Christiane Rösinger: „Junge Leute sind konservativer geworden“

Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 25. Mai 2012
"Liebe wird oft überbewertet", sang sie in den 1990er Jahren. Seitdem hat die in Berlin lebende Autorin diese Idee in einem gleichnamigen Buch weiterentwickelt, das im März 2012 erschienen ist. Wir treffen die deutsche Autorin und Musikerin, 51, um über Glück außerhalb von Beziehungen, ihre Reise zum Eurovision Song Contest 2012 und das russische Wort für „Freiheit” zu reden

Wenn ich um die Ecke biege und dort auf eine Stadtstreicherin, einen Mann, der sich an einem Laternenpfahl erleichtert, und einen korpulenten, aber zugleich metrosexuellen jungen Vater treffe, kann ich sicher sein, dass ich in Kreuzberg bin. Hier in Westberlin wohnt die deutsche Schriftstellerin und Komponistin Christiane Rösinger. Die Szene vor meinen Augen könnte auch aus einem ihrer Artikel stammen. Nachdem der Vater mir den Weg beschrieben hat, mache ich mich auf den Weg zum Café Markthalle, wo Rösinger selbst früher gearbeitet hat. Kurz nachdem ich meinen Cappuccino bestellt habe, taucht sie auch schon auf, ebenso gehetzt und verdutzt, wie ich es fünf Minuten zuvor war.

Wisst ihr noch, die Lassie Singers und Britta?

Die 51-jährige Schriftstellerin und Musikerin wuchs in Südwestdeutschland auf dem Land auf. Als Teenager sehnte sie sich nach den hellen Lichtern Westberlins, und mit Anfang zwanzig zog sie dann in die Stadt. Welchen Rat würde sie jemanden geben, der heute in der gleichen Situation ist? „Trau dich!“ ruft sie lachend aus. „Ich würde nie jemandem davon abraten, Musiker zu werden. Außerdem halte ich es für wichtig, einfach fortzukommen und alles hinter sich zu lassen.“ Ernster fügt sie hinzu: „Ich bin froh, dass ich weggegangen bin. Ich kann mir nicht vorstellen, was aus mir geworden wäre, wenn ich geblieben wäre. Das wäre schrecklich gewesen!“

Ihre Bekanntheit verdankt Christiane Rösinger ihrer ehemaligen Mitgliedschaft bei Britta und ihrer früheren Band, den Lassie Singers, die manche abschätzig als Gruppe hysterischer Teenies bezeichnen. Sie sagt, sie sei mittlerweile bekannt als „diejenige, die immer so traurige Lieder macht“. Dennoch enthalten all ihre Songs ein gewisses Quäntchen Ironie, gerichtet entweder gegen sie selbst oder gegen die Gesellschaft.

Auch wenn Rösinger Musik nicht als ihren Hauptberuf ansieht, tritt sie mit ihrem aktuellen Album Songs Of L. And Hate, das 2011 für den Echo nominiert wurde, weiterhin als Solistin auf. Auf den Erfolg antwortet sie mit der für sie charakteristischen Selbstabwertung. „Niemand will eine Mittvierzigerin in einer Band sehen. Viele Leute haben das Album nur gekauft, weil sie dachten, da ist eine Frau in ihrem Alter, die an einem Klavier sitzt. Meine jetzige Musik erinnert eher an Chansons. Mit der Band gab es ein rockigeres Element, eine Riot-Girl Seite. Ich war immer mehr eine Liedermacherin; ich mochte ruhigere Sachen lieber.“

Britta Neander und Christiane Roesinger spielten vor dem frühzeitigen Tod von Neander in beiden Bands

Erzwungene Beziehungen

Ungefähr zu der Zeit, als sie ihre erste Band gründete, begann Christiane damit, Konzertkritiken für eine kleine, linke Zeitung zu schreiben. Dies führte irgendwann zu einer wöchentlichen Kolumne für den österreichischen Radiosender FM4 und zu zwei Buchveröffentlichungen. Ihr letztes Buch Liebe wird oft überbewertet kam im März 2012 in den Buchhandel. „Es beruht auf der Theorie, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir dazu gezwungen werden, in einer Beziehung zu sein. Überall sind Pärchen – aber das Ganze ist nur ein Konstrukt. Die romantische Liebe ist ein Konstrukt.

Die Liebe stammt aus dem 18. Jahrhundert, sie ist als Folge der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft entstanden. Ich würde nicht sagen, dass in den 1970er und 80er Jahren alles besser war, doch die Sozialwissenschaften sprechen von einer Gegenbewegung. Als ich jung war, liefen die Dinge in die andere Richtung: Die Überzeugung, dass man in einer Paarbeziehung nicht nur glücklich sein würde, war sehr stark. Jetzt wollen anscheinend alle wieder spießige Beziehungen, alle heiraten, die Leute experimentieren weniger. Die jungen Leute sind konservativer geworden.“ Sie zuckt die Schultern. „Das sind alles Verallgemeinerungen. Aber im Großen und Ganzen stimmt es.“

Während ich meinen mittlerweile lauwarm gewordenen Kaffee hinunterschlucke, wirft Christiane einen Blick auf ihre Uhr. Sie muss noch weiter; sie hat noch einen Termin, um ein Auto anzuschauen. „Im Mai fahre ich nach Baku zum Eurovision Song Contest“, erklärt sie. Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie die unaufdringliche Christiane, ganz in schwarz gekleidet, "Depressiver Tag" singt, gefolgt von einem knapp bekleideten Ensemble aus Zypern.

Christiane, die meine vorübergehende Verwirrung nicht bemerkt, fährt fort: „Das war nur so eine verrückte Idee. Als Aserbaidschan im letzten Jahr gewonnen hat, wusste ich noch nicht mal, wo das Land überhaupt liegt. Ich habe mir eine Landkarte angeschaut und habe mir gesagt, hey, dahin solltest du mal fahren. Ich fahre mit einem Freund und wir werden sehen, ob wir auf dem Weg dorthin vielleicht den einen oder anderen Auftritt organisieren können. Es ist nicht so leicht, wegen der Konflikte zwischen den einzelnen Ländern. Man kann nicht von Russland nach Aserbaidschan fahren oder von der Türkei nach Rumänien. Auf jeden Fall wollen wir ein Auto kaufen, in dem wir notfalls auch übernachten können. Und ich möchte auch ein bisschen Russisch lernen. Ich glaube nicht, dass sie in der Ukraine und Georgien Englisch oder Deutsch sprechen.“ Sie grinst. „Ich weiß, dass 'Swoboda' auf Russisch Freiheit heißt. In Georgien darf man das Wort 'Swoboda' auf der Straße eigentlich nicht laut sagen. Als ich das gehört habe, habe ich gesagt, „Aber das ist eins der wenigen Wörter, die ich kenne!“ Sie überlegt einen Moment. „Swodoba, Freiheit. Spasiba, danke. Prawda, Wahrheit.“

Illustrationen: (cc)Christiane Rösinger by OTRS/ Christina Zück/ Wikimedia/ Videos Depressiver Tag (cc)playgrrround;