie sich nicht mehr hinter ihrer edlen Sonnenbrille versteckt, blickt man in zwei schelmische blaue Augen. Und naja, Claire lispelt. Man musste nur den Grund für ihre Berufung zum Theater abwarten, um zu bestätigen, dass wir uns im Jugendalter befinden.

"Wieso Theater eigentlich?", denkt sie laut nach. "In der Schule war ich eine gute Schülerin. Aber zu verquatscht. Ich nervte die Anderen. Und daher war ich eher Einzelgänger. In der 8. Klasse kam ein Schauspieler zu uns in die Schule. Er hat mir L’Imparfait du subjonctif zu lesen gegeben, ein Gedicht von Alphonse Allais. Nach der Lektüre hat er mich gefragt, ob ich es nachspielen möchte. Als ich an diesem Tag nach Hause kam, wusste ich, dass ich Theater machen wollte.“

Stellt Claire Ruppli deshalb "die Weinende" alleine in dieser schaurigen Stadt dar? So fing alles an, ganz spontan in der Schule. Nachdem Claire Ruppli ihre Eltern "genervt hatte", um einige kurze Ausbildungen absolvieren zu dürfen, gründete sie 2000 ihr eigenes Theaterensemble KIPRO-co. Durch den „Wunsch zu Kreieren“ animiert, nimmt sie mit ihrer Theatergruppe am bekannten Festival d’Avignon im Off-Bereich teil. "Ich liebe diese Kameradschaftlichkeit im Ensemble. Wir sind wie Kinder. Wir zanken uns. Wir fordern uns heraus. Das ist super." Ganz nebenbei schwärmt Claire gerade von einem Schild der Pariser U-Bahn, welches ein Metro-Angestellter gerade vor uns herschleppt. "Das möchte ich haben!"

Die Notwendigkeit, sich Dinge zu eigen zu machen

"Ich mag die Herausforderung. Die Nervosität auf der Bühne erlebe ich als positiv. Außerdem mag ich es lieber, wenn mir jemand einen blöden Spruch sagt, bevor ich auf die Bühne gehe, als dass mich jemand zwei Stunden vor dem Auftritt eindringlich abfragt." Trotzdem hat die Schauspielerin für ihre neue Inszenierung einen von Grund auf ernsthaften Text ausgewählt. Einen Roman der Philosophin Sylvie Germain mit dem Titel La Pleurante des Rues de Prague ("Die Weinende der Straßen Prags"), der die Vergangenheit einer Stadt erzählt, die von einer Riesin heimgesucht wird, welche den Schmerz und die intriganten Erinnerungen ihrer Bewohner sammelt. Außerdem spielt Claire alleine. Genug Gründe, Angst zu haben? "Natürlich sucht mich diese Riesin jeden Tag heim. Ich höre irgendwelche Wörter. Es ist eine Gemütsbewegung, die man fühlt. Aber dieser Text lehrt mich, das Unsichtbare zu sehen. Die Lektüre von Sylvie Germains Text hatte etwas Organisches. Es war wie eine poetische Explosion. Etwas Ausgefallenes. Aber dass ich Angst habe, kann man nicht sagen. Bei mir gibt es kein Pathos."

Übrigens gibt sie zu, dass diese Riesin sie jeden Abend heimsuchtDass Claire so selbstsicher ist, liegt daran, dass sie sich auf einen Wissenssockel stützen kann, der sie nährt und den sie sich zu Eigen macht. Zum Beispiel ist sie für 'Die Weinende der Straßen Prags' in die Tschechische Republik gefahren: Prag ist magisch. Ich bin zu einem Zeitpunkt dort gewesen, wo es sehr kalt war. Die Stadt ist wie alle Hauptstädte eine Museumsstadt, aber gleichzeitig sehr inspirierend."

Kurzum, die Stadt ist eine weitere kulturelle Referenz, um die Atmosphäre des Stückes zu formalisieren. "Ein Schauspieler muss von kulturellen Referenzen durchdrungen sein. Ich hatte Glück. Ich komme aus einem intellektuellen Milieu. Ein Schauspieler, der darauf verzichtet, sollte lieber gleich aufhören. Man muss auf die Anderen zugehen. Wie soll man auf der Bühne etwas zeigen, wenn man nichts über das wirkliche Leben weiß?" Daher informiert sich Claire und zeigt ein großes Interesse für die Welt, in der sie lebt: die Roma, die Politik, Europa… "Ich komme aus der Schweiz. Und ich mag die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. Ich spreche Französisch, Italienisch, Englisch. Die Sprachen machen den Unterschied. Man muss sie schützen. Jetzt denke ich, dass die jungen Leute Europa gestalten müssen. Sie machen Erasmus. Sie sind viel fortschrittlicher."

"La Pleurante des rues de Prague""Um den Bonus dieses Berufes zu kennen, muss man engagiert sein. Bis auf die Knochen. Der Künstler ist Visionär. Er übermittelt eine Botschaft, fast so wie ein Politiker". Zu diesem Thema hat Claire eine Theorie: das Umfüllen. "Ich mag dieses Bild von zwei Gläsern, die sich gegenseitig füllen. Eine andere Person füllt sich, wenn ich ihr etwas gebe". Geben, Teilen, Weitergeben. Ihre Antwort auf meine Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung ist also nicht sehr erstaunlich. Ungeschminkt und ohne Sonnenbrille sagt sie nur, "Liebe machen" und schließt mit "Theater ist auch Liebe machen". Gnadenlos.

Fotos: (cc)Martial Antoine ; La Pleurante, (cc)Stanislas Kalimerov; Video (cc)lepôlediffusion/Dailymotion