Chris Patten, ein echter Politiker

Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2005
Artikel veröffentlicht am 10. Dezember 2005

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Erfrischend offen gibt der Ex-Kommissar für Außenbeziehungen, Chris Patten, seine Ansichten über Europa und die Welt in seinem Buch „Not quite the Diplomat“ preis. Mit café babel sprach er in ebenso offener Manier.

"Bill Clinton, José Barosso, Kofi Annan..." In nonchalanter Weise zählt Sir Howard Davies, Rektor der London School of Economics (LSE), die Namen berühmter Männer auf, und weist dabei auf die eingerahmten Fotos ehemaliger Redner der Universität hin. Aufmerksam hört ihm ein Mann zu, der mit Leichtigkeit derselben Kategorie hoch einflussreicher Politiker zugerechnet werden kann: Chris Patten. Er hatte bereits unzählige Positionen im Politikgeschäft inne, darunter den Vorsitz der Konservativen Partei Grossbritanniens und den Posten des Gouverneurs von Hong Kong.

Als der Rektor der LSE seine kurze Einführung beendet, trete ich hinzu und schnappe mir einen Sitz gleich neben dem früheren EU-Kommissar. Er ist auf meinem Campus, um für sein neuestes Buch "Not quite the Diplomat" ("Kein echter Diplomat") zu werben. Darin schreibt der Ex-Politiker über Weltpolitik und überschreitet dabei alle Grenzen von "political correctness". Genau das macht es zu einem angenehmen und zugleich ungewöhnlichen Lesevergnügen. Demnach ist Pervez Musharraf, der Präsident Pakistans, nach Ansicht Pattens "kein Demokrat". Der Vizepräsident der USA Dick Cheney hat die Angewohnheit, den Rest der Welt zu verarschen. Und der russische Präsident Vladimir Putin ist ein Lügner. Das mag vielleicht jeder in der höheren Gesellschaft denken, doch nur dieser Mann hat den Mumm, es so deutlich aufzuschreiben.

Den Euroskeptikern die Stirn bieten

Es wäre falsch zu behaupten, der Chris Patten von heute sei zu einem muffeligen alten Nörgler verkommen. Seine Enttäuschung über die Welt ergießt sich in eine reiflich überlegte Kritik und einigen erhebenden Anregungen für eine internationale Agenda des Wandels.

Um die Ansichten dieses pro-europäischen Konservativen (einer seltenen Spezies in Großbritannien) in internationalen Angelegenheiten etwas zu verdeutlichen, beginne ich mit einem heiß diskutierten Thema: Großbritannien und die EU. "Die wichtigste Sache dabei ist", nach Patten, "dass Großbritannien eine kühnere Führung braucht. Zu viele Politiker haben sich durch den euroskeptischen und manchmal ausländerfeindlichen Teil der Presse Angst einjagen lassen. Die Politiker müssen anfangen, die positiven Seiten für Großbritannien zu betonen, wenn sie eine führende Rolle in Europa spielen wollen."

Hört, hört! In den Augen der Medien hält die zwiespältige Loyalität zu den USA Großbritannien davon ab, sich voll in Europa zu engagieren. Wie weit sollte Downing Street bei der Unterstützung der unilateralen Politik der Bush-Administration gehen? "Ich denke nicht, dass Bushs Außenpolitik eine typisch amerikanische Politik ist. Die Meinungsumfragen zeigen, dass die Mehrheit der Amerikaner ihre Sicht auf die Welt nicht grundlegend geändert hat. Wir sollten nicht annehmen, dass die Richtung, die einige bestimmte Nationalisten und Neokonservative eingeschlagen haben, irgendetwas Dauerhaftes darstellt. Damit in den USA das Argument von der internationale Zusammenarbeit wieder die Oberhand gewinnt, muss Europa zeigen, dass es kein Rivale, sondern ein Partner der Vereinigten Staaten sein will. Zweitens sollte es eine größere und verantwortungsvolle Rolle übernehmen, damit multilaterale Lösungsansätze in die Tat umgesetzt werden können."

China sollte Indien nacheifern

Aber heutzutage sind solche multilateralen Lösungen nur möglich, wenn sie die wachsenden Giganten Asiens, wie zum Beispiel China, mit einschließen. Nach Meinung der Experten wird das 21. Jahrhundert stark von dieser mächtigen Nation geprägt sein. Zu verdanken ist dies zum größten Teil seinem derzeitigen Wirtschaftswachstum. Jedoch muss sich das Reich der Mitte in Zukunft einem starken Wandel unterziehen. Wird es zu einer egalitären demokratischen Utopie oder zu einem oligarchischen totalitären Desaster? "Ich glaube, dass die Situation in China auch nicht anders ist als anderswo. Während die Förderung von Wirtschaftswachstum ohne demokratische Strukturen möglich ist, ist der Erhalt des Wachstums ohne größere Beteiligung und der Schaffung eines Rechtsstaats schwierig. Und noch schwieriger ist es in einer derart [zentral geplanten] Wirtschaft Innovation zu fördern."

Der frühere Entwicklungsminister für die überseeischen Gebiete Großbritanniens vergleicht das Land mit einem anderen erfolgreichen asiatischen Tiger. "Indien ist bereits demokratisch. Nach der Durchsetzung von Wirtschaftsreformen begann der Boom. Das Land musste keine weiteren fundamentalen Veränderungen vornehmen, um weiteres Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. China muss früher oder später politische Veränderungen vornehmen, die einen wirtschaftlichen und sozialen Wandeln ermöglichen. Es ist in unser aller Interesse, dass dies eher auf sanfte Art und Weise als chaotisch passiert."

Ein prinzipientreuer Politiker

Zurück zu seinem eigentlichen Spezialgebiet: Europapolitik. Was für einen Rat hat der frühere Kommissar für seine aktuellen Nachfolger angesichts der vermehrt negativen Presse um das Brüsseler Establishment? "In meinen Augen sollten sie ein wenig mehr Pragmatismus an den Tag legen. Ich denke nicht, dass es in der heutigen Situation viel Sinn macht, die wirtschaftliche und politische Integration voranzutreiben. Wir hatten genauso viel, wie der Markt tragen konnte. Aber die EU muss mutiger und energischer ihrer Forderung nach einer liberalen Agenda für die Wirtschaft Nachdruck verleihen."

Ich entschließe mich, die Frage auszuweiten und nach einem Rat für Politiker im Allgemeinen zu fragen. Was für Vorraussetzungen müsste jemand mitbringen, der in die Politik will? "Gott bewahre", seufzt Patten. Der inoffizielle "Doktor der Politik" verrät mir sein Rezept: "Besonders wichtig ist es, sich darüber im klaren zu sein, dass eine Politikerkarriere nicht wie andere Berufskarrieren verläuft. Die Art von Karriere wie sie im Finanzbereich oder als Wirtschaftsprüfer zu erwarten ist, ist weder möglich noch empfehlenswert, wenn du in der Politik bist. Politiker sollten klare Prinzipien und Werte haben, denen sie folgen." Weise Worte von einem Mann, der sich lange Jahre in der politischen Arena behauptet hat und diese nun als gereifte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens verlässt.